Kultur

Ungarischer Film Taxidermia - Horrorschocker oder Historienlehrstück?

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2012
Es ist ein Film, der in kein Genre passt: Einige nennen “Taxidermia” eine schwarze Komödie, andere halten ihn für einen Horrofilm. In Wahrheit ist er eine filmische Auseinandersetzung mit der ungarischen Geschichte – und der Gegenwart.

Eigentlich ist Taxidermia- Friss oder stirb ein ästhetisches Meisterstück: Immer wieder zieht der 33-Jährige Regisseur György Pálfi Parallelen zu bekannten Kollegen. Stilmittel des amerikanisch-britischen Terry Gilliam tauchen auf, ebenso wie Elemente des tschechischen Filmmachers Jan Svankmajer und des Briten Peter Greenaway. Taxidermia erzählt die Geschichte dreier Männer - Großvater, Vater und Sohn - in nur 91 Minuten. Sie beginnt mit Vendel Morosgovanyi (Csaba Czene), der in einem Außenposten des Militärs arbeitet und von seinem Chef schikaniert wird. Wenn Vendel nicht gerade Befehle ausführt, vertreibt er sich die Zeit mit Masturbieren.

Balsam für die Katzen

Morosgovanyis Sprössling Kálmán (Gergõ Trócsányi) hat ein ähnlich bizarres Hobby: Er arbeitet als professioneller Wettesser und wächst kontinuierlich in die Breite. Als er in Rente geht ist er so dick, dass er sich kaum mehr bewegen kann. Weil er selbst so viel isst, mästet er auch seine drei Katzen; bevorzugt mit Margarine. Sein Sohn, der hagere Lajos (Marc Bischoff), kümmert sich so gut er kann um den Vater. Doch eines Tages vergisst er, das Gehege der Katzen zu schließen und die hungrigen Tiere fallen über Kálmán her. Als Lajos seinen Vater findet, ist der längst tot. Lajos, beruflich Tierpräparator, balsamiert daraufhin alle ein: Den Vater, die drei Katzen – und sich selbst.

Der Film, der 2006 zum ersten Mal auf dem Firm-Festival in Cannes gezeigt wurde, ist kein platter Horror-Schocker. Vielmehr steht seine Handlung für den Zustand der modernen Gesellschaft: Die erste Generation, die ihren Samen verstreut, wo sie nur kann, soll ein Gleichnis für den Imperialismus sein, der auch eroberte, wohin er einen Fuß setzte. Die zweite Generation spiegelt die ungarische Konsumgesellschaft wieder; Menschen, die alles essen und schlucken, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Auch darin sieht der Regisseur eine Art Imperialismus: Statt Ländern sammelten die Menschen nun eben Konsumgut.

Ein Gleichnis dreier Generationen

Der dritte Sohn symbolisiert die Gegenwart. Sie folgt auf den unausweichlichen Zusammenbruch der vorherigen Generation, die ihren Hunger nach Leben verloren hat und sich kaum mehr rühren kann. Sie hat zu Lebzeiten so viel konsumiert, dass für ihre Nachfolger nichts mehr übrig blieb. Lajos baut sich eine Maschine, um sich selbst einbalsamieren zu können. Auch unser Leben ähnelt Pálfi zufolge einer komlexen Maschine: Wir beschneiden uns selbst und flicken die Wunden, indem wir konsumieren. Mit aller Kraft wollen wir das System erhalten und an die nächste Generation weitergeben. Dabei sind wir nicht mehr als ein Relikt, das höchstens als Ausstellungsstück im Museum dient. Dort endet auch Lajos einbalsamierter Körper.

(Foto: (cc) Offizielle Homepage von des Films)