Kultur

Sophie Hunger: "Ich hoffe, ich kann meine eigene Frucht sein"

Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 19. Juli 2010
Sophie Hunger macht einen Promo-Zwischenstopp in Paris. Diesen Monat tritt die Schweizer Sängerin in vier verschiedenen Ecken Europas auf; von der renommierten englischen Bühne in Glastonbury über Auftritte in Tschechien bis hin nach Österreich... In Frankreich klappert sie verschiedenen Festivals ab, denn nur im Studio zu singen „ist langweilig“. Auf einen Kaffee mit der angesagten Schweizerin.

Der Kaffee mit Sophie war vielleicht sogar etwas zu "express", um ehrlich zu sein. Bestrebt, das treffende Wort zu finden und furchtlos in puncto Schweigepausen, eignet sich Sophie Hunger nicht für schnelle Treffen, in denen man versucht ist, in kürzester Zeit ein Maximum an interessanten Informationen zusammen zu tragen. Jede ihrer Antworten wirft neue Fragen auf. Sophie Hunger bewahrt dennoch geschickt die Grenze zwischen ihr und ihrem Gesprächspartner; ein undefinierbares Gefühl, bevor es die Künstlerin selbst anspricht: „Künstler dürfen nicht zu nah an den Medien sein, sonst werden sie zu Verkäufern.“

Die Internationale

27 Jahre, drei Sprachen, zwei AlbenEs ist schwierig von Sophie Hunger zu sprechen, ohne auf ihr enges Verhältniss zu Sprachen einzugehen. Geboren in Bern, spricht Sophie Hunger Schweizerdeutsch, Deutsch, Französisch und Englisch. Und sie singt auch in all diesen Sprachen: Beim Konzert wechselt sie ohne Mühe von der einen in die andere Sprache und probiert sich sogar ein wenig im Spanischen. Auf ihren zwei Alben Monday's Ghost und 1983 überwiegt jedoch das Englische, dem Deutschen und Französischen räumt die Sängerin nur wenig Platz ein. Man hat Lust sie zu mehr deutschen Texten zu ermuntern, da sich ihre Stimme in dieser Sprache noch reicher und vertrauter entfaltet. Vertraut wie beispielsweise in  ihrem Titel 1983, „einer Konversation zwischen meinem Geburtsjahr und mir“, stellt Sophie Hunger klar, oder dem älteren Titel Walzer für Niemand. Für Sophie ist das Deutsche die Sprache der Intimität, während Englisch “weiter von mir entfernt ist und mir mehr Freiheit, mehr Leichtigkeit lässt. Ich kenne das Deutsche sehr gut, denn ich habe viele Bücher gelesen und ich weiß, was mit dieser Sprache alles möglich ist… allerdings ist es im Deutschen für mich schwieriger etwas Neues zu kreieren. Trotzdem ist es sehr wichtig für mich auf Deutsch zu singen, denn die musikalische Tradition ist viel kleiner als die im Englischen.“

Unsere Begegnung findet auf Französisch statt. Auch wenn sie die Sprache nicht allzu perfekt beherrscht, hat Sophie doch denselben Anspruch an sich selbst - sie sucht nach dem perfekten Wort. Kann sie sich nicht präzise genug ausdrücken, hilft ihr das Englische weiter. So zum Beispiel, wenn sie auf ihre anfängliche Angst ein Instrument zu spielen, eingeschüchtert durch das Hören der größten Jazzidole, zu sprechen kommt: „Ich dachte zu viel nach. In meinem Kopf war ich eine Faschistin… es führte ins Nirgendwo.“ Sie spricht auf Englisch, wenn sie vom Erfolg ihres zweiten Albums erzählt, das ihr mehr entsprochen habe als das erste: "I felt I was looking up". Sophie Hunger weiß sich geheimnisvoll zu geben.

Die Distanzierte 

Sophie Hunger formuliert Reflexionen, die, stammten sie von einem anderen Künstler, recht banal daher kommen könnten. Der Sängerin bereitet es Mühe, über sich selbst zu sprechen: Wenn man in Anwesenheit von Unbekannten in sich selbst schauen soll, dann sollte man wirklich aufpassen: „Künstler bewahren das Menschliche. Sie haben die Aufgabe über Dinge zu sprechen, die nichts mit Macht und Politik zu tun haben. Aber man muss immer eine innere Distanz wahren.“ Was für ein Kontrast zur Bühne, wo die Distanz zwischen Künstler und Publikum auf ein Minimum reduziert ist!

Sophie Hunger zeigt sich auf der Bühne nahbar, ohne etwas von ihrer musikalischen Vielfalt einzubüßen. Sie kann spielerisch vom englischen Gitarren-Folk Song zu deutschen Songs in Begleitung von Klavier und Trompete übergehen. Für die Zugabe rückt die Band näher zusammen, bis sie alle zusammen ganz vorne am Bühnenrand sitzen und einen der schönsten Momente des Konzerts kreieren. Das war im La Cigale in Paris Anfang Juni, mehr als ein Jahr, nachdem Sophie Hunger in einem kleinen Saal des Boule Noire (ebenfalls in Paris) langsam  in Frankreich entdeckt wurde. Schon damals hegte die heute 27-Jährige die Absicht Gewohnheiten zu entfliehen, zum Beispiel durch ein Cover von Le Vent l'emportera (ein Klassiker der französischen Rockband Noir Désir) in einem zaghaften Französisch vor einem Publikum, das sie noch für sich gewinnen musste.

Wenn Sophie dann plötzlich über Andere als sich selbst sprechen soll, fällt es ihr nicht schwer sich auszudrücken. So zum Beispiel beim Gespräch über die dänische Band Kashmir oder einen Satz von Eminem, den sie aus ihrer Erinnerung zitiert. Die Neugier und Leidenschaft reißt sie mit. Das merkt man, wenn sie die Rolle einnehmen kann, die ihr am besten gefällt; die der Vermittlerin von Musik - ihrer eigenen oder die der Anderen, welche Rolle spielt das schon?

Die (Hoch)Begabte

Sophie Hunger begann im Alter von 19 Jahren Gitarre zu spielen und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Es folgten ein selbstproduziertes Album, einige Jazzfestivals und Ende 2008 ihre erste, im Studio produzierte CD Monday's Ghost. Man hat schon alles über den Stil ihrer Musik gelesen; mal Jazz, mal Folk oder für die Waghalsigeren eher Rock. Die Interessierte toleriert dieses Bedürfnis zu etikettieren mit dem Versuch, sich auf ihre eigene Art und Weise zu erklären: „Wenn ich Obst esse, dann gebe ich es anschließend einem meiner Freunde, der es nicht kennt und sage: 'Das schmeckt wie Banane, hat aber Elemente von Orange, aber es ist eine andere Frucht.' Ich verstehe das Denken in Kategorien, aber es ist wirklich totaler Quatsch. Ich hoffe ich kann meine eigene Frucht sein.“ Sie bricht in schallendes Gelächter aus. In den zwei Jahren, die der Erfolg der Schweizerin bereits andauert, hat Sophie Hunger gelernt, sich auch außerhalb der Bühne mit Leichtigkeit auszudrücken. Ihre diesjährige Tournee bestätigt den steigenden Bekanntheitsgrad der Sängerin in Europa.

geht Sophie Hunger nun mit ihrem zweiten Album « 1983 » auf Tournee; von der Schweiz über Frankreich, Holland und Deutschland bis in die USA. Man lässt Sophie Hunger mit einer guten Hand unvollendeter Themen zurück, vielmehr Fragen als zu Anfang des Gesprächs bleiben offen: Fragen zu den Musikern Piers Faccini und Patrick Watson, mit denen sie zu den Eurockéennes von Belfort auftreten wird, Fragen zu ihrem Vorbild Bob Dylan und der Fußball-Weltmeisterschaft… In Bezug auf das runde Leder kommt Sophies Antwort von ganz alleine: Als sie das Café verlässt, hält sie vor einem Bildschirm inne, der das Spiel Chile-Schweiz überträgt - drei Sekunden lang. Dann setzt sie ihren Weg fort.

Fotos: ©Art10; Videos: ©Jeremiah/Kidam production