Kultur

Tadschikistan: Kapitalismus-Training

Artikel veröffentlicht am 7. November 2006
Artikel veröffentlicht am 7. November 2006
Lutfula Yacoubov betreibt im tadschikischen Chudschand eine Disko. Die Einwohner der Stadt verehren den Neo-Kapitalisten wie einen Helden.

In den Straßen von Chudschand, der zweitgrößten Stadt in Tadschikistan, liegen die Ferien in der Luft. Auf den Terrassen der kleinen Cafés sitzen junge Leute und essen Milcheis mit Erdnusssplittern. Schwarze Mercedes fahren vorüber, hinter dem Steuer werden die neuesten Handymodelle zur Schau getragen.

Die Luxusgüter sind weit entfernt von der wirtschaftlichen Realität der zentralasiatischen Republik, die eingezwängt zwischen Afghanistan, China, Kirgisien und Usbekistan liegt. Schon zu Zeiten der Sowjetunion galt Tadschikistan als ärmster Zögling des groen Bruders. Die 1991 erreichte Unabhängigkeit hat daran nichts geändert. Der Bürgerkrieg von 1992 bis 1997 hat den Staat in ein wirtschaftliches Chaos gestürzt. Heute leben vier von zehn Tadschiken in größter Armut.

Heroin und Zuckerwatte

Tadschikistan wird vom Schwarzmarkt regiert. Das Land ist zu einem Königreich für Kleinhändler aller Art geworden. Seit dem Bürgerkrieg haben Drogenhändler freie Hand. Heroin ist allgegenwärtig: Tadschikistan ist der Umschlagplatz im Drogenhandel zwischen den Produzenten in Afghanistan und den Konsumenten in Russland, Europa und Amerika.

Das Bruttoinlandsprodukt, so die Weltbank, sei in den letzten Jahren um fast neun Prozent gestiegen – ein Beweis für den Erfolg der „Geschäftsleute“. Hier kann man ein Internet-Café eröffnen oder ein paar Goldringe aus Usbekistan mit einem Aufschlag von 20 Prozent weiterverkaufen. Man kann Zuckerwatte feilbieten oder Fahrrad-lipioschkas.

„Ich bin ein Vorbild für die jungen Leute hier“

Lutfula Yacoubov, 32, ist ein junger Familienvater. Man trifft ihn stets in Anzug und Krawatte an. Er ist der Besitzer der einzigen Disco der Stadt, auerdem gehören ihm weitere Geschäfte in der Umgebung.

„Chudschand ist eine kleine Stadt, in der jeder jeden kennt. Ich bin ein Vorbild für die junge Generation hier. Aber ich bin eigentlich nur ein kleines Licht im Vergleich zu den großen Fischen in der Stadt.“ Höfliche Referenz an die lokale Mafia, an Drogengeschäfte und korrupte Beamten.

Begonnen hat alles vor rund zehn Jahren. Damals fing Yacoubov an, von zu Hause aus Schokolade und Kleider in die Nachbarländer nach Usbekistan und Kirgisien zu verkaufen. Mit 23 machte er seinen eigenen Friseursalon auf und studierte nebenbei Wirtschaft. Damals, kurz nach Ende des Bürgerkrieges, stand Tadschikistan wirtschaftlich am Abgrund. Nach weniger als einem Jahr hatte Yacoubov einen modernen Salon aufgebaut und leitete 25 Mitarbeiter.

Im Jahr darauf wechselte er das Metier und erstand für einen Spottpreis ein weiteres Geschäft, das er in eine Apotheke umwandelte. Die „Luftula Apotheke“ war die erste Apotheke in der Region, die 24 Stunden lang geöffnet hat. Keine andere Apotheke konnte diesem Erfolg etwas entgegen setzen.

Die Methode von Yaboucov ist einfach: Preise senken und Werbung machen. In einem ehemaligen kommunistischen Land ist das revolutionär. Schlielich verkaufte Yaboucov den Friseursalon und die Apotheke und versuchte sich in einer höheren Liga. Er eröffnete die erste Disco in Tadschikistan. Sie ist zugleich der einzige kulturelle Treffpunkt, inklusive Restaurant, Billardsaal, Karaokebar und Kino. Sie öffnet um sieben Uhr am Abend ihre Pforten und schließt sie nicht vor drei Uhr nachts.

Keine kapitalistische Mentalität

„Mein Ziel ist nicht, zu besitzen, sondern wieder zu verkaufen und die Menschen zum träumen zu bringen. Ich sehe Sessel, die in Europa in Mode sind und stelle sie zu geringeren Kosten her. Niemand ahnt etwas davon, aber es bringt die Leute zum träumen. Das Wichtige ist die Fantasie“, erklärt Yaboucov. „Trotzdem war nicht alles so leicht. Die Menschen hier haben keine kapitalistische Mentalität – schließlich haben die Sowjets dieses Wirtschaftssystem mehr als 50 Jahre lang heruntergemacht und kritisiert.

Der junge Geschäftmann hat der amerikanischen Nichtregierungsorganisation PRAGMA viel zu verdanken. Die Organisation wird von US Aid finanziert und hat sich zum Ziel gesetzt, kleine und mittlere Unternehmen in Zentralasien zu unterstützen. Durch ihre Hilfe konnte Yaboucov das lernen, was er selbst „die Philosophie des Erfolgs und des Kapitalismus“ nennt. Die Amerikaner haben ihm erklärt, wie man als Geschäftsmann denkt. Sein Geheimnis? „Man muss an sich selbst denken, und danach erst an die anderen. Ich denke an mich, habe Erfolg und kann dann anderen helfen.“

Auf der Tanzfläche seiner Disco bewegen sich sexy Tänzerinnen – Symbole der Modernität. Mit kleinen schicken Details begeistert Yaboucov seine Gäste. Die Disco ist seit drei Jahren geöffnet, der Eintritt kostet für Frauen über einen und für Männer vier Dollar. In einem Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen etwa 50 Dollar beträgt, ist das ein kleines Vermögen. Trotz der niedrigen Gehälter ist die Konsumgesellschaft in allen Schichten der Gesellschaft gegenwärtig. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 14. Schon Kinder sind auf der Suche nach dem neusten Handy und dem schnellem Geld.

Eine europäische Disco in Zentralasien

Duftende Seifenblasen, Spots und Discokugeln, tadschikische oder internationale Musik – Yacoubovs Disco unterscheidet sich durch nichts von anderen Tanzbars in Europa. Die einzige Ausnahme bildet die Verteilung der Geschlechter: Nur zwei junge Frauen sind in der Disco, zwischen rund zwanzig tanzenden Männern. Heute prahlt Yaboucov damit, seinen „Klub“ für mehr als 600 000 Dollar verkaufen zu können. Aber er will noch ein paar Jahre warten, bis die Preise steigen. „Danach werde ich ein anderes Geschäft aufmachen. Ich werde ihnen nicht sagen welches, aber ich weiß das es funktionieren wird. Sie werden sehen.“

“Auf der Suche des Homo Sovieticus“ – das ist die etwas verrückte Wette, die vor rund einem Jahr zwischen Evangeline Masson (24) und Patricio Diez (26) geschlossen wurde. Die beiden jungen Journalisten sind verliebt in den Osten. Zehn Monate lang sind sie zu Fuß durch die 15 ehemaligen Republiken der Sowjetunion gewandert – von Usbekistan über Russland nach Estland. Die Idee? 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion wollen die beiden durch das Zusammentreffen mit jungen Menschen aus der Region verstehen, was übrig geblieben ist vom kommunistischen Imperium. Wir werden die Artikel, die dabei entstanden sind, in loser Folge veröffentlichen.

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