Kultur

Stumme Zeugen des 20. Jahrhunderts

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2006
Die Londoner Ausstellung „In the face of History“ zeigt die Menschen hinter der Geschichte des letzten Jahrhunderts.

Die Werke von Stanislas Witkiewicz, André Kértesz, Eugène Atget und Josef Sudek, die seit dem 13. Oktober im Londoner Barbican Art Galerie zu sehen sind, erzählen von den Gefahren der Abstraktion und des Größenwahns. Dazu gehören Stalinismus und Nationalsozialismus ebenso wie zunehmende Bürokratie und Entfremdung in den wachsenden Großstädten. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts glaubten, dass es sich lohne, einzelne Eier zu zerschlagen, weil nachher ein schönes Omelett dabei herauskomme. Doch der Mensch droht, in solchen Maßstäben zu einer Zahl, zu einem Nebenprodukt großer Ideen zu verkommen.

Dennoch bescheinigte der französische Philosoph Alain Badiou in seinem Buch Le Siècle dem 20. Jahrhundert eine „Leidenschaft für das Wirkliche“. Es sei selbst im Stalinismus nicht nur um große Hoffnungen und Pläne gegangen, sondern vor allem um das unmittelbare Erleben der eigenen Existenz.

Im Angesicht der Moderne

Die Barbican-Auststellung zeugt von den Spuren dieser Leidenschaft. Um die Bilder zu verstehen, muss man sich in ihre Entstehungszeit zurückversetzen. Kaum vorstellbar, welche Wirkung die Fotografie in einer Zeit gehabt haben muss, in der noch nicht die heutige Bilderflut auf die Menschen einströmte. Dauthendey, der erste Nutzer der Kamera, staunte über seine eigenen Fotos: „Die Klarheit dieser menschlichen Abbilder machte uns verlegen. Wir glaubten, dass die niedlichen kleinen Gesichter auf dem Foto uns sehen konnten. Diese ungewöhnliche Klarheit der ersten Daguerrotypien beeindruckte jeden.“

Vor allem Witkiewicz zeigt in seinen Arbeiten, wie dieser unmittelbare Kontakt mit dem abgebildeten Gegenstand verloren gehen kann. Auf den Bildern des polnischen Schriftstellers und Fotografen zerfallen die Gesichter in tausende kleine Fragmente – Sie zersplittern regelrecht im Angesicht der Moderne. Dennoch enthalten die Fotos einen messianischen Funken Hoffnung. Es werden immer Menschen übrig bleiben, die mehr sind als technische Produkte. Menschen wie Janina, deren Augen uns aus der Fotografie heraus anstarren.

Abbild des Erlebten

Fotografie ist eine Form, Geschichte zu schreiben. Die Ausstellung zeigt dem Besucher Bilder von Menschen und konfrontiert ihn so mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. So sieht man auf den Fotografien von André Kértesz Soldatentruppen, die im Jahr 1915 in Richtung der polnischen Grenze marschieren. Wer heute solche Bilder betrachtet, der weiß, welches Schicksal die jungen Männer erwartete.

Doch die Fotografie hat auch ihre eigene Geschichte. Diese verändert sich mit der Gesellschaft. Früher sah man in Fotos eine Abbildung des Erlebten und der Wirklichkeit. Heute muss das Foto nicht mehr das wahre Leben abbilden. Die meisten Leute begnügen sich damit, unterhalten zu werden, sie interessiert vor allem der Voyeurismus ohne Risiko. War die Fotografie einst das Abbild des Erlebten, so reflektiert sie inzwischen eher eine im Innern hohle Gesellschaft.

Die Ausstellung beginnt mit Werken von Eugène Atget, einem Schauspieler, der das Paris der Jahrhundertwende fotografierte. Ein Foto führt uns in die Rue de l’Abbaye. Ein Polizist sitzt rittlings auf seinem Fahrrad. Hinter ihm sieht man ein leeres Ladenfenster. Die Wohnhäuser, die sich auf beiden Seiten der Straße erstrecken, scheinen bis zum Himmel zu reichen. Die Straße ist menschenleer. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man einen Mann mit einem Sonntagshut auf dem Kopf.

Neben ihm schimmern auf dem Fotopapier zwei fast durchsichtige Personen. Sie erinnern daran, dass Fotografieren noch nicht lange eine Sache von Sekunden ist. Die beiden liefen vorbei, sie verschwanden hinter der nächsten Ecke. Der Fotograf aber hat sie festgehalten. Die Aussage von Atgets Bildern lässt sich nicht genau bestimmen. Es soll keine Idee verkauft und keine Ideologie an den Mann gebracht werden. Auf diese Bilder soll der Betrachter sich einfach nur einlassen.

Stalinistischer Ordnungswille

Ein Bild des tschechischen Fotografen Josef Sudek zeigt eine Kugel. Um sie herum liegen wertlose Geldscheine und zerknitterte Zeitungen, die von längst vergessenen Kriegen berichten. Sudek hat diese Aufnahme in einer Zeit gemachte, in der stalinistischer Ordnungswille herrschte. Sein Stillleben dagegen dokumentiert, dass im Leben nicht alles nach Regeln verläuft.

Obwohl Sudeks Objekte bewusst angeordnet sind, verlieren sie nichts von ihrer Zufälligkeit. Die Kugel und die Zeitung bleiben reale Gegenstände. Der Stalinismus beruft sich auf das Reale, darauf, dass sich Idee und Handeln vereinen. Sudek formuliert in seinen Bildern die Kritik an diesem Konzept. Seine Fotografien sind mehr als der Spiegel eines chaotischen Innenlebens, sondern ein Testament für die Planungswut Stalins.

Innere und äußere Abhängigkeit ziehen sich als Themen durch alle Fotografien. Die Ausstellung ist eine Hommage an die Vermissten, an die Abwesenden. Es ist eine Ausstellung über die europäische Fotografie im 20. Jahrhundert, aber sie zeigt weder Bilder von Gulags, noch von Konzentrationslagern oder glorreichen Schlachten. Stattdessen gibt es da ein Bild, auf dem zwei Paar Füße zu sehen sind. Emmy Andiresse hat das Foto geschossen. Zwei Jungen sitzen auf der Mauer einer Ruine und lassen ihrer Beine baumeln.

Das ist Amsterdam im Jahr 1944. In den letzten Monaten der Besatzung durch die Nazis leiden die Menschen in der Stadt unter dem so genannten Hungerwinter. Das Bild trägt diese Geschichte in sich. Wer die Füße der Jungen anschaut und ihre durchlöcherten Schuhe, wird in das Bild hineingezogen. Der Blick bleibt an einem der Zehen hängen, der aus einem der Löcher herauslugt, als ob er sich schäme. Fotografien sind stumm. Sie laden uns ein, genau hinzuschauen.

Gute Dokumentarfotografie, so wie sie die Ausstellung zeigt, ist bescheiden. Sie braucht keine herausragenden Ereignisse und keine Inszenierung. Sie hat eine Leidenschaft für das Reale. „Es gibt einen feinen Realitätssinn, der sich so direkt mit dem Objekt verbindet, dass es zu einer wahren Theorie wird“, steht schon bei Goethe.

Genau diesen feinen Realitätssinn braucht ein Fotograf, um Menschen abzubilden. Wenn die Leidenschaft für das Wirkliche am Ende des 20. Jahrhunderts nur noch leere Bildwelten erzeugen kann, so zeugen die Fotos dieser Ausstellung noch von der einzigen Leidenschaft, die tatsächlich eine Verbindung zur Wirklichkeit herstellen kann: Dem Mitgefühl.

„In the Face of History“

Europäische Fotografen des 20. Jahrhunderts

In der Barbican Art Galerie, London, 12.Oktober 2006 – 28.Januar 2007

Klicken Sie hier für weitere Informationen (mit Fotos der Ausstellung)