Kultur

Studentische Anti-Biennale

Artikel veröffentlicht am 22. September 2007
Artikel veröffentlicht am 22. September 2007
Europäische Studenten inszenieren fünf Freiluft-Verabredungen mit dem venezianischen Publikum.

Venedig, Campo San Pantalon. Ein blondes Mädchen, in kurzer Hose und Sweatshirt, macht sich hektisch an einer Eingangstür zu schaffen. Es gelingt ihr nicht, sie zu öffnen. Sie probiert alle Schlüssel aus, einen nach dem anderen. Eine Passantin kommentiert die Situation in derbem Venezianisch. Ein anderer ruft: "Holt doch den Schlüsseldienst!" Unter ihren befremdeten Blicken läuft das Mädchen einmal um den Platz und beginnt erneut, die Schlüssel einzeln auszuprobieren.

Frankfurt – Venedig - Paris

Die hektische Schlüsselsuche ist eine der fünf Freiluftperformances eines gemeinsamen Kunstprojekts (4+1) der Studenten der Iuav-Universität in Venedig und ihres deutschen Pendants, der renommierten Städelschule in Frankfurt. Die europäische Kunstinitiative zählt nicht fünf, sondern "4+1" Events, betonen die Künstler. Ziel des Projekts, das im Frühjahr 2007 konzipiert wurde, war es zu zeigen, dass es auch außerhalb der bekannten Künstlerkreise eine Szene gibt, die den Sinn und das provokative Potenzial von Kunst reflektiert. Ein Gegenmodell zur etablierten Kunstbiennale in Venedig, die am 21. November 2007 in der Lagunenstadt zu Ende gehen wird.

Wir überqueren eine Brücke, passieren eine dunkle Unterführung und befinden uns, wenige Meter vom Campo San Pantalon entfernt, neben der prachtvollen Kirche Chiesa dei Frari. Hier steht ein Junge in Bademantel und Flipflops und hält eine Rede, die er von einzelnen Blättern abliest. Die Rede dauert etwa eine halbe Stunde, dann beginnt er wieder von vorn. Eineinhalb Stunden lang. Einer der Kuratoren des Projekts, Pietro Rigolo, erklärt mir: "Heute hat es schon zwei andere Performances gegeben. Es geht uns um das Verhältnis von Kunstwerk und Publikum. Dafür haben wir solche 'zufälligen' Sets in ganz Venedig inszeniert, um die Reaktion der Passanten einzufangen. Heute Morgen haben wir Leute gefilmt, die Sport trieben, anschließend die Venezianer umarmten und sich ihren Schweiß abwischten."

Rigolo deutet auf die beiden Initiatoren von 4+1: Claudio Marcon, Student der Iuav in Venedig, der gerade die Videoaufnahmen macht, und Hanna Hildebrand, eine junge Künstlerin der Frankfurter Städelschule. Nicht schlecht für zwei, die noch keine Dreißig sind.

Vier Videos

Hanna habe ich schon 2006 bei einer Vernissage in einem Künstlerhaus in Noisy-le-Sec, einem Pariser Vorort, kennen gelernt. Sie freut sich, dass sie mit dem Event in Venedig Aufmerksamkeit erregen konnte: in einer Stadt, die völlig auf die Biennale fixiert scheint. "Du musst dir alle vier Videos anschauen, um den Zusammenhang der Sequenzen zu erkennen und dir eine Handlung zusammenreimen zu können. Wir wollten einen Ausschnitt aus dem Alltag zeigen, der ständig wiederkehrt. Deshalb haben wir uns entschieden, dieselbe Szene über eineinhalb Stunden zu wiederholen. Wir wollten sowohl den Moment zeigen, in dem jemand Sport treibt, das 'Währenddessen' und das 'Danach'; eine Idee, die auf den Semiologen Roland Barthes zurückgeht. Eigentlich sollten die vier Szenen gleichzeitig ablaufen, aber das war aus finanziellen Gründen nicht durchführbar."

Am Abend, als die Dreharbeiten beendet sind, betreten wir ein Haus am Campo San Giacomo, fernab der Touristen: Wir sind im Viertel San Polo. Das Haus ist seit längerer Zeit unbewohnt, aber noch möbliert. Die Künstlergruppe verschwindet in einem der Räume. Nach kurzer Zeit dürfen wir den Raum betreten, in dem alle vier Videos gleichzeitig projiziert werden. Die ersten beiden Videosequenzen zeigen die schier endlosen Dehnungsübungen von Fußballspielern, während das dritte und das vierte Band die kurz zuvor gefilmten Szenen vom Campo San Pantalon und der Chiesa dei Frari wiedergeben.

Plus eins

Den Höhepunkt des Projekts bildet eine 'hausgemachte' Performance. Das Haus eines der teilnehmenden Künstler, Tobia, verwandelt sich in Tobia’s garden. One night, fifty plants, sixteen square meters, oder anders bezeichnet: in einen auf dem Kopf stehenden Pflanzenwald. Der 'umgekehrte' Wald, der von der Zimmerdecke herabhängt, dient als Metapher für die Divergenz zwischen einem Gedanken und seiner Verfremdung, sobald er ausgesprochen wird, erklären Plamen (26) und Sofia (25). Er ist Bulgare, sie Dänin: ein europäisches Künstlerpaar. Kennen gelernt haben sie sich an der Städelschule in Frankfurt, wo sie gemeinsam mit Hanna studieren. Dort soll es Ende Oktober die Fortsetzung von 4+1 geben.