Kultur

Studierendenproteste in Wien: Bologna stinkt!

Article published on 26. Mai 2010
Article published on 26. Mai 2010
Ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Studierendenproteste in Wien blicken die Betroffenen mit gemischten Gefühlen zurück - und kritisch in die Zukunft.

„Protests...sorry, I don't....What do you mean?“ Das japanische Ehepaar vor dem Hauptgebäude der Universität Wien schaut mich ebenso freundlich wie verständnislos an. Von Protesten oder Hörsaalbesetzungen, die vor kurzem an den Wiener Universitäten stattgefunden haben sollen, haben sie noch nie gehört. Und in der Tat geht hier dem Anschein nach wieder alles seinen gewohnten Gang: Studierende und Lehrende hasten von einer Lehrveranstaltung zur nächsten und drängen sich in überfüllte Hörsäle, während die Büsten der eminenten Wiener Professoren im Innenhof wieder von Gesichtsbemalungen und Karnevalshüten befreit wurden. Ist also wirklich „alles wie immer“, sind die massiven Proteste von Studierenden und Lehrenden, die schnell auch über Österreich hinaus große Wirkung entfalteten, tatsächlich wirkungslos verklungen? Nicht ganz…

Audimax-Besetzung vom letzten Jahr

Che-Guevara-Nostalgie auf dem Campus - wo sind die Studenten?

Beginnen wir unsere Suche nach den Überbleibseln in der Aula am Campus, dem letzten „von StudentInnen selbstverwalteten Raum an der Uni Wien“. Allerdings finden sich in der so genannten BAula („Befreite Aula“) nur noch eine Handvoll Besetzer (oder Befreier), die sich gegenseitig salbungsvoll als „Commandante“ und „Offizier“ vorstellen und, wie sich herausstellt, allesamt keine Studenten sind. Ein „Gespräch mit Winckler“, dem Rektor der Uni Wien, fordert einer von ihnen. Man wolle dem Rektor endlich einmal die Meinung sagen. Inhaltliche Forderungen? „Wir ham’ keine Forderungen.“ Nur das Geld, das für die vielen Polizeieinsätze ausgegeben wurde, solle der Winckler ihnen bitteschön „zurückgeben“. Konkretere Anliegen der Studierenden, wie sie im Herbst in endlosen Arbeitsgruppen ausgearbeitet und in langen Forderungskatalogen niedergeschrieben wurden , sind diesen selbsternannten BAula-Befreiern offensichtlich egal.

„Bologna stinkt“

Szenenwechsel: ein geräumiger Saal im Institut für Politikwissenschaften, der von den Studierenden im Rahmen der Proteste 'erkämpft' wurde. Spruchbänder an den Wänden zeugen von den Überresten der Kampagne Bologna Burns, die im März - zum 10-jährigen Bestehen der Bologna-Reformen - noch einmal breite mediale Aufmerksamkeit erlangte: „Bologna stinkt“, „Gipfel sprengen“ oder „PoWi burns Bologna“. Von vielen würden sie um diesen Saal beneidet, meint Tobias Boos, der seit drei Jahren hier studiert und somit bereits die lange Vorgeschichte der Besetzungen miterlebt hat. Das Bild einer aus dem Nichts entstandenen, spontanen Bewegung sei ohnehin fraglich, da Proteste gegen die gravierenden Missstände bereits seit mehreren Semestern immer wieder ausgebrochen seien. Die massenhafte Mobilisierung im Oktober führt Tobias vor allem auf die „dumme Reaktion von oben“, etwa die Repressionen und verbalen Provokationen durch Rektorat und Politik, zurück. Dennoch ist er über die mittelfristige Mobilisierung in Wien rückblickend enttäuscht. Unvereinbar mit dem „individuellen Zeitmanagement“ sei eine längere aktive Beteiligung für die meisten gewesen. Das Bachelorsystem macht eben auch vor seinen härtesten Kritikern nicht halt.

Am 11. März 2010 feierte der Bologna-Prozess sein zehnjähriges Bestehen! 46 Minister der Bolognastaaten trafen sich in Wien und Budapest.

Daher ist für Tobias auch der Einfluss nicht-studentischer Gruppierungen - wie im Fall BAula - ein „zweischneidiges Schwert“. Zwar seien aufgrund der vielen diffusen Interessen „wichtige strategische Entscheidungen nicht getroffen“ sowie die Legitimität von Forderungen und Beschlüssen infrage gestellt worden. Andererseits werde mit der BAula den Studierenden ein Raum erhalten, an dem sie ihre eigenen Ideen umsetzen und Veranstaltungen organisieren könnten.

„Immerhin kennt jetzt jeder die katastrophalen Zustände“

Eine weitere Besonderheit der Proteste in Wien stellte die medienwirksame Solidarisierung von Lehrenden und Forschenden dar. Dies war auch Thomas Schmidinger zu verdanken, der als Lektor an der Uni Wien und Präsident der „IG externe LektorInnen und freie WissenschaftlerInnen“ von Beginn an seine Unterstützung für die Audimaxbesetzer öffentlich zum Ausdruck brachte und seinerseits die untragbaren Zustände an Österreichs Universitäten anprangerte. Verständnis und heimliche Sympathie für die Studierenden seien in der Tat auch unter den Lehrenden verbreitet gewesen, meint er. Eine Sympathie, die jedoch zum oberen Ende der Hierarchie hin deutlich abgenommen habe.

Schmidinger hingegen war vom Engagement der Studierenden sofort fasziniert, wobei ihn auch die große Heterogenität der Bewegung nie störte: „Es hätte mich eher beunruhigt, wenn es von vornherein eine eindeutige Linie gegeben hätte - dann hätte ich dahinter irgendeine dubiose politische Gruppierung vermutet.“. Vor allem hat die Bewegung den Lehrenden endlich auch die lange ersehnte mediale Aufmerksamkeit geboten, um auf ihre eigene prekäre Situation sowie generelle Missstände des Bildungswesens aufmerksam zu machen. Die hohe Mediatisierung und die für Schmidinger selbst „überraschend positive Berichterstattung“ zählen sicher zu den größten Erfolgen der Bewegung. So konnten auch gesellschaftspolitische Probleme wie die Ökonomisierung von Bildung oder die in Krisenzeiten noch verschärfte Prekarisierung thematisiert werden.

Ein neues studentisches Selbstverständnis?

Was konkrete Forderungen von Studierenden und Lehrenden angeht, so fällt die Bilanz hingegen nüchtern aus. „Marginale Zugeständnisse ohne reale Auswirkungen“ habe es gegeben, sagt Schmidinger, als „von Anfang an Von Wien bis Madridverlogen“ bezeichnet Tobias das Verhalten der Universität. Auf dem Papier ist also alles wie gehabt. Desillusion? Nicht unbedingt. Immerhin habe die Bewegung zu einer Politisierung der Studierenden und einem „neuen studentischen Selbstverständnis“ beigetragen, ist Tobias überzeugt. Wichtig sei es nun, neu entstandene Strukturen zu verstetigen, um so auf eigene Faust mehr studentische Selbstbestimmung zu erreichen - notfalls auch gegen den Willen des Rektorats. Darauf hofft auch Thomas Schmidinger, der in Bezug auf den Einfluss der Lektorinnen und Lektoren an der Uni trocken feststellt: „Zumindest werden wir von denen in Zukunft mehr gefürchtet.“

Erneuter Widerstand

In den letzten Tagen kochte die Stimmung an der Uni Wien dann doch noch einmal für kurze Zeit hoch, nachdem das Rektorat die Aula am Campus gegen den Widerstand der Studierenden endgültig räumen ließ und diese ankündigten, den begonnenen Hochschuldialog mit dem Wissenschaftsministerium zu beenden und den Protest wieder auf die Straße tragen zu wollen. Ob diese Ankündigung und die kurzzeitige Neubesetzung des Audimax nun ein Wiedererwachen der Protestbewegung verheißen oder nur ein Zeichen ihrer Machtlosigkeit gegenüber den Entscheidungen von Rektorat und Politik darstellen, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen und Monaten herausstellen.

Vielen Dank an dascafebabel-Team in Wien.

Fotos: Uni-Protestaktionen ©nogotiable_me/flickr und ©Daniel Weber/flickr; ©Spruchbänder ©Bertram Lang; Bologna Burns Madrid ©Cau Napoli/flickr