Kultur

Telejato: Fernsehen gegen die Mafia

Article published on 18. November 2008
Article published on 18. November 2008
Im sizilianischen Partinico hat Pino Maniaci eine Art CNN als Familienbetrieb gegründet. Mit den „längsten Nachrichten der Welt“ und rund 150.000 Zuschauern kämpft der kleine Sender gegen die Mafia.

Nach den Drohungen der Mafia gegen den Schriftsteller Roberto Saviano schrieb der Kunstkritiker ©Fascio e MartelloVittorio Sgarbi in dem Tagesblatt Il Giornale: „Die wahre Antimafia ist das Tun. Man darf sich nicht wie ein Opfer inexistenter Drohungen aufführen (die Mafia droht nicht, die Mafia schießt und streitet das Offenkundige dann auch noch ab), man muss sich völlig normal verhalten. Indem man lebt, schreibt und auf die Kraft des Staates vertraut.“ Jahrzehntelang hat diese Kraft die „Frontjournalisten“ im Stich gelassen, all jene, die für Ermittlungen ihr Leben aufs Spiel gesetzt und mitunter verloren haben. Und noch nicht einmal nach ihrem Tod sorgte der Staat für Gerechtigkeit. Wie beispielsweise im Fall des Journalisten Mauro De Mauro, der aufgrund seiner Ermittlungen gegen die Mafia im Jahr 1970 ermordet wurde. Die Schuldigen sind bis heute nicht bekannt.

Dass sich die Mafia aufs Schießen beschränkt, ist ein Märchen aus anderen Zeiten, denn sie versucht vor allem Medienrummel zu vermeiden und unbequeme Stimmen durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen. Nach den Mafiamorden an Journalisten in den Siebzigern und Achtzigern kam 1993 der Einzelfall des Mordes an Beppe Alfano. Und wenn Roberto Saviano am Ende auswandert, hat die Camorra ihr Ziel erreicht, ohne eine einzige Patrone zu verschwenden. Dies bedeutet nicht, dass man weniger aufpassen muss, sondern, dass es gerade die Aufmerksamkeit der Medien ist, die unbequemen Journalisten die Haut retten kann. Auch Pino Maniaci, Journalist und Inhaber des sizilianischen Lokalsenders Telejato, kennt die Drohungen der Mafia. Er wurde von dem minderjährigen Sohn eines Mafiabosses angegriffen. Auch ein Fahrzeug des Senders wurde abgebrannt.

Mikrofernsehen und „der Boss der Bosse“

Telejato ist ein kleiner, lokaler Fernsehkanal im sizilianischen Partinico. Ursprünglich gehörte der Sender der Linkspartei Rifondazione Comunista, wurde dann aber 1999 kurz vor dem Konkurs von dem damaligen Unternehmer (als solcher nicht besonders erfolgreich, wie er selbst gesteht) Pino Maniaci übernommen. Maniaci stand damals vor diversen Problemen. Da waren die vom Vorgänger geerbten Schulden, die Auflagen wegen der Klassifizierung als „Gemeinschafts-Sender“, die Pflicht zur Eigenproduktion und die Einschränkungen für Werbung, die nur drei Minuten pro Stunde ausgestrahlt werden durfte. Aber er ließ sich den Mut nicht nehmen. Und so entstand mit der Zeit die Idee, Telejato als eine Art Amateur-CNN in Taschenformat zu betreiben, die sich den ermittelnden und anklagenden Journalismus auf die Fahne schreibt. So entstanden die „längsten Nachrichten der Welt“ mit zwei Stunden Beiträgen von 14.30 bis 16.30 Uhr, die von fast allen Zuschauern mitverfolgt werden - 150.000 Personen in 25 Gemeinden der Provinz Palermo, die das TV-Signal aus Partinico empfangen.

Und unter diesen Zuschauern gibt es natürlich auch Mafiosi, die dank der Nachrichten der Familie Maniaci - Pino wird von seinen Kindern Letizia und Giovanni sowie einigen über die Region verteilten Mitarbeitern unterstützt - stets über die Angelegenheiten der rivalisierenden Clans informiert bleiben. Auch der „Boss der Bosse“ Bernardo Provenzano, der 2006 nach 40 Jahren Untergrund verhaftet wurde, verfolgte aus seinem Versteck in der Nähe von Corleone aufmerksam die Nachrichten von Telejato. Am Telefon erzählt uns Pino Maniaci, dass er sich jedes Jahr mit einem Appell an Provenzano gewandt hatte: „Im Januar wünschten wir ihm immer ein frohes neues Jahr und baten ihn im selben Atemzug, doch kein Arschloch zu sein und sich zu stellen.“

„Wir leben wie im Irak: Hier wird geschossen“

Nicht nur die Mafia versucht der journalistischen Arbeit von Pino Maniaci einen Riegel vorzuschieben. Zu den Einschüchterungsversuchen und Aggressionen kommen Klagen und Anzeigen von Politikern und Unternehmern. Allein von der Likörbrennerei Bertolino, die zu den größten Europas zählt und die Telejato wegen der Umweltverschmutzung durch ihre Fabrik anklagt, wurden bereits 200 Prozesse angestrengt. „Was wir hier tun, hat keinen Erwerbszweck, wir schaffen es gerade, die Kosten des Senders zu decken und hin und wieder im Café ein Brötchen zu kaufen“, sagt Maniaci. „Wir tun es, weil der Journalismus, der eigentlich der Wachhund der Macht sein sollte, auf einen Chihuahua zusammengeschrumpft ist. Und die einzige Möglichkeit, ihm seine wahre Rolle zurückzugeben, besteht darin, ohne falsches Schweigen heiße Themen anzusprechen. Dies macht Omertà (Schweigepflicht unter Mafiamitgliedern, A.d.R.) und Unterlassungen der lokalen und nationalen Blätter wesentlich peinlicher. Bis vor kurzer Zeit lieferten diese Zeitungen nur halbe Informationen, zum Beispiel, indem sie die Namen der wegen Mafiaaktivitäten verhafteten Personen nur als Initialen angaben. Während sie vorher über das Geschlecht der Engel meditierten, haben wir sie gezwungen, unserem Beispiel zu folgen, sodass sie jetzt auch über die Mafia schreiben.“

Ebenso wie das Werk des haitischen Journalisten Jean Leopold Dominique, der sich für die Freiheit seines Volkes einsetzte, in dem Dokumentarfilm The Agronomist von Jonathan Demme verewigt wurde, erscheint im Dezember nun die Dokumentation Telejato - La Tv Più Bella Del Mondo (Telejato – der beste Fernsehsender der Welt) von dem italo-französischen Team Mon Amour Film. Pino Maniaci kann sich darüber nur freuen, denn: „Es ist die Popularität, die dir das Leben rettet. Wir leben an der Front. In der Umgebung von Partinico gab es im vergangenen Jahr sieben Morde. Das ist wie im Irak: Hier wird geschossen“.