Kultur

Spaghetti, Boches und Roastbeefs

Artikel veröffentlicht am 20. April 2011
Artikel veröffentlicht am 20. April 2011
Das Phänomen nennt sich "Etnopaulismus" (Verunglimpfung der Völker). Und allzu oft ist es leider die Hautfarbe, das Anderssein, dass Europäer zum Erfinden teils rassistischer Spitznamen für ihre Nachbarn ermunterte - viel besser ist es doch dann, unsere lieben Nachbarn je nach ihren kulinarischen Vorlieben zu benennen.
Doch manchmal trügt der Schein: die italienischen crucchi (Schimpfwort für Deutsche) zum Beispiel waren ursprünglich gar keine Deutschen!

Ganz genau, denn kruh bedeutet „Brot“ auf serbo-kroatisch. Und genau diese armen kroatischen Soldaten des Reiches Österreich-Ungarn waren es auch, die die Italiener, die sie während des Ersten Weltkriegs gefangen genommen hatten, um Brot baten.

Überhaupt stammen die meisten Spitznamen für die europäischen Nachbarn aus konfliktreichen Zeiten, in denen viel Blut geflossen ist: So heißen die Italiener in Österreich und Deutschland (abwertend) auch heute noch manchmal Itaker (zusammengezogen aus: italienischer Kamerad; Bezeichnung aus dem Zweiten Weltkrieg), während die Franzosen den deutschen Feind mit dem Namen eines marokkanischen Stammes bezeichneten, da sie dessen barbarische Sprache nicht verstanden: den Chleuh.

Dann wäre da der körperliche Aspekt, beispielsweise die Größe des Kopfes: Die Franzosen nennen die Deutschen wahlweise auch boche, was sich aus 'alboche' herausgebildet hat. Die 'boche' war im 19. Jahrhundert eine größere Holzkugel, die sich auf den Dickkopf des deutschen Erbfeindes bezog.

Bei den Briten ist es eher die Sonnenallergie, die ihnen Spitznamen wie rosbeef (aus Frankreich), mangosta (Hummer) oder wahlweise cangrejos (Krabben) in Spanien eintrug.

Verachtungsvolle Spitznamen kommen leider auch dann immer zum Vorschein, wenn Arbeitskräfte von einem ins andere Land wandern, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Daran erinnert beispielsweise die Geschichte der ritals (negative Bezeichnung der Italiener in Frankreich) der französischen Stadt Aigues-Mortes, wo Salz abgebaut wurde. Im August 1893 kam es zu einem traurigen Ereignis, als ein Dutzend piemontesische Arbeiter von ihren französischen Kollegen ermordet wurden, da sie sich dazu bereit erklärt hatten für zwei Drittel des Gehaltes zu arbeiten. Für ähnliche diskriminatorische Motive werden Polen in Frankreich auch schonmal polaques (Polacken) oder Portugiesen abfällig portos genannt.

Doch auch den Franzosen geht es an den Kragen: Von ihren spanischen Nachbarn werden sie gern gabachos genannt, was höchstwahrscheinlich aus dem Okzitanischen (gavatx) stammt und soviel bedeutet wie 'grobschlächtige Bauern, Barbaren', so sieht man die Gallier eben von der iberischen Halbinsel aus… Auch der Verzehr von Froschschenkeln hat den Franzosen den Spitznamen frogs seitens der Engländer eingebracht. Für uns Italiener sind die Spitznamen spaghetti (aus Spanien) und maccaroni (aus Großbritannien) aber auf jeden Fall ein Kompliment an unsere Küche!

Illustration: ©Henning Studte/ http://www.studte-cartoon.de/