Kultur

Stalins Stiefel

Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2007
Artikel veröffentlicht am 31. Januar 2007
1956 gingen die Ungarn gegen das Sowjet-Regime auf die Straße. Heute erinnern viele Denkmäler in Budapest an dieses Ereignis – und verdrängen dabei die kommunistische Vergangenheit des Landes.

Eine Reihe langer Stahl-Stelen, die immer enger aufeinander zulaufen und zu einem stabilen weißen Block verschmelzen. Das Design erinnert an die abstrakten Werke des Fotografen Alexander Rodchenko – ein Stahllabyrinth, in dem man verloren geht. Die Künstlergruppe i-ypszilon, die dieses neue Denkmal zum Gedenken an die ungarische Revolution erbaut hat, wollte die Stelen als Ansammlung arrangieren: Ein konzentrierter Strudel, der den Gegensatz zu den geordneten Linien der sowjetischen Truppen bildet. Doch sie wirken nur wie eine Fortführung der sowjetischen Ästhetik.

„Für uns symbolisert 1956 Freiheit. Es ist ein strahlender Augenblick in der Geschichte unseres Landes, das dreißig Jahre lang durch János Kádárs Diktatur unterdrückt wurde.“ Die Künstlergruppe i-ypszilon ist sich über die Bedeutung der Revolution im Klaren. Andere sind sich nicht so sicher. Während der Proteste gegen die Regierung, die am fünfzigsten Jahrestag der Revolution stattfanden, beanspruchten rechtsgerichtete Gruppen das Erbe von 1956 für sich.

Zwischen 1956 und 1989 lagen mehr als dreißig Jahre des Schweigens unter der Diktatur. Als 1989 der Kommunismus zusammenbrach, versuchte die damalige Regierung sich als Höhepunkt dessen darzustellen, was 1956 als eine „Reformbewegung“ begonnen habe. János Rainer M., der Leiter des Instituts für die Geschichte der Ungarischen Revolution von 1956 schrieb deshalb in Bezug auf 1989, dass er „niemals erwartet hätte, dass gerade das Wesen der Revolution in Frage gestellt werden würde“. Die Denkmäler von Budapest sind eines der Mittel in der Schlacht um das Erbe von 1956.

Statuen wie Schachfiguren

Politische Umwälzungen haben schon immer versucht, die Auslegung der Vergangenheit an sich zu reißen. Und in Ungarn gab es im 20. Jahrhundert einige solcher Umwälzungen. Mit jeder kamen eine neue Version der Geschichte und neue Denkmäler.

Imre Nagy, der Anführer der Revolution von 1956, wurde 1989 auf den Budapester Heldenplatz verlegt, nachdem seine Leiche dreißig Jahre lang in einem anonymen Grab gelegen hatte. Vor der Revolution von 1918 war dieser Platz umringt mit den Statuen von vierzehn Königen. Während der Revolution wurden sie ersetzt durch eine Statue von Marx, der zwei Arbeiter umarmt.

Dann kam die Gegenrevolution von 1919, Marx wurde entfernt und die vierzehn Könige erschienen wieder. Wie Schachfiguren verschwanden sie jedoch erneut nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kommunisten an die Macht kamen. Die Verlegung von Nagys Grab und die danach folgenden Denkmäler zu seinen Ehren brachten eine neue Version der Vergangenheit ans Licht.

Nach 1956 herrschte eine unbehagliche Atmosphäre der Mittäterschaft zwischen einer Bevölkerung, die einen relativ guten Lebensstandard genoss und einer Regierung, die kein Abweichen von der politischen Meinung duldete. István Rév, Professor für Geschichte und Politikwissenschaften an der Mitteleuropäischen Universität in Budapest, sagt: „Über Nagy zu reden hätte bedeutet, die Unrechtmäßigkeit des Regimes einzuräumen.’

Gábor Németh, Schriftsteller und Herausgeber des Literaturmagazins Litera.hu, erzählt folgenden Witz: Während der Jahre des Schweigens zieht ein Komiker während seines Programms mit der dabei üblichen Plauderei die Bingo-Zahlen. Plötzlich zieht er die Nummer 56. Er schaut verlegen und legt sie schnell wieder zurück. Das Publikum lacht nervös.

Über den Terror reden

1989 bricht der Kommunismus zusammen. Und die Menschen beginnen zu reden.

Das Museum „Haus des Terrors“ zeugt von der politischen Unterdrückung, die die Regime der Sowjets und der Nazis ausgeübt haben. „Wir zeigen die Gesichter der Schuldigen“ sagt die Leiterin Maria Schmidt.

Wenn man das erste Zimmer des Museums betritt, hört man klassische Musik und sieht zwei riesige Videowände an den gegenüberliegenden Seiten des Raumes. Die eine zeigt eine schnelle Abfolge von Bildern des Nazi-Terrors. Gegenüber Hitler flimmern Bilder von Stalin und dem Roten Platz in einer leblosen Parodie. Durch die Demonstration dieser beiden Schreckensherrschaften wird der Gedanke der Mittäterschaft am Kádár-Regime und am Kommunismus verdrängt.

Reform oder Revolution?

Für die Rechte in Ungarn ist die wichtigste Lektion aus 1956 einfach: Zwar geben sie zu, dass Nagy ein Reformer war, einer, der nur zögerlich den Kommunismus beendet hat. Doch seine Hinrichtung zeige, dass Demokratie und Kommunismus keine Genossen sind.

Für die Sozialisten ist es ein anderes Erbe. Die Kádár-Regierung bezeichnete die Ereignisse als Konterrevolution. 1989 wurden sie in den Worten der Regierungspartei zum „Volksaufstand“. Indem sie Nagys Grab verlegten, positionierten sich die Sozialisten als die Erben von 1956. Eine solche Ansicht wird heute von vielen der ausgestellten Statuen dargestellt.

Die Vergangenheit beherrschen

In Ungarn sind Statuen nicht nur eine Darstellung der Geschichte, sie sind ein Teil von ihr. Die Demonstranten von 1956 stießen eine Stalin-Statue von ihrem Sockel und verwendeten sie als Barrikade gegen die sowjetischen Panzer. Stalins Stiefel waren das einzige, das von der Statue übrig blieb. Heute sind auch sie verschwunden. An ihrem Platz stehen jetzt die Stahl-Stelen der i-ypszilon-Gruppe.

Doch letztlich sind diese Stelen zu Ehren von 1956 auch nur eine Art, die Vergangenheit zu beherrschen, ebenso wie es die alten Statuen von Marx waren. Jedes Denkmal bringt das vorherige zum Schweigen. Kádár sprach Nagys Namen niemals aus, das Haus des Terrors löscht einen Teil der Verbindungen Ungarns mit dem Kommunismus, die Stelen geben vor, dass Stalins Stiefel niemals da gewesen seien.

„Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen“, schreibt Faulkner. Die Frage ist: Wie lebt man damit? Noch heute weiß man in Ungarn nicht, wie man mit den Geistern von 1956 umgehen soll.