Kultur

Staff Benda Bilili, Stimme der stummen Massen im Kongo

Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Januar 2010
"Sind wir nicht alle behindert?" heißt es in ihrem MySpace-Status. Nach über einem Monat auf Tour quer durch Europa, lässt diese Gruppe querschnittsgelähmter Straßenmusiker aus Kinshasa begeisterte und verblüffte Massen zurück - und das gut ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums Très Très Fort.

Die Sänger Ricky Likabu, Theo Nsituvuidi, Kabose Kabamba, Djunana Tanga und der Songschreiber Coco Ngambali sind mit der Krankheit Polio aufgewachsen, und das in einem der ärmsten und bedürftigsten Länder der Welt. Wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigungen wollten andere Musiker in der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo nicht mit ihnen spielen. Diese gemeinsamen Erfahrungen von Diskriminierung und Invalidität führten Ricky, Theo, Coco, Kabose und Djuana 2004 zusammen.

Heute glaubt die Gruppe entschieden daran, dass Benachteiligung im Kopf und nicht im Körper stattfindet. Auf diese Weise rütteln sie Zuschauer in der ganzen Welt mit ihren Hüftschwung-Vorführungen auf und gewannen 2009 den Artist Award auf der Womex (world music expo) in Berlin. Der Bandname Staff Benda Bilili, der in Lingála so viel wie ‘hinter der Fassade’ bedeutet, ist lediglich eine Einleitung für die kraftvollen Texte, die den Frust regelrecht greifbar machen und die Probleme des Kongos schonungslos offenbaren. Lieder wie Polio - die Eltern inständig bitten ihre Kinder impfen zu lassen - und Tonkara vermitteln Enttäuschung und Anklage sowohl durch ihre Texte als auch durch ihre gefühlvollen, tiefsinnigen, wachrüttelnden Akkorde. In Moto Moindo und Marguerite, spielt Roger Landu, mit 18 Jahren Benda Bililis jüngstes Bandmitglied, hypnotisierende Solos auf der Satonge, einem selbst gebastelten Instrument bestehend aus einer leeren Fischkonserve, einem Holzstiel und einer Gitarrensaite.

 ('Very Very Strong' or 'Very Very Loud', Crammed Discs, 2009) Von klassischen kongolesischen Soukous und Rumba Grooves, zu Reggae, Old-School R&B, Afro-Latino Klängen und Funk, ihr Sound ist stets hochexplosiv. Irgendwo zwischen den Adrenalin geladenen Beats, Rogers Griff, Hendrix-artigem Satonge-Spiel, Kabambas ansteckender Lebensfreude und der stetigen Verbindung zum Publikum ist es praktisch unmöglich einfach still zu stehen. Ohne Zweifel ist Staff Benda Bilili fest entschlossen, die Menschen zum Spaß haben, Loslassen und Mittanzen zu animieren. Trotzdem hoffen sie, gleichzeitig die Fantasie und Neugierde anzuregen. „Trotz der Sprachbarriere wollen wir, dass die Leute, nachdem sie unsere Musik gehört haben, nachhause gehen und mehr über die Bedeutung unserer Lieder herausfinden“, sagt Ricky. Sie sind die Stimme der Stummen im Kongo, einem Land, das Jahre des Bürgerkrieges, der Korruption und ein Gefühl nie enden wollender Instabilität über sich ergehen lassen musste. Ihre unauslöschliche Liebe für Rhythmus und tiefgreifende Sozialkritiken sowie ihr unermüdlicher Tatendrang und Antrieb haben Menschenmassen gefesselt, weltweite Tanzrevolutionen ausgelöst und eine neue Art der Kommunikation geschaffen. Ihr rauschendes Debüt in der internationalen Musikszene hat viele Menschen hinterlassen, die unnachgiebig mehr fordern.