Kultur

Situationismus: Kampf der Ideen

Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2008
Rue de Seine, Paris 1952. Auf einer Wand steht mit Kreide "Arbeitet niemals" geschrieben. Ein Einblick in die Philosophie der Situationisten, die Mai '68 geprägt hat und auch heute noch Einfluss auf zahlreiche Aktivisten nimmt.

Unter dem Pariser Straßenpflaster befindet sich der Strand. Und eine Handvoll Männer, die auf "einen befreienden Wandel der Gesellschaft und des Lebens, in dem wir alle gefangen sind" hoffen. Die Situationisten rufen im Pariser Mai '68 Studenten und Demonstranten dazu auf, im täglichen Leben eine "Stimmung der Spontanität zu schaffen, so genannte 'Situationen', die das Leben aufregend machen", so beschrieb es der Gründer der Bewegung Guy Debord.

Mehr Vergnügen durch weniger Arbeit? In einer Welt, in der Produktion, Geld und Macht an erster Stelle stehen, sollte man eine "wahre Emanzipation des Vergnügens" anstreben. Kein Vergnügen, welches von Marktinteressen gesteuert wird, aber ein "Genuss ohne Einschränkung". Kurz: eine Befreiung von den Gesellschaftsformen der Zeit.

Revolution für jedermann

Guy Debord rief die Situationistische Internationale 1957 zusammen mit dem belgischen Essayisten Raoul Vaneigem ins Leben. Die europäische Künstlerinitiative existierte bis zu ihrer Selbstauflösung im Jahre 1972. Der Zusammenschluss von Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen - ein wahres Laboratorium intellektueller Aktivität - hat zudem eine gleichnamige Revue gegründet.

Ihrer Meinung nach sollte die kreative Explosion stark genug sein, um die entfremdenden Strukturen der Gesellschaft zu Fall zu bringen. Die größte Waffe der Situationisten: die Unentgeltlichkeit. Die Gabe sollte den Tauschhandel ersetzen, die soziale Befreiung allumfassend sein. Die Klassengesellschaft und das Kapital, die eine "Herrschaft des Handels" zur Folge haben, sollten abgeschafft werden.

Niemals zuvor hatte man an eine so allumfassende und gleichzeitig erreichbare Revolution gedacht.

Die Situationisten lehnten das Opfer des Einzelnen ab. "Die Revolution endet da, wo man sich für sie opfern muss", erklärte Raoul Vaneigem 1967. Wenn man schon keine politischen Lösungen fände, sollte man wenigstens den Mut haben, an eine Utopie zu glauben, um dem ständig wiederkehrenden geschichtlichen Übel ein Ende zu bereiten.

Die Politik täuschte einen Wandel vor

In ihrer Revue und mit Hilfe von Slogans, die auf die Mauern der Stadt gekritzelt wurden, wiesen die Situationisten auf das Elend im studentischen Milieu hin und unterwanderten bestimmte Bereiche der Studentengewerkschaft UNEF. Sie spielten eine große Rolle im Pariser Mai '68: Ein Markstein, den die jungen Generationen im 21. Jahrhundert längst vergessen haben, dem moderne Aktivisten aber viel verdanken.

Denn diese Philosophie hat zahlreiche Protestbewegungen von heute beeinflusst. Sie schlägt sich beispielsweise in der Öko-Bewegung oder in der Ablehnung der Sensationsgesellschaft durch die französische "Antipub"- Bewegung (Anti-Werbung) nieder. Aber der eigentliche Verdienst der Situationisten war ihre Vision. 20 Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches La société du spectacle (Die Gesellschaft des Spektakels), stellt Guy Debord fest, dass sich seine Befürchtungen bewahrheitet haben: "Dies ist das erste Mal im heutigen Europa", schrieb er 1988, "dass keine Partei oder Splitterpartei vorzugeben versucht, etwas Wichtiges verändern zu wollen".

Guy Debord: Rapport zur Konstruktion von Situationen; Kommentare über die "Gesellschaft des Spektakels" (1988)