Kultur

„United States of Love“: Polen war damals wild

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2016

United States of Love des polnischen Regisseurs Tomasz Wasilewski, in dem vier starke Frauenfiguren in den 1990ern zwischen grauen Nachwende-Plattenbauten und gedeihendem Kapitalismus nach Glück suchen, hat auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch abgestaubt.

Polen wurde in den neunziger Jahren wild. Es war eine Mischung aus gezähmten sozialistischen Grau und einem pubertierenden Kapitalismus. Ebendieser roch zwar nach Freiheit und ließ Schmetterlinge im Bauch flattern. Nach jedem Annäherungsversuch machte er allerdings einen Rückzieher, um sich hinter dem Beton der Plattenbauten zu verstecken und dort Blödsinn zu treiben.

Tomasz Wasilewskis Film  Zjednoczone Stany Miłości (United States of Love) spielt in einer kleinen, undefinierbaren, neuen, von null auf aus dem Boden gestampften (Vor)Stadt, einem Plattenbau-Mikrokosmos dieser Zeit. Entworfen, wie so zahlreiche andere, als Utopie-Gestalt für den Menschen des Sozialismus. Erbaut in der Nähe einer Fabrik, die irgendetwas produziert, bietet diese Stadt ihren Einwohnern alles, was sie brauchen. Eine Schule, eine in einer Baracke improvisierte Kirche, die sonntags immer rappelvoll ist, ein Krankenhaus, ein Schwimmbad und einen Friedhof.

Noch nicht ganz fertig ist sie, diese Stadt, als Lech Wałęsa 1980 durch den Zaun der Danziger Werft springt und die Berliner Mauer fällt. Vieles ändert sich und es gibt keinen Weg zurück - jetzt gibt es hier auch Aerobic-Kurse und eine kleine Videothek, die eine der Hauptfiguren - Agata - betreibt (Julia Kijowska). In der Schule wird Russisch- durch Englischunterricht ersetzt und die Lehrerin - Renata - ausgetauscht. Alles scheint sehr instabil, Werte ändern sich über Nacht. Und all das passiert wahnsinnig schnell.

Diese Brüche generieren auch Absurditäten, die der Film mit dezent groteskem Humor aufgreift, so erfrischend und sauber - polnisches Kino eben. Vor allem aber gibt es hier große Träume, Wodka und Liebe - ein politisch interessiertes, aber resistentes Trio, das wie die nahegelegene Weichsel, in der viele ertrunken sind, rücksichtslos bleibt und im Winter mit der Dicke ihrer Eisoberfläche täuscht.

Wenn die Liebeszustände hier vereint sind, dann eben durch diese Realität, in der man hinter den dünnen Wänden den Nachbarn hört und die kaum Alternativen bietet. Liebe ist in Wasilewskis Film nicht nur rücksichtslos, sondern auch absolut, bedingungslos und gefährlich. In gewisser Hinsicht ist sie wie der polnische Kapitalismus der neunziger Jahre, oder wie ein kindischer Diktator, der die starken Frauenfiguren dieser Geschichte manchmal auf die Knie zwingt, sie demütigt und entmündigt und ihnen andererseits aber eine unwiderstehliche Kraft gibt. Die Kraft, sich zu rächen. Liebe beeinflusst hier alles und verlangt nach allem; sie lässt sich nicht linear erzählen oder begreifen, was sich auch in der Narration des Films spiegelt.

Ein bewegendes Porträt von vier Frauen, die in dieser Welt nach Glück suchen. Egal in welcher Form. In der Bedingungslosigkeit liegt die Universalität dieser Geschichte, ihre Vielschichtigkeit und Farbe. Wer fragt, warum es hier schon wieder alles so grau ist, hat das, worum es eigentlich geht, nicht verstanden.

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Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.