Kultur

Straßenperformance: Kleine kritische Masse in Sarajevo

Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 24. Juli 2012
Die Locals in Sarajevo behaupten, es gäbe hier keine Straßenkunst. Und ausgenommen ein paar komischer Breakdancer und ein paar Graffitti besprühten Hauswänden, scheint das auch zu stimmen. Doch in den letzten Monaten haben sich politisch motivierte Performances ihren Weg auf die Straße gebahnt.

Das Sarajevo Film Festival öffnete seine Pforten am 6. Juli, um die geschäftigsten Wochen des Jahres einzuleiten. Doch hinter den Pailletten der Stars und Sternchen ist die Stadt kulturell gesehen eigentlich eher ruhig. Lokale und nationale Museen haben gegen die fast inexistente staatliche Unterstützung zu kämpfen. Seit dem Kriegsende 1995 lenkt ein rotierender, dreigeteilter Staatsapparat, der die religiöse Spaltung des Landes zwischen muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und christlichen Kroaten widerspiegelt, die Geschicke des Landes Bosnien und Herzegowina. Doch auch das neue multiethnische System hat nicht dazu beigetragen, die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. Diese aufwändige administrative Struktur ist unfähig oder kann sich ganz einfach nicht durch die große Masse an Bürokratie wühlen, die dieser dreigeteilte Konsens immer mit sich bringt. Und das betrifft insbesondere finanziell wenig attraktive Sektoren wie die Kultur. Auf der Straße sind künstlerische oder kulturelle Ausdrucksformen deshalb nur schwer zu finden.

Müll-Performance

Luke Kasitz ist ein gängiger Name unter den Aktivisten in Sarajevo. Der 27-jährige amerikanische Landschaftsarchitekt ist 2010 hierher gezogen. Seine Liebe für Sarajevo ging Hand in Hand mit seinem Willen, den Problemen der Stadt auf den Grund zu gehen. Lukes NGO Moba, die sich für Zivilbewusstsein und Umweltschutz im urbanen Raum einsetzt, hat die Straßenkunst zu einem aktiven Werkzeug gemacht. Im Frühling haben sich Luke und ein paar seiner Freunde für eine Sensibilisierungskampagne in Cocktailkleider, Hemd und Krawatte geschmissen, um die Straße am Miljacka, dem Fluss von Sarajevo, zu reinigen. „Die Leute übernehmen keine Verantwortung für das, was sich vor ihrer Haustür abspielt“, sagt Luke. „Wir wollten den Menschen zeigen, dass Müll nicht nur irgendein Problem der Anderen ist, das nichts mit ihnen zu tun hat. Jeder sollte daran teilhaben, die Müllsache in Angriff zu nehmen.“ Beim nächsten Mal wollen Luke und seine Truppe die ganze Aktion in Pyjamas durchziehen.

Trash-Performance und Dresscode

Ervina Muftić, die auch an der Müll-Performance teilgenommen hat, ist eine sozial engagierte, 23 Jahre alte Architekturstudentin, die sich Problemen in ihrer Stadt annimmt – und zwar äußerst aktiv. 1999 zum Beispiel besetzte KJKP Rad, der regionale öffentliche Betrieb zur Instandhaltung von Parks und öffentlichen Plätzen, illegal den Trg Kulture Platz. Der beliebte Spot für soziale Aktivitäten vor dem Nationalen Jugendtheater wurde quasi über Nacht zum Privatparkplatz. Offiziell gehört der Platz dem Theater. Doch trotz eines laufenden Prozesses ist die Lage unverändert. Ervina hat aus dem Fall politischen Aktivismus im Rahmen eines Uni-Projekts für ihren Urbanismus- und Stadtplanungskurs gemacht.

Für 'Check Mate' (Schach matt) zogen sich Ervina und ihre Kommilitonen in schwarzweiß an und besetzten den Platz für ein paar Stunden zusammen mit einem Akkordenisten. „Wir haben eine Art Schachspiel gespielt, mit zwei Meistern und den Bauern“, erklärt Ervina. „Die Meister haben immer versucht, die anderen auf einer Linie anzuordnen – ähnlich dem bürokratischen System und den Gesetzen der Regierung. Doch sobald die Musik los ging, konnten die Spieler nicht aufhören zu tanzen. Musik ist Freiheit.“ Die offizielle Reaktion auf die Performance war eher bescheiden, doch der Stunt hat Ervina zumindest ein einstündiges Interview im nationalen Fernsehen eingebracht, um über die Probleme der Stadt zu sprechen – ihr Gesicht immer noch weiß angemalt.

Sarajevos zusammengewürfelte Stadtplanung

Die meisten städtischen Entwicklungen werden ohne offizielle Lizenzen und nur mit wenig Respekt für umliegende Gebiete durchgeführt. Deshalb wirkt Sarajevo städtebaulich vielleicht auch immer etwas seltsam zusammengewürfelt. Korruption und die Hürde Bürokratie machen es einfach für Projekte eine Baulizenz zu erhalten, auch nachdem die Konstruktion bereits angefangen. Strafrechtlich verfolgt wird kaum jemand. „Der Städtebau passiert hier einfach“, sagt Vesna Pašić, Professorin für Stadtplanung an der Universität von Sarajevo. “Es gibt keine Strategie, keine Pläne. Es geschieht eben einfach und Korruption ist die Lösung. Städtebauliche Institute sind Werkzeuge für Politiker.“ Pašić, die das 'Schach matt'-Projekt koordinierte, glaubt daran, dass Street Art eine gute Möglichkeit ist, um Aufmerksamkeit zu stiften. „Wir müssen kritische Ansichten fördern. Wenn diese Art von Aktivismus jetzt anfängt zu wachsen, dann könnte sie tatsächlich auch Auswirkungen haben. Wir versuchen unseren Studenten neue Zugangsformen zu Orten und städtebaulichen Problemen beizubringen.“ Doch sie sagt auch: „Junge Leute sind offen, aber zu teilnahmslos. Sie sind einfach von ihrem Leben enttäuscht.“

Schwärme junger Menschen füllen die Cafés und Bars um die Ferhadija, eine der geschäftigen Einkaufsstraßen der Stadt. “Sie wollen lieber den ganzen Tag Kaffee trinken anstatt das Umfeld, in dem sie sich bewegen, zu verbessern“, sagt auch Ervina. „Es war tatsächlich meine Unzufriedenheit, die mich motiviert hat. Die Dinge sind nicht so, wie sie sein sollten. Die Leute sehen nicht, was schief läuft und wie dringend es ist, einige dieser Probleme anzugehen. 43,3% der Bosnier waren 2011 arbeitslos, eine Tendenz, die durch die internationale Finanzkrise und den währenden Brain Drain noch verstärkt wird. „Die meisten Leute in unserem Alter haben keinen Job – und so wird es sicherlich noch eine Weile bleiben“, sagt auch Luke. „Bei MOBA sagen wir deshalb immer, wenn sie doch sowieso von den Ressourcen der Eltern leben, dann könnten sie sich doch zumindest konstruktiv für die Stadt engagieren, in der sie leben.“

Freiwillig

Frischgebackene Uni-Absolventen auf Jobsuche lassen sich langsam aber sicher auf die Arbeit mit NGOs ein. Die 21-jährige Architekturstudentin Srna Tulić, ehemaliges Mitglied einer Umweltorganisation, hat im Juni den zweiten offiziellen Flashmob in Sarajevo mitorganisiert. Mehr als 250 Leute versammelten sich an diesem Abend vor dem BBI – dem größten Einkaufszentrum und bekannten Treffpunkt der Stadt – und begannen spontan zu tanzen, um darauf aufmerksam zu machen, wie wenig Schutz junge Freiwillige in der Föderation (Bosniens südliche autonome Region, deren Hauptstadt Sarajevo ist) erhalten. Laut regionalem Gesetz „wird Freiwilligenarbeit nicht als Arbeitserfahrung anerkannt. Oft werden sehr gut ausgebildete Freiwillige von skrupellosen Arbeitgebern ausgebeutet“, erzählt Srna im Barhana, einer Bar-Terrasse mitten im Stadtzentrum.

Es sind Idealisten mit pragmatischen Ansatz. Ervina und ein paar Freunde treffen sich weiterhin jede Woche, um die Themen zu besprechen, die ihr Umfeld betreffen. Beim nächsten Meeting soll es um exzessiven Verkehr in Sarajevo gehen, der es Radfahrern unmöglich macht in der Stadt zu radeln. „Wir haben daran gedacht ein Konzert für die Autos zu geben, um sie für die tägliche Sinfonie aus Abgasen und Lärm zu belohnen.“ Srna und eine Hand voll Freunde wollen demnächst eine eigene NGO zum Schutz der Rechte von Freiwilligen gründen. Schritt für Schritt beginnt die Jugend in Sarajevo sich einen Kopf über die Probleme in ihrer Stadt zu machen. Die generelle Apathie greift zwar immer noch um sich. Doch während die Behörden immer noch davor zurückschrecken den Wandel voranzutreiben, trägt eine kleine kritische Masse ihre Stimme auf die Straßen.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.comLocalteam in Sarajevo.

Illustrationen: Teaserbild ©B. Ganic; Müll-Performance ©Vedad Orahovac; 'Check mate' ©Jasmin Panjeta; Ervina Muftic ©Joao Marques und Srna Tulic ©Alfredo Chiarappa, für 'Orient Express Reporter II' von cafebabel.com, Sarajevo 2012; Video: Flashmob (cc)xredakcija/YouTube