Kultur

Singen im Kino: Vom Ende der Unschuld

Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
Artikel veröffentlicht am 5. September 2007
- Was ist eigentlich aus der Angewohnheit geworden, in Filmen plötzlich zu singen? - Man hat damit aufgehört. Es war einfach lächerlich.

Ich weiß nicht mehr genau aus welchem Film dieses Zitat stammt. Aber das Kino sieht sich in letzter Zeit ohnehin einem Haufen vergesslicher Betrachter gegenüber; einer passiven Masse, die ihr Dämmeralter erreicht hat. Die jüngste europäische Tendenz, den Musicalfilm zu retten, ist wahrscheinlich eine klassische Antwort auf das standardisierte Hollywoodfutter.

Eine Zuschauergeneration in Rente

Es gibt keine neuen Geschichten mehr, das ist bekannt. Stattdessen gibt es aber eine kreative Krise bei der Produktion von Drehbüchern. Das heutige Publikum sucht Alternativen zur tristen Eintönigkeit des Kinos und nur wenige kennen die Historie des Kinos, die Geburt der Genres und seine Evolution bis heute. Nur wenige wissen ein gutes Drehbuch oder eine maßvoll eingesetzte Technik zu schätzen. Im Kino ist nicht länger Platz für präzise Choreographien oder mitreißende Melodien. Farben und Lieder sind Kinderkram, heutzutage.

Das Spektakel, das die großartigen Musical-Komödien mit sprechenden, singenden und tanzenden Hauptdarstellern geboten hatten, wird heute durch Special Effects ersetzt. Diese machen zweifelsohne Eindruck, aber sie rühren uns nicht so, wie es die Schauspieler der alten Schule taten, als sie nur von einem Orchester begleitet und ganz ohne Special Effects ihre Rollen singend und tanzend zu Leben erweckten. Aber das Publikum für Musicals ist abgetreten, und mit ihm ging die Unschuld und die Fähigkeit, sich überraschen zu lassen.

Das Musical als Grundkurs in Sachen Gefühle

Der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts geborene Kinogänger begann gemeinsam mit dem Jazzsänger (1927) zu schreien. Wie ein Baby in den Armen der Industrie, die im Angesicht ihres Sprösslings feststellte, dass er ihr die Möglichkeit bot, sich in eine vorbildliche Mutter zu verwandeln. So starb das Zeitalter der Stummfilmstars unter den ersten Worten eines neuen, kleinen Monsters, das bald seine eigenen Erfolgsrezepte entwickelte. Und während die Broadway-Melodie (1929) erschallte, wurde er auf den Namen Oscar getauft. Er akzeptierte den zunehmenden Einfluss des Dollars auf die Kunst und folgte fortan jedem Pfad, der größeren Profit versprach.

Er folgte dem Swing (1936) durch die dreißiger Jahre, wie es jedes Kind tun würde und behielt die Melodien unvergesslicher Lieder für immer im Gedächtnis. Seine Tante Ginger und sein Onkel Fred begleiteten ihn zu seinem ersten Ausflug, zum Bummeln nach New York. An der Hand seiner Freunde aus den oberen Zehntausend (1956) flog der junge amerikanische Schüler nach Paris und sang jedweder klimatischen Veränderung zum Trotz im Regen (1952), bis seine Pubertät endete und seine Aufmerksamkeit von Sex und Gewalt angezogen wurde. Romeo und Julia waren seine erste große, jedoch verhängnisvolle Liebe. Den Rhythmus des Rock lernte er hinter Gittern (1957) kennen und das erste "Cabaret" (1972), das er besuchte, vertrieb seine unschuldigen Erinnerungen an seine regenschirmbewehrte Kinderfrau, als er auf dem Weg zum Erwachsenwerden seinen Liedern und Träumen nachhing.

Die großen Filmstudios fixierten die Genres. Und während die Kunst der Unterhaltung immer abhängiger von technischen Spielereien wurde, verschob sich die Priorität der Filmschaffenden auf die neue Jugend, mit Gel in den Haaren, völlig fremdartig aber durchaus stilsicher. Die Jugendlichen tanzten in der Rocky Horror Picture Show (1975) und erlagen nur Samstag Nacht dem Fieber (1977) - ein ums andere Mal. Währenddessen versank ein ganzes Genre unter dem Druck des Kapitalismus, welcher nach und nach Länder eroberte und Kunst verlor.

Vom Spektakel zum Zeitvertreib

Heute ist jener Junge alt. Er weint schon lange nicht mehr mit dem Jazz-Sänger, sondern er summt ein Requiem bei einem Tanz in der Dunkelheit (2000), nach einem alten, mottenzerfressenen Lehnstuhl tastend, vielleicht aus Chicago (1975) (2002) oder Bollywood, auf dem er seinen aufgedunsenen, alten Körper ruhen lassen kann. Er weiß jetzt, dass der Weg zum Ruhm (1980) durch eine Reflexion der Realität führt, die allein auf Unterhaltung basiert – und bedeutet letztlich nichts als das. Musicalfilme sind heute Kinderfilme und die Lieder, die einstmals Hymnen waren, sind heute polyphone Klingeltöne für das Mobiltelefon.

Heute wie damals ist es üblich, sich in andere Wirklichkeiten zu vertiefen und sich von den Leben anderer unterhalten zu lassen. Und unsere audiovisuelle Erfahrung – zwar reifer aber auch näher am Verfall – fordert Genres, die realistischer sind. So vermeiden wir Kitschiges oder Naives. Das Theater weicht zurück im Angesicht der neuen und billigen Unmittelbarkeit. Die Musik tritt, wie so vieles, in den Hintergrund. Das Konzept des Spektakels ist nicht mehr das gleiche wie damals. Wenn wir heute von Showbusiness sprechen - meinen wir dann eigentlich nur den Zeitvertreib? Da bleibt keine Zeit für Applaus oder um seine Gefühle auszudrücken - man hängt einfach rum. Der Philosoph Walter Benjamin hat einmal gesagt, dass sich die Gesellschaft selbst in ein Spektakel verwandelt habe. Unsere Gesellschaft singt nicht. Wir pfeifen in der Regel nicht einmal in den Straßen. Das öde Drama und die eintönige Komödie, das sind unsere Genres.