Kultur

Ungarisch-slowakisches Geschichtsbuch - Träum weiter!

Artikel veröffentlicht am 20. November 2007
Artikel veröffentlicht am 20. November 2007
Der gemeinschaftliche Vorschlag eines Historikerausschusses steht für Anfang 2008 auf der ungarisch-slowakischen Agenda, doch bereitet den Ländern jetzt schon Kopfzerbrechen.

Die Idee eines gemeinsamen Geschichtslehrbuches entstand schon 1951 auf der ersten Deutsch-Französischen Konferenz. Die ungarischen und slowakischen Verfechter eines Kompromisses nennen nun Histoire-Geschichte (Nathan/ Ernst Klett Verlag) - das deutsch-französische Geschichtsbuch, das am 5. Mai 2006 vorgestellt wurde - als Vorbild. Drei Jahre hatte es gedauert, eine endgültige Version zu erarbeiten - wobei dieser erste Teil nur die Zeit von 1945 bis heute behandelt. Das zweite Buch, Von der Industriellen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg, in dem auch die bei weitem schwierigeren Beziehungen der beiden Staaten in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts behandelt werden, soll erst 2008 erscheinen.

Der slowakische Premier Robert Fico und sein ungarisches Pendant Ferenc Gyurcsany hatten nach einem Gipfeltreffen im vergangenen Juni Plâne für ein gemeinsames Geschichtsbuch angekündigt. "Die Bezeichnung 'gemeinsames Lehrbuch' führt in die Irre", merkt der Historiker Attila Simon in der Mitte-Rechts orientierten, ungarischen Wochenzeitung Heti Válasz an. "Es handelt sich vielmehr um Ergänzungsmaterial zu den 'normalen' Lehrbüchern. Die Bedürfnisse von Schülern in Ungarn oder der Slowakei liegen anderswo." Es handele sich um eine Idee, die "in der Ablage 'wichtige zu besprechende Dinge' verstaubt, bis die nächste Alarmglocke für ungarische, rumänische und slowakische Politiker schrillt", kritisiert der ungarische Experte György Jakab.

Geschichte wird 'schön' geschrieben

Sowohl die slowakisch-ungarischen Beziehungen als auch die Beziehungen zwischen Rumänien und Ungarn sind reich an Missverständnissen und Differenzen; die politische Geschichte ist von Mythen über die Gründung der Staaten, Freiheitskriege und Gebietsfragen geprägt. Den Kontext der politischen Geschichte in einem Schulbuch außen vorzulassen und sich auf weniger widersprüchliche sozio-kulturelle Konzepte zu konzentrieren, ist keine sinnvolle Lösung.

Ein Beispiel: In Folge des Ersten Wiener Schiedsspruches von 1938 (im Jahr 1947 annulliert) erhielt Ungarn Gebiete der heutigen Slowakei zurück, die es 1920 im Vertrag von Trianon verloren hatte. In Ungarn trägt dieser Vorgang den Namen 'die Rückkehr des südlichen Hochlands nach Ungarn'. Die Slowaken nennen ihn die 'zeitweise ungarische Besatzung und der Verlust der Südslowakei' - zwei unversöhnliche Konzepte.

(Foto: Hansolo/ flickr)

Eine weitere irritierende Tatsache ist, dass sowohl die rumänischen als auch die slowakischen Schulbücher die gegenwärtigen Grenzen behandeln, als wären diese durch die gesamte Geschichte hinweg konstant gewesen. In slowakischen Schulbüchern ist die Rede von einer 'Slowakei', die schon im sechzehnten Jahrhundert existiert habe (was erst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall ist). Ungarische Experten sehen dies als Geschichtsfälschung.

In den ungarischen Büchern wiederum wird häufig die Rolle von nicht-ungarischen Persönlichkeiten in der eigenen Landesgeschichte missachtet, ebenso wie die Tatsache, dass ein Großteil des Landes für lange Zeit unter fremder Kontrolle stand. Barna Ábrahám, Historiker an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität in Budapest, weist auf die Interpretationsprobleme hin. "Ein ungarisches Geschichtsbuch kann etwa einen Adligen aus der Grafschaft Liptó (die heutige Liptovsky-Region in der Slowakei) einen Ungarn nennen. Der aber hat im Grafschaftsrat auf Lateinisch debattiert oder auf Slowakisch. Wahrscheinlich konnte er kaum Ungarisch!"

Ein ferner Traum

Immer mehr slowakische und rumänische Forscher besuchen die Ungarischen Nationalarchive und die Nationale Széchényi–Bibliothek ('Országos Széchényi Könyvtár', OSZK), die bereits zu Zeiten der östereichisch-ungarischen Doppelmonarchie (1867-1918). Zentralbibliothek war. Vergleichbare Einrichtungen existieren in Bratislava oder Bukarest nicht.

Nach Ansicht mancher Ungarn sollten mehr Mittel für die Übersetzung ungarischer Werke verwendet werden, statt sich zu sehr auf das gemeinsame Schulbuch zu konzentrieren. Es gibt erfolgreichen Bürgerinitiativen, wie etwa die Budapester Terra Recognita-Stiftung, die von ungarischen Forschern zum Zwecke der Völkerverständigung in Zentraleuropa gegründet wurde. Hier findet sich eine junge Generation von Historikern zusammen: Ungarn, die mit ihren jungen slowakischen Kollegen Gemeinsamkeiten suchen, mit Wissenschaftlern, die aus den Schulbüchern der unabhängigen Slowakei gelernt haben.

Doch es gibt immer noch einige Differenzen. "Am meisten stört es, wenn unsere slowakischen Kollegen uns die Minderheitenpolitik des Dualismus kritisieren lassen, aber sich weigern, die tschechoslowakischen oder gar die slowakischen Minderheitenangelegenheiten zu diskutieren", erklärt Csaba Zahorán, ein Mitbegründer von Terra Recognita. Außerdem ist in der Slowakei ein Buch des Ungarn Ignác Romsics über den Trianon-Vertrag erschienen, ein großer Erfolg in Bratislava. Doch Trianon schmerzt immer noch allen Ungarn. Viele glauben noch immer, dass nur rein ungarische Gebiete abgetrennt wurden, während in Wirklichkeit in vielen Gebieten (z.B. Süd-Transsylvanien oder das nördliche Hochland) kaum Ungarn lebten.

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Kurzer Geschichts-Check Up

1867: Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, schließt die heutige Slowakei mit ein

1920: Vertrag von Trianon: Ungarn verliert 71% seines Gebietes und 66% seiner Bevölkerung. Die Slowakei geht in der Tschechoslowakei mit auf.

1938: Erster Wiener Schiedsspruch (Süd-Slowakei zurück an Ungarn)

1939: Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei

1939: Ausrufung der Ersten Slowakischen Republik

1947: Vertrag von Paris: Ungarn verliert die zwischen ’38 und ’41 gewonnenen Gebiete

1949: Ausrufung der Kommunistischen Volksrepublik Ungarn

1969: Ausrufung der Förderation der Tschechischen Sozialistischen Republik und der Slowakischen Sozialistischen Republik (Tschechoslowakei)

1989: Demokratisierung Ungarns

1993: Ausrufung der Slowakischen Republik und Tschechischen Republik

Aus dem Ungarischen ins Englische übersetzt von Lóránt Havas