Kultur

Unmut in Unmikistan

Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 28. Februar 2007
Ob unabhängig oder nicht, die Bewohner des Kosovo wünschen sich nur eines: dass die Besatzung unter der Leitung der Vereinten Nationen beendet wird.

Großer Markt in Pristina, November 2006: Die Geschäfte scheinen bestens zu laufen. Fatmir, ein junger Geschäftsmann, kann kaum seinen Jubel unterdrücken angesichts der vielen Schaulustigen, die zwischen den Auslagen an Tomaten und Melonen herumspazieren. Nicht weit von den Obstständen entfernt, blüht auch der Handel mit CD- und DVD-Raubkopien. Auch nachgemachte Jeans der Marke Diesel werden feilgeboten - direkt unter den Augen der anwesenden KFOR-Offiziere.

Fatmir, der quasi sein ganzes Leben im Exil in Deutschland verbracht hat, besitzt jetzt ein kleines Geschäft, in dem er auch seine Brüder und Cousins beschäftigt. Er habe sich hier fest etabliert, sagt er. "Der Krieg ist zu Ende".

Spannungen und Abhängigkeiten

Nach der Bombardierung Serbiens durch die NATO im Jahre 1999 scheint das Leben im Kosovo wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen. Die langen Flüchtlingszüge sind heute Geschichte, und nur einige brandneue Denkmäler, die zu Ehren der „Patrioten“ der Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK) errichtet wurden, zeugen vom vergangenen Krieg.

Dennoch schwanken die 2,1 Millionen Einwohner zwischen Vorsicht und Skepsis, während sie auf die Entscheidung über den endgültigen Status des Kosovo warten. Am 26. Januar hat die Bekanntgabe des lang erwarteten Berichts Martti Ahtisaaris, des Sondergesandten der Vereinten Nationen, die Debatte über eine eventuelle Unabhängigkeit der Region erneut angefacht.

Der Plan der UNO, der eine Art Souveränität des Kosovo vorsieht, wurde am 14. Februar vom serbischen Parlament in Belgrad abgelehnt, das sich jeder Form von Emanzipation widersetzt. Die Lage ist angespannt.

Ausländische Besatzung

Bis eine Entscheidung getroffen wird, verwaltet die UNO den Kosovo. Seit 1999 sollen die ständig vor Ort anwesenden Truppen der internationalen Staatengemeinschaft Ausschreitungen verhindern.

Damit kommen zwar Geld, aber eben auch Menschen zum Wiederaufbau ins Land: einige Einheimische, genervt durch diese „Invasion“, haben ihr Land sogar in „UNMIKistan“ umbenannt. Viele können kaum erwarten, dass die Ausländer wieder gehen.

Nach Schätzungen der UNMIK (Übergangs-Verwaltungs-Mission der Vereinten Nationen im Kosovo), wurden zu Zeiten der stärksten Kampfhandlungen bis zu 19 000 Soldaten im Kosovo eingesetzt. Fast 6500 ausländische Arbeitnehmer wurden in das Land geschickt, um die Aktivitäten der UNMIK, der KFOR, der OSZE und Hunderter anderer nichtstaatlicher Organisationen vor Ort zu konsolidieren. 2005, so schätzt UNMIK, ist das Bruttoinlandsprodukt des Kosovo durch die Anwesenheit dieser internationalen Arbeitskräfte sogar um neun Prozent gestiegen. Obwohl sie offiziell immer noch zu Serbien gehört, scheint die Provinz zur Zeit von internationalen Organisationen verwaltet zu werden.

Parallelverwaltung

Typisches Beispiel dieser Einmischung ist bösen Zungen zufolge die Hauptstadt Pristina. Sie liegt hübsch in Hügel eingebettet, über ihr liegt Rauch aus dem nahe gelegenen Elektrizitätswerk. Es herrscht emsige Betriebsamkeit. An den Geldautomaten ersetzen Euro-Scheine den serbischen Dinar. An den Grenzen der Provinz haben Zollkontrolleure Posten bezogen, die von der KFOR kommandiert werden.

Der Einfluss der internationalen Gemeinschaft geht jedoch über die bloße Geldfrage hinaus. Ob es sich nun um die Verwaltung des Polizeiapparates, die Organisation von Wahlen, das Gesundheitswesen, die Energieverwaltung oder das Bildungswesen handelt: Die Regierung des Kosovo, unerfahren wie sie ist, ist zum großen Teil auf die Ausländer angewiesen.

So verfügen die Polizeipatrouillen über einen ganzen Fuhrpark glänzender Fahrzeuge. Jede internationale Organisation sitzt in ihrem eigenen Gebäude, die über die ganze Stadt verstreut sind. Einige sind ziemlich imposant, einige sehr modern, wie das der OSZE.

Geschäfte und Bauboom

In der Gegend schießen Geschäfte wie Pilze aus dem Boden. „Die Geschäfte gehen sehr gut, selbst wenn keine Saison ist“, versichert der Kellner eines Bistro. Kaum zu glauben angesichts leerer Terrassen.

Nicht nur die Innenstadt von Pristina profitiert von dieser kosmopolitischen Besatzung: Die Wohnviertel am Stadtrand erleben einen Bauboom. Der Eigentümer des Velania Guest house zeigt stolz den im Bau befindlichen Anbau seines Gästehauses. Vlatko, ein Bosnier, der auf der Baustelle arbeitet, erklärt, dass er „das Dreifache von dem verdient, was er in Sarajewo bekommen würde. Und außerdem gibt es hier keine Steuern.“ Alle Arbeiter auf dieser Baustelle sind Ausländer.

Die jungen Kosovaren sind unterqualifiziert. Sie sind zu zahlreich, als dass sie, wie ihre Eltern, von der Landwirtschaft leben könnten. Sie sind von diesem UNO-Bienenstock ausgeschlossen und streifen orientierungslos durch die Straßen und die Cafés der Stadt. Mitten in der Woche verbringt ein Mittzwanziger, den alle Welt „Tag“ nennt, seinen Nachmittag im Café. Nach Aussage der UNMIK sollen 39,5 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos sein. „Tag“ hat ebenfalls keine Arbeit. „Es gibt keine Arbeit, also hängt man mit seinen Freunden rum“, sagt Tag und spricht damit für eine Jugend, die in Apathie versinkt.

Inmitten eines zerbrechlichen Friedens ersteht das Leben von neuem, aber in ständiger Ungewissheit. Und jeden Abend erinnern die gepanzerten Fahrzeuge der KFOR-Streifen die Bürger daran, dass Pristina noch immer unter bewaffneter Aufsicht steht.