Kultur

Valentinstag im Museum of Broken Relationships in Zagreb

Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2012
Die 42-jährige Olinka Vištica und ihr Exfreund Dražen Grubišić haben aus ihrer Trennung kreatives Potenzial geschlagen. Sie haben seit 2007 ihre eigenen und die Erinnerungstücke anderer verflossener Beziehungen in einem Museum in Zagreb ausgestellt, sind mit der Expo um die Welt getourt und haben den European museum award 2011 für das innovativste Konzept abgestaubt.
Ihr Statement zum Valentinstag: Es ist auch ok allein zu sein.

Cafebabel.com: Serbische Silikonbrüste, eine Haarsträhne aus Skopje oder eine Axt aus Berlin: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Objekte als Erinnerungsstücke an vergangene Liebesgeschichten auszustellen?

Olinka Vištica: Es war diese Art letztes Gespräch - das Ende einer Beziehung. Auch wenn die ganze Sache freundschaftlich auseinander geht. Das war eine harte Zeit für Dražen und mich. Diese Situationen voller Stress und Unbehagen stecken aber andererseits voller Kreativpotenzial. Normalerweise machen die Menschen einfach so weiter wie vorher und dröhnen sich mit neuen Ideen und Dingen zu. Also haben wir uns gedacht: Was ist mit dem Teil unseres Lebens, der sich soeben in Nichts aufgelöst hat? Wie kann man diesen Teil festhalten oder etwas aus ihm für die Zukunft mitnehmen? Wir dachten uns, dass es großartig wäre, wenn es einen Platz gäbe, an dem man all diese Erinnerungen sammeln und ablegen könnte – so etwas wie ein Museum. Daraufhin vegetierte die Idee für einige Zeit in meinem Computer. Dražen rief mich erst 2 Jahre später für eine Gruppenausstellung in Zagreb an; wir wurden genommen. Wir hatten 2 Wochen, um alles vorzubereiten, E-Mails an Freunde zu verschicken, die wiederum E-Mails an Freunde verschickten…

Cafebabel.com: Nach welchen Kriterien sucht ihr die Ausstellungsstücke aus?

Olinka Vištica: Da waren so viele 'Spender'. Es war ziemlich schwer die Objekte auszuwählen, deshalb sind wir nach Kategorien vorgegangen. Manche sind auch noch bei mir zu Hause eingelagert (manchmal kommt mir das wie ein Fluch vor). Der Ausstellungsbereich ist in 8 Räume aufgeteilt. Wir wollen dem Besucher anhand einiger Hinweise eine Richtung vorgeben. So durchläuft er verschiedene emotionelle Stadien. Im ersten Raum dreht sich alles um Versprechen und Nähe, der Beginn von jeglicher Form von Liebe. Danach folgen Lust und Verlangen, Wut und Rage, Hochzeiten und Rituale usw. Das Konzept 'Zeit' war ziemlich interessant, wir haben viele Uhren und Wecker in unserer Sammlung. Einmal kam eine Dame für eine donation extra aus Dublin angereist. Sie war mit ihren Töchtern vor ihrem augeflippten Ehemann im Boot von Großbritannien nach Irland geflüchtet. Das hat uns berührt. Das klingt jetzt bestimmt ziemlich kitschig, aber das ist fast wie bei der Organspende, als gibst du einen Teil deiner selbst.

Cafebabel.com: Euer Museum stellt seit 2009 permanent in Zagreb aus, tourt aber auch um den Globus. 

Olinka Vištica: Das Projekt ist einfach über uns hinausgewachsen. Zagreb hat vieles zu bieten, aber alles geht ziemlich drunter und drüber hier. Was hätten wir mit den ganzen Objekten anstellen sollen, nachdem das erste Projekt beendet war? Einfach wegwerfen? Wir haben daraufhin versucht hier in Zagreb dauerhaft auszustellen und haben viele Anfragen aus dem Ausland erhalten. Das Ausstellungskonzept hängt auch von lokalen Organisatoren ab – die lokale Community mit einzuschließen, ist eigentlich am wichtigsten. Normalerweise reisen wir mit einer Reihe an festen Ausstellungsobjekten an, und der Aussteller vor Ort organisiert eigene 'Spendenaktionen', damit die Ausstellung Lokalfarbe bekommt.

Cafebabel.com: Kritiker sagen, euer Konzept sei purer Kommerz – es fehle die ästhetische Herangehensweise. Wie reagiert ihr auf diese Art von Kritik?

Olinka Vištica: Keiner kann von dem Projekt leben; es reicht, um die Miete zu zahlen. Ok, unser Projekt ist vielleicht ein wenig 'borderline'. Aber es ist mir eigentlich schnuppe, ob Leute denken, unser Museum sei zu kommerziell. Alles was innere Erfahrung in etwas Neues umwandelt, kann als Kunst betrachtet werden. Du versuchst über ein gewisses Medium Statements über deine Gedanken zu machen. Bei uns gibt es den Moment der Kreation, denn es werden auch Geschichten zu den Objekten erzählt, die der Besucher für sich weiterspinnen kann. Wohin wir auch gehen, nehmen Künstler aktiv am Projekt teil. Unsere Ausstellung hat dokumentarischen und emotionalen Wert.

Cafebabel.com: Gibt es einen historischen Balkan-Subtext in der Ausstellung?

Olinka Vištica: Die Geschichten haben oft mit kulturellem Erbe und Identitätsfragen zu tun. Einige Geschichten aus Zagreb – oder sollten wir es etwas weiter fassen 'von diesem Teil der Erde' - aus Slowenien oder auch Serbien sind unseren sehr nahe. Darüber waren wir uns von Anfang an bewusst. Trennungsgeschichten sind universell – von den Philippinen bis nach Kroatien. Jeder reagiert auf die gleiche Art und Weise. Aber über die intimen Geschichten kann man Mentalitäten und Kulturen aufspüren, manchmal sogar historische Begebenheiten. Vielleicht haben die Menschen, die unsere Ausstellung in Singapur besucht haben, noch nie etwas über unseren Krieg gehört – und die kroatischen Geschichten sprachen teilweise über unseren Krieg. Wir sind auch mit einem Projekt namens ‘Broken hearts in broken territories’ durch die ehemaligen Staaten Jugoslawiens getourt. Wir teilen immer noch die gleichen kulturellen Referenzen, egal was in der Vergangenheit geschehen ist. Wir haben einen sehr berührenden Brief von einem 12-jährigen Jungen aus Sarajevo bekommen. Als er damals die Stadt mit seinen Eltern verlassen musste, verliebte er sich in ein Mädchen in einem vorbeifahrenden Auto.

Cafebabel.com: Das “Museum der kaputten Beziehungen” hat deine Beziehung zu Dražen gewissermaßen wieder gekittet. Wie kommt ihr damit klar?

Olinka Vištica: Ohne das Projekt stünden wir heute nicht in Kontakt. Das zeigt, dass Beziehungen sich ändern können. Nichts ist eine Tragödie. Es bleibt immer etwas, das dich mit diesem Menschen verbindet. Ich habe großen Respekt für Dražen, wir haben das alles irgendwie gemeinsam gemeistert. Das ist wertvoll und unterwegs lernt man eine Menge. Ich kann nur über mich selbst sprechen, aber es muss nicht immer unbedingt schmerzvoll ablaufen.

Cafebabel.com: Kommen Leute mit Beziehungsproblemen zu dir?

Olinka Vištica: Ja, aber ich bin kein Psychologe. Vielleicht weiß ich sogar weniger als all diese Leute zusammen. Ich habe wahrscheinlich alternative Ansichten. Aber für mich und mein Leben wird es sich in Liebesdingen immer um ein Mysterium handeln. Man macht einfach immer wieder die gleichen Fehler. Aber was ist schon ein Fehler? Das ist relativ, das passiert jedem überall auf der Welt. Wenn es einem gut geht, muss man sein Glück nicht so dringend mitteilen. Unsere Ausstellung soll auch zeigen, dass es ok ist allein zu sein. Weißt du, in unserer globalisierten Welt muss alles immer in schön geregelten 'Pärchen' funktionieren, Plätze im Kino sind billiger für zwei. Aber vielleicht kann Alleinsein auch eine bereichernde Zeit sein. Macht was draus!

Illustrationen: ©brokenships.com; Olinka ©KK