Kultur

Techo y Comida: Spaniens Kino der Generation Krise

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2016

Techo y Comida, Gewinner in zwei Kategorien beim Filmfestival von Málaga und dreifach nominiert für den spanischen Filmpreis Goya, entblößt Spanien in einem vernichtenden Tatsachenbericht über die 'Generation Krise'.

Das bewegende Erstlingswerk Techo y Comida (in etwa: 'Kost und Logis') von Jungregisseur Juan Miguel del Castillo sorgte beim letzten Filmfestival von Málaga für Aufsehen. Der Film zeigt die harte Realität, die in Spanien in den letzten Jahren pausenlos in Form von Breaking News auf seine Bürger einprasselte: Zwangsräumungen! Seit sich dieses Szenario zum traurigen Alltag der spanischen Gesellschaft entwickelt hat, zählt es zu den Herausforderungen des sogenannten „Gesellschaftskinos“, das Thema nicht bloß in Dokumentarfilmen abzubilden, sondern ihm hinsichtlich des Filmgenres Drama-Status beizumessen. Del Castillo gelingt dieser Balanceakt in seinem Spielfilmdebüt bravourös. Sein Streifen lässt das Publikum buchstäblich um Luft ringen.

Zu verdanken ist das zweifellos auch Schauspielerin Natalia de Molina (Vivir es fácil con los ojos cerrados), welche die Protagonistin Rocío mimt, eine junge alleinstehende Mutter, der das Leben viel zu früh einen üblen Schicksalsschlag verpasst hat. Mit einem Kind am Hals, in einer baufälligen Wohnung, ohne Uni-Abschluss, arbeitslos und verschuldet, taumelt Rocío in einem Strudel aus Trägheit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Das Wasser steht ihr in diesem angeblichen Wohlstands-System, das jedoch von Mangel- und Erschöpfungszuständen durchzogen ist, schon längst bis zum Hals.

Regisseur Juan Miguel del Castillo macht dem Zuschauer diesbezüglich nichts vor: Pech und Misere verfolgen die Protagonistin von Anfang bis zum Ende auf Schritt und Tritt. Das Gefühl des Ertrinkens verstärkt sich durch die ihr wie ein Schatten folgende Kamera. Doch die gepeinigte und leidende Rocío voller Ängste und Unsicherheiten, der eine in Spanien mittlerweile allseits bekannte Natalia de Molina Gesicht und Seele verleiht, ist nicht mehr als die Repräsentation all dieser anonymen Rocíos am Rande der Armut und aller Opfer der verheerenden Folgen der Krise. Unter den wenigen Nebendarstellern sticht die wunderbare Mariana Cordero hervor, die „Schutzengel-Nachbarin“, die etwas Erleichterung in diese von Grund auf pessimistische Erzählung bringt.

Juan Miguel del Castillo verurteilt seine Protagonistin nicht und verzichtet auf übertrieben ausgeschmückte Inszenierung - die Geschichte wird so eingehend natürlich dargestellt und überzeugt durch ihre überwältigende Ehrlichkeit. Techo y comida legt den Finger mitten in die Wunde und stellt Verantwortliche bloß. Wirklich beschämen sollte dieser Film aber jene Institutionen, die sich entschieden haben, diese schmerzhafte und viel zu alltäglich gewordene Realität in Spanien bewusst auszublenden. Obwohl Techo y Comida zu einem günstigen Zeitpunkt, kurz vor den spanischen Parlamentswahlen, in die Kinos kam, ist es ein Jammer, dass sich die Produktion wohl auf eine Festivaltour mit spärlichem Publikum beschränken wird.