Kultur

Sturm auf die Bastille des Kommunismus?

Artikel veröffentlicht am 1. April 2008
Artikel veröffentlicht am 1. April 2008
Wohin mit den Prachtbauten aus der Ostblockzeit? Abriss, Entkernung oder Wiederbelebung? Vier Beispiele zeigen, was mit den 'Ost-Dinosauriern' passieren kann.

Klangvolle, volksnahe Titel, auffallende Dimensionen und Blick fesselnde Fassaden: repräsentative Gebäude sollten die Macht des so genannten Ostblocks zur Schau stellen. Die gepredigte Synthese von Nähe und Liebe zu Volk, Kultur und körperlicher Ertüchtigung sollte verbaustofflicht werden. Doch wie verfährt Europa heute mit diesen architektonischen Monumenten einer nicht allzu weit entfernten Vergangenheit?

Berlin - Palast der Republik

Palast der Republik Berlin, DDR 1977 (Foto: Istvan/flickr)

Am 23. April 1976 wurde der Palast der Republik eröffnet. Hier wurden volksoffene Freizeitgestaltung und politische Volkskammer unter einem Dach und unter Hammer- und Zirkel-Emblem vereint, eine Mischung, die man in (kapitalistischen) demokratischen Staaten vergeblich sucht. "Das Beste war, dass die Kulturveranstaltungen im Gegensatz zu heute bezahlbar waren", erinnert sich die 61 Jahre alte Ärztin Manuela Karmein aus Potsdam und ergänzt: "Der Palast war superbeliebt bei den Leuten." Dennoch beschließt der gesamtdeutsche Bundestag 2002 die Demontage des bereits asbestsanierten DDR-Gebäudes. Jetzt soll hier ein Nachbau des Stadtschlosses her, das im zweiten Weltkrieg zerstört worden war, um, wie der Präsident des deutschen Bundestags Wolfgang Thierse erklärte, "Geschichte wiederzugewinnen". Fraglich bleibt, warum preußische Geschichte Vorrang vor DDR-Vergangenheit hat. Manuela vermutet: "Alles, was in uns als positive Erinnerung an den Sozialismus existiert, das will der Westen kaputt machen." Und auch Nina Brodowski vom Bündnis für den Palast versteht nicht, warum das Potential des Palastes als Sinnbild für eine gewaltlose Transformation zur Demokratie nicht genutzt worden sei. Seit 2006 wird der Palast kontinuierlich abgebaut.

Bukarest - Palast des Volkes

Palast des Volkes - Bukarest (Foto: Dan/flickr)

Für den riesigen Profanbau wurde 1977 ein Fünftel der Altstadt Bukarests zwangsgeräumt. Umsiedlungsunwillige Alte begingen Selbstmord, wertvolle Baudenkmäler fielen den Planierraupen zum Opfer. Die Gymnasiallehrerin Elena Colan, 65, macht sich ein wenig lustig: "Der Riesenidiot Ceauescu hat da schon was geschaffen." Während ein krudes Gemisch aus Neoklassizismus, verziert mit kitschigen Details und großprotzigen, monumentalen und einschüchternden Fassaden wuchs, musste das Volk Strom- und Wasser sparen. "Klar, für manche ist der Palast eine Erinnerung an eine schlechte Zeit", räumt Elena ein. Doch deswegen Abriss des nur zu 70% fertig gestellten Palastes? Stere Lazar, pensionierter Elektroingenieur aus Botoani, meint pragmatisch: "Es war ein teueres Projekt. Es ist gut, das Gebäude jetzt zu nutzen." Tatsächlich sind heute die rumänische Abgeordnetenkammer und der Senat im Palast untergebracht. Mittlerweile sind die Bukarester sogar irgendwie stolz auf diese schaurig-große Leistung, geschweige denn die Architektin Anka Petrescu, die für die fehlenden 30 % der Fertigstellung wieder engagiert worden ist.

Vilnius - Sportpalast

Sportpalast - Vilnius (Foto: Julija Ksivickaite)

Der Sport- und Kulturpalast auf dem rechten Flussufer des Neris liegt mitten in der historischen Altstadt von Vilnius. 1994 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt, ist die Hauptstadt vor allem von Barock-, Gotik- und Renaissancebauten geprägt. Im krassen Kontrast dazu: die moderne Betonfassade des etwa 15 000 Quadratmeter großen Mehrzweckgebäudes. Statt der geplanten 1 Million Rubel, die die Sowjetunion für den Bau beisteuerte, verschluckte der Koloss ganze 7,5 Millionen, bis endlich am 17. Dezember 1971 die 740 Sitzplätze ihre Konzertbesucher empfangen konnten. Die Erbauer erhielten einen Nationalpreis für Litauischen Modernismus. Doch die Bewohner beäugten das "graue Monster" eher misstrauisch, die moralisch-gedankliche Verknüpfung mit den Besatzungserbauern war zu frisch im Gedächtnis. Nach dem politisch-ökonomischen Wandel des Landes wurde der Palast privatisiert und nun hält er sich wacker im Sturm der Anfechtungen, die 'Bastille des Kommunismus'. Inzwischen ist der brachiale Bau unter Denkmalschutz gestellt, ob die Litauer wollen oder nicht.

Warschau - Kulturpalast

Warschau Kulturpalast (Foto: tschaut/flickr)

22. Juli 1955: der "Josef-Stalin-Palast der Kultur und Wissenschaft" wird eingeweiht. Auf die Statue des Namensgebers durfte immerhin verzichtet werden, der war nämlich mittlerweile verstorben. Stattdessen zieren Kopernikus und Arbeiterstatuen die Fassade. Der russische Architekt Lew Rudnew lebte seinen "Zuckerbäcker-Stil" aus, immerhin konnten die polnischen Kollegen bei den sowjetischen 'Gönnern' Elemente der eigenen Architektur durchsetzen. Doch die 231 Meter Höhe und 33 oberirdische Stockwerke demonstrieren die Macht der russischen Besatzer auf den Fundamenten der Ghettomauer. Während das heimliche Wahrzeichen Warschaus die ältere Bevölkerung an die Unterdrückungszeit erinnert, finden Jüngere: "Der Palast ist Kult!", so jedenfalls Jaciek Sienkiewicz, der ein Tanzlokal im Nordostflügel betreibt. Ein Abriss wäre kostspielig geworden, heißt es. Der Bau hat sich inzwischen mit seiner Nutzung als Konsum- und Unterhaltungstempel problemlos in das westlich-kapitalistische Wirtschaftsleben eingegliedert.