Kultur

Tom Tykwers 'The International': Die Krise auf den Leinwänden der Berlinale

Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2009
Die 59. Berlinale öffnete ihre Vorhänge an diesem Donnerstag mit Tom Tykwers Thriller The International, der zur Weltpremiere und Abendgala die gesamte deutsche Schauspielprominenz von Natalia Avelon bis Jürgen Vogel an den Potsdamer Platz brachte.

Anders als der illustre Titel vermuten lässt, geht es in The International aber nicht um kulturelle Vielfalt oder unterschiedliche Lebensweisen. Im Gegenteil, der Film thematisiert kriminelle Machenschaften im internationalen Bankengewerbe und ist damit unverhofft aktuell. Wo im letzten Jahr mit den Rolling Stones und Scorceses Konzertfilm Shine a Light gefeiert wurde, ist nun Bedachtsamkeit angesagt. Die Berlinale besinnt sich auf ihre politischen Wurzeln und bietet gleich eine ganze Palette von Produktionen, die die dramatischen Folgen der Globalisierung aufzeigen.

Der Global Player in The International heißt IBBC, The International Bank of Business and Credit. Es ist eine Bank, die Waffengeschäfte, Mord und Krieg zu ihrem Geschäftsmodell gemacht hat. An die Hisbollah liefert IBBC Billigraketen aus China und an die Israelis das passende Abwehrsystem im selben Zug. Die New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts) und Interpol Agent Louis Salinger (Clive Owen) haben sich das unmögliche Ziel gesetzt, die Organisation zu Fall zu bringen. Doch was nutzt es, eine Bank auffliegen zu lassen, wenn so gut wie alle Finanzinstitute, Regierungen und Geheimdienste in den Fall verwickelt sind? „Der Fehler liegt im System“, analysiert Tykwer auf der Pressekonferenz und lässt in seinem Film Fragen nach Recht und Wahrheit bewusst unbeantwortet. Unbeachtet dessen, kämpfen die beiden Helden an einsamer Front für ihre Ideale und wechseln dabei öfter die Länder als ihre Arbeitskleidung. Angefangen am Berliner Hauptbahnhof führt The International über Afrika bis in die Gassen des großen Istanbuler Bazars.

©berlinale.de

Obwohl Tykwer mit seiner Produktion klar ein Massenpublikum ansprechen möchte, verwährt er das Happy End im klassischen Sinne, denn Salingers Klärung des Falls ist - wenn überhaupt - nur temporär. Der ehemalige Stasi-General und IBBC-Informant Wilhelm Wexler (Armin Mueller-Stahl) drückt es in einer philosphisch anmutenden Szene so aus: „Nur Geschichten machen einen Sinn, die Realität hat keinen!”

Trotz aller Aktualität ist Tykwers Film kein gewollter Streifen über die Finanzkrise, denn der Regisseur bastelte insgesamt sechs Jahre an seinem Werk. Es ging ihm viel mehr darum, Personen zu zeigen, die sich gegen ein überwältigendes System stellen, ähnlich wie schon Lola, in ihrem Wettlauf gegen Zeit und Autorität.

The International ist ein schnell geschnittener, actiongeladener Thriller, der merklich am Verschleiß von Kinosesseln beteiligt sein wird. Nach einer packenden Anfangsszene, in der Salingers Kollege auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, vermutet man in jeder Person einen Auftragskiller und in jeder Szene lauert der Tod. Die erzeugte Paranoia hat etwas Perverses - jeden kann es treffen, und der Schurke wird während des spektakulären Showdowns im New Yorker Guggenheim Museum fast noch gut.

Wo bleibt die Moral, scheint Tykwer in seinem Eröffnungsfilm zu fragen und skizziert damit einen roten Faden, der sich durch das ganze Festival zieht. In The Yes Men Fix the World nehmen zwei politische Aktivisten die ganze Freiheit des freien Marktes aufs Korn und stellen Konzerne wie Exxon oder Halliburton bloß. Gus Van Sants Milk, ein Highlight des Panoramas, erzählt die Geschichte des ersten bekennenden schwulen Politikers Kaliforniens, der in den 1970er Jahren erschossen wurde. Sturm von Hans-Christian Schmid beschäftigt sich mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und mit dem Vorleser kommt Bernhard Schlinks Bestseller über Naziverbrechen und Sühne auf die Leinwand. Um es mit den Worten des 12-jährigen Sohnes von IBBC-Manager Scarsson in The International auszudrücken: „Wenn es keinen Ausweg gibt, muss man eben tiefer rein.”

Mehr zum Festival, den Filmen und dem Geschehen auf dem roten Teppich findet Ihr in unserem Berlinaleblog.