Kultur

Stieg Larssons 'Verblendung': Pippi Langstrumpf-Thriller ohne "schwedische Spannung"

Artikel veröffentlicht am 22. April 2009
Artikel veröffentlicht am 22. April 2009
Nachdem seine Buchtrilogie Millennium mit 8 Millionen verkauften Exemplaren weltweit ein Riesenerfolg wurde, kommt die filmische Adaptation des ersten Buches des schwedischen Autors Stieg Larsson nun in Cannes auf Europas Leinwände. Der Film enttäuscht aber mit Pippi-Langstrumpf ähnlichen Reminiszenzen.

Mit Stieg Larssons Män som hatar kvinnor („Männer, die Frauen hassen“; deutscher Titel: Verblendung; Heyne 2006) wird der erste Teil der Erfolgstrilogie Millennium verfilmt. Die Buchversion ging acht Millionen Mal über den Ladentisch und wurde in 35 Sprachen übersetzt. Besonders in Frankreich gab es eine regelrechte Manie für Larssons Krimis. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Streifen nun beim nächsten Filmfestival in Cannes am 1. Mai zu sehen sein wird. Seit der Premiere in den schwedischen Kinos am 27. Februar sahen den Film bereits 1,5 Millionen Zuschauer. 25 Millionen Dollar sind bereits eingespielt. 

©bimfilm.com

Trotzkistischer Krimi

©bimfilm.comBei der ansonsten rein schwedischen Produktion führte der Däne, Niels Arden Oplev, die Regie. Ursprünglich war die Geschichte für das Fernsehen gedacht. Doch angesichts des großen Erfolges beschloss man, die nächsten beiden Teile der Trilogie - Flickan som lekte med elden („Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte“; dt. Titel Verdammnis; Heyne 2007) und Luftslottet som sprängdes („Das Luftschloss, das gesprengt wurde“; dt. Titel Vergebung; Heyne 2008) - auch auf Kinoleinwänden groß herauszubringen.

Für die Presse brachte allerdings das Leben des verstobenen Regisseurs am meisten Gesprächsstoff. Der Autor verstarb 2004 mit nur 50 Jahren, kurz nachdem der Vertrag für die Herausgabe seiner ersten drei Bücher unterschrieben war. Er erlitt einen Herzinfarkt, angeblich, weil er wegen eines defekten Aufzugs mehrere Stockwerke zu Fuß gehen musste. Ursprünglich sollte das Millennium-Projekt aus zehn Büchern bestehen, seine Lebensgefährtin behauptet, sie sei in Besitz des Manuskriptes für die bereits fast fertiggestellte vierte Geschichte. Für Aufregung sorgt außerdem das im Jahre 1977 geschriebene Testament des Autors, in welchem er sein gesamtes Hab und Gut der Partei der schwedischen Trotzkisten vermachte. Seine Familie ging in Revision und schloss sowohl die Partei als auch die Lebensgefährtin von der Erbschaft aus.

Pippi Langstrumpf als Thriller

©Actes SudDer patriarchale Frauenhass und jene Kontrollmechanismen, die die Gesellschaft gegenüber Frauen auch heute noch ausübt, sind das Hauptthema des ersten Romans, der in Cannes im Rampenlicht stehen soll. Der Journalist Mikael Blomqvist (Michael Nyqvist) von der Zeitschrift 'Millennium' verliert einen Prozess gegen einen mächtigen Finanzboss. Von seinen Kollegen erhält er keinerlei Unterstützung. Ganz im Gegenteil, diese verabscheuen ihn für seinen « journalistischen Idealismus ». Blomkvist trifft daraufhin einen Industriellen, der nach seiner vor 40 Jahren auf dem Landsitz der Familie verschwunden Nichte suchen will. Seine Ermittlungen führen ihn auf die Spuren einer gewalttätigen Familie mit Nazivergangenheit, Alkoholmissbrauch und Sadismus. Die mysteriöse junge Hackerin mit Drachen-Tatoo, Lisbeth Salander (Noomi Rapace), hilft ihm bei der Suche nach Fakten. Ihrer Figur ist der Großteil des Films gewidmet. Blomkvist und Salander verbünden sich, und zwischen ihnen entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die für kontroverse Polemiken sorgt - Salander ist ein kindliches junges Wesen.

Die omnipräsente Gewalt, die Bilder von Folter und entstellten Leichen berauben die Geschichte jener typischen Spannung, die man sonst aus schwedischen Filmen kennt, und die höchstwahrscheinlich die Quelle des internationalen Erfolges von Larssons Kunst sein dürften. Die kinematografische Realisierung seiner Bücher lässt wie so oft viele Leser enttäuscht zurück. Im Drehbuch gehen gerade jene spannungsreichen Details verloren, die die Millennium-Trilogie so erfolgreich gemacht haben. Die von Astrid-Lindgren-Figuren geliehenen Inspirationen sind außerdem irritierend. Von der 2002 verstorbenen schwedischen Kinderbuchautorin, die im Ausland vor allem mit ihrer Pippi Langstrumpf berühmt wurde, gibt es eine Kindergeschichte mit dem Titel Kalle Blomkvist, der Meisterdetektiv. Alles in allem ist es Lisbeth Salander - eine Art Pippi Langstrumpf des einundzwanzigsten Jahrhunderts - der dieser Film dank der brillianten Noomi Rapace am meisten verdankt.