Kultur

Tilda Swinton: "Eine menschliche Geste. Das ist Kino"

Artikel veröffentlicht am 19. August 2009
Artikel veröffentlicht am 19. August 2009
Sie hat in den Filmen von David Fincher, Jim Jarmusch oder den Coen Brüdern mitgespielt, aber ihre Leidenschaft für das Kino treibt sie immer wieder zurück in ihre Heimat Schottland. Denn dort organisiert sie ein mobiles Kinofestival der anderen Art.

Tilda Swinton ist Schauspielerin und wurde 2008 mit dem Oskar für ihre Rolle in Michael Clayton ausgezeichnet. Zudem ist sie Schriftstellerin, Journalistin und ehemalige Direktorin des Filmfestivals in Edinburgh. Zusammen mit Mark Cousins hat sie sich eine einzigartige Hommage an das Kino ausgedacht: Mit einem magischen Lastwagen, der nachts zum Kinosaal wird, durchquert sie Schottland von Ost nach West. Während der ersten Augustwoche machte der Laster mit Namen Pilgrimage Halt in den kleinen schottischen Dörfern nahe des Loch Ness. Hier werden auf dem Parkplatz einer Schule Meisterwerke des Kinos präsentiert. Eine Begegnung mit zwei Kinobegeisterten mitten auf einem weiten Feld.

Man kommt nicht umhin, hinter dem Wanderfestival, das Sie dem Kino gewidmet haben, eine gehörige Portion Aktivismus zu vermuten. Passt dieser Begriff oder ist er zu politisch?

Tilda Swinton: Nein, genau das ist es: Aktivismus.

Mark Cousins: Als wir noch jünger waren, haben wir gegen Margaret Thatchers Politik demonstriert und „Maggie verschwinde!“ auf der Straße gerufen. Wir haben uns gegen etwas ausgesprochen. Heute sprechen wir uns für etwas aus. Für das Kino.

(eugene/flickr)TS: Wir sind hier alle Aktivisten. Auch die Besucher oder "Pilger". Sehen Sie sich nur mal die ganzen Schilder an, auf denen man Namen wie Kurosawa oder Cyd Charisse liest und sogar Zitate von Robert Bresson findet. Vor jeder Vorführung gibt es Musik und Tanz. Schauen Sie sich die Fahne mit der Aufschrift State of Cinema (ein Wortspiel des Englischen, das sowohl „Kinostaat“ als auch „Zustand des Kinos“ bedeuten kann; A.d.R.) an. Diese Art und Weise, Kunst zu leben, ist fast schon hyperaktiv.

MC: Sich hier einen Film anzusehen, ist etwas ganz besonderes. Ich habe La nuit du chasseur (auf Deutsch „Die Nacht des Jägers“; A.d.R.) schon tausend Mal gesehen. Bis wir ihn in Dores (einer der Stationen des wandernden Kinos; A.d.R.) gezeigt haben, hatte ich trotzdem noch nie solche Reaktionen des Publikums gesehen oder gehört. Als Lilian Gish mit ihrem Gewehr auf Robert Mitchum zielt, haben die Zuschauer applaudiert und sogar richtig geschrien.

An jeder Station und jeden Abend spürt man die kindliche Aufregung, die sich im Inneren des Lastwagens breitmacht. Sind Sie sich dieser Unschuld, die die Zuschauer empfinden, wenn sie ihre Gefühle zulassen, bewusst?

TS: Seit dem ersten Festival in Nairn (der kleinen Stadt an der schottischen Ostküste, in der die Schauspielerin wohnt; A.d.R.) im letzten Jahr, haben uns besonders die älteren Zuschauer immer wieder gesagt: „Seit meiner Kindheit habe ich mich nicht mehr so gefühlt.“ Die Beziehung, die Mark und ich zwischen den Filmen und seinen Besuchern herstellen wollen, ist von Vertrauen bestimmt. Die Leute wollen diesen oder jenen Film nicht nur deswegen sehen, weil es die letzte Vorstellung ist, weil sie die Schauspieler mögen oder weil die Kritiken gut sind. Es gibt kein Marketing. Es ist viel eher eine Art, mit dem Kino wieder zu verzaubern. Das ist durch den Druck, den das Leben auf den Einzelnen ausübt, irgendwie verloren gegangen.

Zum Aktivismus gehört auch die Gemeinschaft. Etwa vierzig „Pilger“ haben uns während der ganzen Zeit begleitet.

TS: Die Gemeinschaftsidee steht hinter allem, was Mark und ich anpacken. Es wäre aber weit gefehlt, wenn man behauptete, dass das Ganze mit Spiritualität zusammen hänge. Das Kino ist ein Geschäft, auch wenn es manchmal spirituell erscheinen mag. Es gibt sogar einen bestimmten rituellen Code! Wie man ins Kino geht, wie man sich hinsetzt, wie man wartet, bis der Film beginnt. Wir haben Filme ausgesucht, die dazu passen.

MC: Die ganzen soziologischen Untersuchungen zu diesem Thema sagen mehr oder weniger das Gleiche: Die Leute werden immer einsamer. Wir haben nach und nach verlernt zu teilen – egal ob es um Besitz oder um Gefühle geht.

Wie haben Sie das Programm, das sowohl La Nuit du Chasseur von Charles Laughton als auch Au hasard, Balthazar (auf Deutsch „Zum Beispiel Balthasar“; A.d.R.) von Robert Bresson umfasst, ausgewählt?

TS: Das war sicher die leichteste Aufgabe. Das hat uns nur vier Minuten und die Rückseite einer Postkarte gekostet. Wir hatten den Kopf voller Filme und mussten leider viele streichen. Wenn ich sie alle hätte zeigen können...

Hat Ihr Oscar etwas verändert? Hat er die Organisation des Pilgrimage-Festivals erleichtert?

"Wir beantworten keine Fragen, wenn ihr nicht kommt, um zu sehen, was hier vor sich geht"

TS: Wir hätten dieses Festival mit oder ohne meinen Oscar gemacht. Aber ihn zu haben ist sicherlich nicht schlecht. Die nationale und internationale Presse ist so auf das, was wir hier machen, aufmerksam geworden. Ich mag die Vorstellung, dass jemand ein Flugzeug nach Chicago nimmt, die Times aufschlägt und von der Pilgrimage liest, vom Kino in Nairn.

MC: Natürlich haben wir uns immer gewünscht, etwas zu machen, das man auch sieht. Deswegen haben wir allen Journalisten gesagt, dass wir ihre Fragen nicht beantworten, wenn sie nicht zu uns kommen und mit eigenen Augen sehen, was hier vor sich geht.

TS: Sie dachten, dass wir den Kino-Lastwagen nur für das Foto herumkutschieren. Aber als sie meinen roten und verschwitzten Kopf gesehen haben, nachdem ich fast eine Viertelstunde daran gezogen habe, haben sie begriffen, dass es hier nicht ums Aussehen geht.

Gibt es den Kino-Staat wirklich?

TS: Ja, es gibt ihn und er ist greifbar. Das Kino ist der Ort, an dem sich eine Gemeinschaft herausbildet.

MC: Für die Menschen, die sich auf die eine oder andere Art „anders“ fühlen, die wie ich zum Beispiel ein bisschen am Rande ihrer Kindheit stehen, ist das Kino zu einer Heimat geworden. Es ist der Ort, an dem ich geboren bin.

"Wenn ich nach dieser Woche total erschöpft bin, dann liegt das daran, dass wir drei Meisterwerke pro Tag gesehen haben"

TS: Eine menschliche Geste. Das ist Kino! Wenn ich an die ganzen Filme denke, die wir in dieser unglaublichen Woche gesehen haben, an die verschiedenen Kinotraditionen, mit denen wir uns auseinandergesetzt haben, seien sie indisch, chinesisch oder britisch: Das ist „Begegnung“. Kino ist unglaublich! Wir können unser Leben und unsere Emotionen auf die Leinwand bringen und gleichzeitig etwas Neues schaffen, etwas zurückgeben. Es ist eine Doppelbewegung: Man geht von sich selbst aus und kommt zu sich zurück. Deshalb haben wir auch Filme ausgewählt, die atmen. Filme, die ihre stillen Momente haben, diesen Raum, den man für die Projektion braucht. In einer Zeit, in der man Handlung bevorzugt, ist das nichts Gewöhnliches. Wenn ich nach dieser Woche total erschöpft bin, liegt das nicht an der Organisation, sondern eher daran, dass wir drei Meisterwerke pro Tag gesehen haben. Auf anderen Festivals kann man vier oder fünf Filme am Tag sehen, aber es ist sicher nicht mehr als ein Meisterwerk darunter. Die Pilgrimage hat da mehr zu bieten.