Kultur

Tahar Ben Jelloun, Kurs Süd!

Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2006
Tahar Ben Jelloun, 62 Jahre alt, der französischste aller marokkanischen Autoren über seinen letzten Roman, die Immigration vor den Toren der EU und über verzogene, europäische Kinder.

„Partir“ – „Aufbrechen“. Der Titel von Tahar Ben Jellouns Werk, dessen Autor seit einigen Jahrzehnten zwischen Tanger und Paris lebt, beschwört die Melancholie, das Warten und ein Anderswo, das zwangsläufig besser sein muss. Pünktlich zum Erscheinungs-Termin des Buches Ende Januar haben wir ein Rendez-Vous im Café der Pariser Snobs, „de Flore“. Es ist früh: Die Literaturikonen und die Möchtegernstars mit zögerlicher Geste und schlafverhangenem Blick ihren ersten kleinen Schwarzen des Tages genießen. Der Saal ist in goldbraunes Licht getaucht, mit roten Lederbänken und in einen „Art Déco“-Spiegel gehüllt. Der morgendliche Klatsch der crème de la crème des St. Germain-Viertels rauscht an mir vorbei.

Bezaubert von den Spiralen, die in meinem Viereurovierzigkaffees drehen, hebe ich den Kopf zum Eingang der Lokals. Gerade hat Tahar Ben Jelloun die Schwelle übertreten: Er ist von gewaltiger Statur und stellt einen grünen Filzhut zur Schau. Ohne zu zögern kommt er auf meinen Tisch zu und setzt sich. Der Blick ist durchdringend, der Händedruck fest und das Lächeln, hinter einem kurzen weißen Bart versteckt, gutmütig. „Wir sind auf dem Laufsteg der Selbstdarsteller“, steckt er mir verschwörerisch zu. „Als ich in Paris ankam, ging ich oft ins ‚Flore’. Heute kaum noch. Das ist mittlerweile der Promotion-Platz des Showbusiness.“

Franko-orientalisch

Geboren in Fes 1944, studiert Ben Jelloun Französisch, wird Philosophieprofessor in Tetuan, und verlässt anschließend Marokko, um in die französische Hauptstadt zu ziehen und dort 1971 seinen Doktor in Psychologie zu machen. „Ich bin nicht dafür ausgebildet worden, in den Gymnasien die Arabisierung der Philosophie und die islamischen Lehre anstelle der universalistischen zu unterrichten. Deshalb bin ich gegangen. Trotzdem fühle ich mich nicht wie ein Exilautor. Wenn ich auch schwierige Zeiten durchgemacht habe, habe ich doch niemals das Gefühl gehabt, es sei unmöglich zurückzukehren, mein Heimatland sei mir für immer verschlossen.“ Im Post-68er Paris fühlt er sich wohl und fängt an, regelmäßig in der Bücherrubrik von Le Monde zu schreiben. 1973 veröffentlicht er seinen ersten Roman „Harrouda“. „Ich bin kein arabischer Autor, da ich auf französisch schreibe. Für mich ist es eine Freude, mich in einer Fremdsprache, die ich beherrsche, auszudrücken. Selbst wenn meine Phantasie von der orientalischen Zivilisation gepägt bleibt.“

Der Blick meines Gegenübers ist schwer zu fassen, seine Wörter von Schamgefühl gelenkt. 1956 wird er, noch Student, angeklagt, bei den Aufständen in Casablanca beteiligt gewesen zu sein und für 18 Monate in ein Erziehungslager der marokkanischen Armee geschickt. Seitdem hat der Autor von „La Nuit sacrée“ ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu seinem Land. „Sagen wir, ich verspüre eine ‚wachsame’ Liebe für Marokko. Ich bleibe luzide und kritisch, was ja das Wesen eines Schriftstellers ist. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass es dem Land viel besser geht als noch vor zehn Jahren. Die Journalisten können leicht kritisieren und behaupten, dass die Fortschritte nicht ausreichten, dennoch hat Mohammed VI einen bemerkenswerten Bruch mit dem Werk seines Vaters Hassan II vollzogen. Eine Aufgabe, die noch kein arabischer Staatschef in Angriff nahm: Sein Volk über die Jahre der Unterdrückung und der Ungerechtigkeiten Zeugnis ablegen zu lassen, um anschließend einen Strich unter diese Vergangenheit ziehen zu können.“ Eine positive Entwicklung, die jedoch nicht den Drang jungen Marokkaner, zu fliehen, verschleiern kann. „In den letzten 15 Jahren gingen immer mehr junge Marokkaner, die sich trotz ihres Studiums ohne Arbeit wiederfanden, nach Europa. Das wurde schon zu einer regelrechten Obsession: Was sie in Marokko nicht schafften – in Europa wird es schon klappen.“

Ja zur Türkei und zu Marokko

Die illegale Einwanderung ist der Leitfaden von Ben Jellouns neuem Werk und dient als Vorwand zu einem „langsamen Abstieg in die Hölle“ seines Helden Azel, einem marokkanischen Exilanten in Barcelona. Der Tod afrikanischer „Clandestinos“ in den spanischen Stacheldrähten von Ceuta und Mellila war letzten September in den Medien sehr präsent. Brüssel wurde daran erinnert, wie dringend es ist, eine Lösung für die Immigration zu finden. Doch Ben Jelloun bedauert, „dass eine echte EU-Politik in dieser Hinsicht scheinbar nicht anders funktioniert als über Unterdrückung und Ausschluss.“ Ihm zufolge gehen manche europäischen Länder mit der Einwandererfrage besser um als andere: „Schweden zum Beispiel zeigt eine gute Haltung. Vor allem deshalb, weil es keine historischen Verbindungen zu afrikanischen Ländern hat.“ Für Ben Jelloun, der regelmäßig für La Repubblicca oder die katalanische Zeitung La Vanguardia arbeitet, ist Europa eine „große Chance. Aber seine Bürger sind sich nicht im Klaren darüber, wie glücklich sie sein können, in Nationen zu leben, wo Frieden herrscht, wo es Sicherheit gibt und Wohlstand. Das sind verzogene Kinder, die ihren Vorfahren danken sollten, die gelitten haben, um ihnen diese Einheit zu bieten, die auf Freiheit, Demokratie und Respekt gegenüber dem Individuum basiert.“ Ein flammendes Plädoyer, dass ihn nicht hindert, gewisse Hindernisse anzuerkennen: “Ein oberflächliches Leben gleicht dem Tod!“, fügt er eilends hinzu.

Was die Erweiterung der EU betrifft: “Falls die östlichen Länder zu Europa gehören, dann muss man auch die Türkei und Marokko aufnehmen. Marokko hat ein Recht, als Teil Europas zu gelten. Es pflegt Beziehungen zum Kontinent und teilt mit ihm eine Sprache“, stößt mein Gast vor. „Wäre übrigens Algerien nicht unabhängig geworden, wäre es zwangsläufig heute europäisch. Und Ceuta und Melilla, die zwei spanischen Enklaven auf marokkanischem Gebiet, sind eindeutig europäisch, also warum nicht auch Marokko?“ Wenn Ben Jelloun auch nicht so weit geht, einen Beitritt zu fordern, so stellt er sich doch vor, dass diese mediterrane Öffnung „das Problem der illegalen Einwanderung regeln und den Islamismus und Fanatismus dadurch an ihrer Wurzel bekämpfen“ werde.

„Partir“ von Tahar Ben Jelloun, Gallimard, 270 p., 17,50 €. Voraussichtliches Erscheinungsdatum in Deutschland: September 2006 (Berlin Verlag)