Kultur

Stand Up! Warum der Feminismus alle angeht

Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 10. Juni 2014

„Ich bin Feministin. Na und?“ Vielen jungen Frauen und Männern stößt das F-Wort sauer auf – sind wir nicht alle gleichberechtigt? Julia Korbik, Journalistin und Babelianerin seit 2009, ist anderer Meinung. Weil sie nicht nur mitreißend über Feminismus reden, sondern auch toll darüber schreiben kann, hat sie jetzt ein Buch veröffentlicht: „Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“.

Ein lauer Früh­som­mer­abend auf einer Kreuz­ber­ger Dach­ter­ras­se, die Mäd­chen leh­nen mit der Bier­fla­sche in der Hand über dem Ge­län­der, die Män­ner ste­hen läs­sig in der Ecke. Aus den Laut­spre­chern tönen elek­tro­ni­sche Klän­ge und wenn die Sonne lang­sam über der zer­klüf­te­ten Dä­cher­land­schaft un­ter­geht, blit­zen nicht nur Bier­fla­schen und Ohr­rin­ge auf. Wer die­sen Ber­li­ner Kind­le-Mo­ment mit einem Schlag zer­stö­ren will, muss nur das F-Wort fal­len las­sen. Denn das schlägt mit Si­cher­heit wie eine Bombe in jede läs­si­ge Fei­er­abend­dis­kus­si­on ein: „Fe­mi­nis­mus ver­bin­den viele erst ein­mal mit Män­ner­hass. Warum soll­ten Fe­mi­nis­tin­nen aber Män­ner ver­ab­scheu­en? Das ist ab­so­lu­ter Quatsch! Es geht doch darum, die Ge­sell­schaft bes­ser zu ma­chen - für Män­ner und Frau­en.“ Julia Kor­bik hat Er­fah­rung mit Dach­ter­ras­sen, Gen­der-Dis­kus­sio­nen und der Ex­plo­si­vi­tät des Fe­mi­nis­mus. Warum nur ist es so un­se­xy ge­wor­den, sich als Fe­mi­nis­tin zu be­zeich­nen? „Fe­mi­nis­mus war ei­gent­lich noch nie gut an­ge­se­hen, auch die Suf­fra­get­ten moch­te kei­ner!“ lacht Julia.

F-Wort oder Be­frei­ungs­schlag?

Da Julia die Dis­kus­si­on um Män­ner, Frau­en und Ge­sell­schafts­struk­tu­ren nicht egal ist und sie auch keine Angst hat, zwi­schen Bier und Ter­ras­sen­ge­län­der ihre Mei­nung zu sagen, be­schäf­tigt sie sich schon seit ei­ni­gen Jah­ren mit dem Thema Fe­mi­nis­mus. Mitt­ler­wei­le ist sie zu einer Ex­per­tin auf dem Ge­biet ge­wor­den, was sich nun in ihrem ers­ten Buch Stand Up! Fe­mi­nis­mus für An­fän­ger und Fort­ge­schrit­te­ne (2014) nach­le­sen lässt. Julia wun­dert sich schon seit ge­rau­mer Zeit, warum nicht nur Män­ner, son­dern auch viele Frau­en all­er­gisch auf den Fe­mi­nis­mus re­agie­ren, dem sie doch so viel ver­dan­ken: „Für viele junge Frau­en scheint der Fe­mi­nis­mus ein­fach sehr abs­trakt zu sein. Man sieht ja oft nur Alice Schwar­zer im Fern­se­hen und bei ihr geht es immer gleich um Pro­sti­tu­ti­on und Men­schen­han­del. Das sind na­tür­lich The­men, die junge Frau­en nicht un­mit­tel­bar be­rüh­ren.“ Män­nern hin­ge­gen falle bei dem Thema mo­men­tan nur FEMEN ein: „Das lenkt aber eher vom Thema ab. Was bei FEMEN in Er­in­ne­rung bleibt, sind nack­te Brüs­te. Was da drauf stand, weiß dann kei­ner.“

Dass die Bot­schaft des Fe­mi­nis­mus wei­ter­hin ak­tu­ell ist, davon ist Julia über­zeugt: „Fe­mi­nis­mus ist doch der Glau­be, dass alle Men­schen un­ab­hän­gig vom Ge­schlecht die glei­chen Rech­te haben. Des­we­gen ist der Fe­mi­nis­mus eine po­li­ti­sche Be­we­gung, der es darum geht, so­wohl ge­sell­schaft­li­che als auch per­sön­li­che Ver­än­de­run­gen zu schaf­fen.“ In Stand Up! nennt Julia das die „ul­ti­ma­ti­ve Waffe gegen das Sys­tem“, das nicht nur Frau­en, son­dern auch viele Män­ner un­ter­drü­cke. Geht es dem Fe­mi­nis­mus nicht nur um die Be­frei­ung des weib­li­chen, son­dern auch des männ­li­chen Ge­schlechts? Wer glaubt, sich ver­hört zu haben, soll­te sich den ers­ten Teil von Stand Up! zu Ge­mü­te füh­ren: „Das Pa­tri­ar­chat als Herr­schaft der Väter exis­tiert so na­tür­lich nicht mehr. Heute be­deu­tet das ein­fach, dass Män­ner in der Ge­sell­schaft das Sagen haben. Das sind Struk­tu­ren, die seit Tau­sen­den von Jah­ren exis­tie­ren und nicht so ein­fach ab­ge­schafft wer­den kön­nen.“

„Macht ist ganz klar männ­lich“ - oder?

Daher müsse man für die fe­mi­nis­ti­sche Ge­sell­schafts­ver­än­de­rung Ge­duld auf­brin­gen: „Es ist noch nicht so lange her, dass Frau­en das Wahl­recht be­kom­men haben, das Recht zu ar­bei­ten und auf Ab­trei­bung.“ Wäh­rend sich Frau­en Grund­rech­te er­kämpft haben, von denen viele heute gar nicht mehr glau­ben wol­len, dass sie sie ein­mal nicht hat­ten, sind die Macht­struk­tu­ren al­ler­dings gleich ge­blie­ben. Mit der pro­vo­kan­ten These „Macht ist ganz klar männ­lich“ hin­ter­fragt Julia po­li­tisch kor­rek­te De­bat­ten um soft power und Quo­ten­frau­en: „Frau­en müs­sen sich immer der männ­li­chen Vor­stel­lung von Macht an­pas­sen: Ent­we­der ist man su­per­weib­lich und nutzt das, um eine Firma zu lei­ten, oder man gibt sich be­tont männ­lich. Warum gibt es kein Da­zwi­schen?“ Die Hy­per­männ­lich­keit vie­ler Ma­na­ger über­for­de­re aber auch viele Män­ner und wenn die deut­sche Kanz­le­rin als „Mutti“ be­zeich­net wird, könne man das ei­gent­lich nur ab­wer­tend ver­ste­hen.

Warum brau­chen wir den Fe­mi­nis­mus? Kurz­ver­si­on von Stand Up! aus dem Mund von Julia Kor­bik. 

Wer län­ger in dem von der Gra­fi­ke­rin Chrish Klose op­tisch lo­cker ge­stal­te­ten Stand Up! blät­tert, wird nicht nur zu sei­nem gro­ßen Er­stau­nen her­aus­fin­den, dass se­xu­el­le Be­läs­ti­gung am Ar­beits­platz erst seit 1994 ein Straf­tat­be­stand ist, son­dern auch junge Ak­ti­vis­tin­nen und Blog­ge­rin­nen wie The­re­sa Bü­cker und die Deutsch­tür­kin Kübra Gü­mus­ay ken­nen ler­nen, deren En­ga­ge­ment Julia be­geis­tert. Ge­schichts- und Theo­rie­ex­kur­se wer­den immer wie­der von Kurz­bio­gra­fi­en und Zi­ta­ten un­ter­bro­chen: „Wir woll­ten nicht, dass Stand Up! eine Text­wüs­te wird, son­dern dass jeder sich das Buch in klei­nen Schrit­ten selbst an­eig­nen kann. Man muss ja nicht jede Fuß­no­te lesen oder jedem Link im In­ter­net fol­gen“, er­klärt Julia.

Wir brau­chen mehr fe­mi­nis­ti­sche All­tags­power!

Den The­men­bo­gen spannt sie von gen­der pay ­gap und Se­xis­mus bis zu Mas­ku­li­nis­ten, Frau­en­quo­te und der viel be­klag­ten Krise der Männ­lich­keit. Julia fin­det die „Schmer­zens­män­ner­de­bat­te“, in der oft die Fe­mi­nis­tin­nen zum Sün­den­bock ge­macht wer­den, etwas über­spannt: „Krise ist das fal­sche Wort, schließ­lich ist das ein ganz nor­ma­ler An­pas­sungs­pro­zess. Da zeigt sich eher, wie sehr wir noch in alten Rol­len­mus­tern fest­ste­cken. Warum la­chen wir über einen Mann, der Gi­tar­re spielt und sich nicht traut, eine Frau an­zu­spre­chen? Da kann ich mir nur den­ken: Warum macht die das nicht selbst?“ Der­ar­ti­ge De­bat­ten seien aber Teil der all­ge­mei­nen Krise un­se­rer Ge­ne­ra­ti­on: „Es geht hier nicht nur um die Ge­schlech­ter­rol­le. Wenn wir heute so viele Mög­lich­kei­ten haben, wird es na­tür­lich immer schwie­ri­ger, sich selbst zu fin­den – als Mann und als Frau. Der Fe­mi­nis­mus kann da si­cher hel­fen, weil er einen lehrt, sich so zu ak­zep­tie­ren, wie man ist.“

Damit sich die Bot­schaft von Stand Up! nicht ver­liert, wenn man das Buch aus­ge­le­sen hat, gibt Julia 12 kon­kre­te Tipps für mehr Fe­mi­nis­mus im All­tag: „Was kann man kon­kret ma­chen und wo sind die Miss­stän­de? Es geht mir um Ver­hal­tens­wei­sen im All­tag, von denen man viel­leicht gar nicht den­ken würde, dass sie fe­mi­nis­tisch sind. Man muss ja nicht so­fort in eine Par­tei ein­tre­ten oder ver­su­chen, dass ganze Sys­tem zu re­vo­lu­tio­nie­ren.“ Denn der Fe­mi­nis­mus sei auch eine Hal­tung und „fe­mi­nis­ti­sche All­tags­power“ be­zie­he sich nicht nur auf Flirt­ver­hal­ten und Haus­ar­beit, son­dern zum Bei­spiel auch dar­auf, dass man aktiv an de­mo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­sen teil­neh­me. „Geh wäh­len!“ ist daher eben­falls einer von Ju­li­as 12 Rat­schlä­gen. Trotzdem sollte man ab und zu eine lang­wei­li­ge Par­ty­dis­kus­si­on durch den ge­ziel­ten Ab­wurf der F-Wort-Bom­be auf­mi­schen. 

Julia Kor­bik: Stand Up! Fe­mi­nis­mus für An­fän­ger und Fort­ge­schrit­te­ne, Ro­gner&Bern­hard, 416 Sei­ten, 22,95 Euro. 

Re­gel­mä­ßi­ge Up­dates von Julia gibt es bei Twit­ter: @Frau­Kor­bik