Kultur

Sidney Corbett, Komponieren um der Schönheit willen

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2006
Sidney Corbett ist ein anerkannter Komponist an der Staatsoper in Berlin und nebenbei leidenschaftlicher Gitarrist. Mit café babel spricht er über seine Karriere, die mit dem Umzug von seiner Heimat, den USA, nach Europa begann, und über das Komponieren von Musik im modernen Europa.

Als Corbett und ich in unseren Winterklamotten eingepackt ankommen, sitzen bereits Corbett’s deutsche Frau Eva und seine zwei Jahre alte Tochter Chiara im Café und erfreuen sich am Büffet. Corbett’s Aussehen ist schlicht, er macht einen ernsten Eindruck. Er ist ganz in Schwarz gekleidet. Dann ertönt die helle Stimme seiner Tochter: „Papa!“. Ein Lächeln erhellt sein Gesicht. Er nimmt seine schwarze Wollmütze ab, darunter erscheint eine wilde, kurze Mähne grauer und schwarzer Locken.

Bach und Duke Ellington

Wenn man diesen leicht zerzausten Mann so betrachtet, ahnt man vielleicht nicht, dass er ein international mehrfach preisgekrönter Komponist ist, dessen Musik bereits auf deutschen, anderen europäischen , amerikanischen, gar japanischen Radiosendern zu hören war. Corbett, der mit leiser Stimme redet und etwas schüchtern ist, hat außerdem ein Doktorat in Komposition von der Yale Universität erhalten und wurde von einem der besten noch lebenden Komponisten der Welt unterrichtet, dem Ungarn Györgi Ligeti. Auch hat Corbett als Gastlektor an einigen der besten Musikuniversitäten doziert, darunter an der Yale, Berkely und der Hamburger Universität für Musik, dem Haus der Komponisten in Moskau und dem königlichen Konservatorium in Ahrus (Dänemark). Nun steht er neben mir in einem Café, wo das Brunchbüffet günstige sechs Euro kostet und billiger Kaffee ausgeschenkt wird.

Wir machen uns auf zum Büffet, nehmen uns zwei Teller und schaufeln uns erst einmal etwas Kartoffelgratin darauf. Zu meiner Verblüffung erzählt er mir sogleich, dass er aus einer unmusikalischen Familie kommt. „Ich war der erste in meiner Familie, der einem musikalischen Beruf nachgehen wollte. Wenigstens wuchs ich dank meiner Eltern mit Bach und Duke Ellington auf.“ Er spricht darüber, wie er mit 12 anfing Gitarre zu spielen, wie er einen Hendrix-Afro hatte und wie er mit 16 schon in den Clubs und Bars von Hollywood auftrat. Dann klatscht er sich eine Portion vom orangefarbenen Nudelauflauf auf den Teller. „Ich hab es geliebt, Gitarre zu spielen. Mir war die Schule aber egal. Das einzige, was ich an der High School mochte, war Komposition. Ich hatte miserable Noten, als ich mich bei der Universität von Kalifornien San Diego für ein Studium der Musikkomposition und Philosophie bewarb. Aber ich schaffte es durch die Aufnahmeprüfungen. Vielleicht dachten sie, dass ich talentiert bin”. Er macht am dampfenden Brokkoli- und Blumenkohltopf Halt, um sich mit den Metallzangen von jedem ein Röschen auf den Teller zu tun.

Von Gott unterrichtet

Wir setzen uns und er schildert mir seine Verwandlung von einem 17-jährigen Musik-Analphabeten zu einem 25-jährigen, in Yale ausgebildeten Doktor der Komposition. Obgleich er selbst nie so recht an seine musikalischen Fähigkeiten glauben wollte, gingen ihm Examen immer ganz leicht von der Hand. Er bekam sogar das Fulbright-Stipendium, das es ihm ermöglichte, an der Hamburger Universität für Musik zu studieren. „Als man mir sagte, dass ich das Stipendium bekommen hatte, war ich hin und weg. Das war für mich die Möglichkeit von Gott unterrichtet zu werden“. Mit Gott meint Corbett den Ungaren Györgi Ligeti, einer der besten noch lebenden klassischen Komponisten. Von seinem persönlichen Gott unterrichtet zu werden, war jedoch viel anstrengender als Corbett es zunächst vermutet hätte. „Er war unbarmherzig und ehrlich, wenn es um Musik ging. Er machte deine Musik zunichte mit seinen geschulten Ohren. Am Anfang hatten wir unsere Probleme“, sagt Corbett und schabt mit seiner Gabel die letzten Reste von seinem Teller. Doch der Amerikaner und der Ungar lernten miteinander umzugehen – im Gegensatz zu vielen anderen Studenten. „Ich war viel abgebrühter als die anderen Studenten als ich nach Hamburg kam. Ich war 25, hatte eine Kindheit mit einem Alkoholiker-Vater überstanden und das Leben in der Hippie-Musikszene Kaliforniens überlebt“.

Hang zum Experimentellen

Corbett beschreibt, wie Studenten in europäischen Musikstudiengängen zu viel versprechenden Maestros ausgebildet werden. Er beschwert sich aber darüber, dass viele Musikstudenten in Hamburg zwar „das ganze theoretische Wissen hatten, aber fast noch Kinder waren“, die zu jung und zu zerbrechlich gewesen seien, um den Torturen Ligetis standzuhalten. Corbett aber überlebte die Geduldsprobe und wurde dadurch ein besserer Komponist. „Die europäische Musikkomposition ist viel experimenteller als die amerikanische. In den Staaten soll die Musik dem Publikum gefallen. Es geht um’s Geld. Europäische Musik wird nicht vom Markt beherrscht, zum Teil weil die kulturellen Institutionen von der Regierung finanziert werden. Man hat viel mehr Freiheit.“ In Europa konnte Corbett genau das weiterentwickeln, was seit Jahren in ihm schlummerte - seinen Hang zum Experimentellen

Ohne seine amerikanische Identität zu verlieren, kreierte Corbett seine eigene Musik: eine Verschmelzung von europäischen und amerikanischen Musikstilen. In seinen Werken – seien es die Orchesterkompositionen, die Ensemble- und Solostücke, seine Oper „Noach“ oder die etlichen Arien, die er geschrieben hat – experimentiert er mit Klang, verflechtet leise oder impulsive Stimmen mit komplexen, pulsierenden Rhythmen. Seine Musik ist unterschwellig, nach innen gewendet. Aber trotz der minimalistischen Natur der Werke Corbetts, reißen sie das Publikum immer wieder mit. „Ich bezeichne meine Musik als Musik der versunkenen Stadt Atlantis. Sie ist ein bisschen zu experimentell für die Amerikaner und ein bisschen zu liebreizend für die Europäer“, sagt er als wir uns den Nachtisch holen wollen. Die kleine Chiara hat schon zu naschen begonnen. Ihr Gesicht voller Schokoladensoße, stopft sie ein Nutella beschmiertes Birnenstück nach dem anderen in ihren kleinen Mund.

Gefangen im Musikghetto

Ich frage ihn, was er damit meint, „zu liebreizend für Europäer“. Gefällt Europäern nur düstere, deprimierende Musik? Laut Corbett kam es in der Musikkomposition zu einer Wende nach dem zweiten Weltkrieg. Es schien, als dürfte Musik nicht mehr schön sein, besonders nicht in Deutschland, nachdem so viel Grauenvolles geschehen war. Deutsche Komponisten waren gefangen in etwas, das Corbett das „Musikghetto“ nennt, in dem Musik finster und tragisch ist. Jahrelang trauten sich Komponisten nicht, erfreuliche, lebhafte Werke zu komponieren. Nun aber versuchen einige von ihnen aus dem Ghetto auszubrechen. Corbett ist einer von ihnen und scheint viele mit seiner Musik überzeugt zu haben: Kritiker von lokalen und überregionalen Zeitungen, wie „Die Welt“ oder die „Stuttgarter Zeitung“, loben seine Werke in den Himmel.

Wir beenden das Gespräch bei einem Kaffee. Dann packen wir uns wieder warm ein, ziehen unsere Mäntel und Schals an. Wir verlassen zu viert das Café in Kreuzberg, Berlin, laufen ein Stück neben einander her. Ich darf sogar das Händchen von klein Chiara halten bis zur nächsten Kreuzung. Dort trennen sich unsere Wege.