Kultur

Serien ohne Superhelden: Die feine englische Art

Artikel veröffentlicht am 2. April 2012
Artikel veröffentlicht am 2. April 2012
US-amerikanische Serien überschwemmen die hiesigen Bildschirme. Doch europäische Serienformate können mit Originalität und einem Sinn für Realität punkten. Besonders ein Land scheint den Dreh raus zu haben: Großbritannien.

Dexter, Desperate Housewives, Dr. House oder Broadwalk Empire: Unzählbar sind die US-amerikanischen Serien mittlerweile, die über die Bildschirme seriendurstiger junger Europäer flimmern. Sei es auf Streaming-Webseiten oder regulären TV-Sendern, die amerikanische Traumfabrik verkauft sich nachwievor blendend im alten Europa. Aber auch wenn die europäischen Serienformate im Gegensatz zu ihren amerikanischen Rivalen noch recht bescheiden daherkommen, verheißen sie gute Qualität. Besonders ein Land hat die Nase vorn: Großbritannien.

Die englischen Produktionen schlagen ein in Europa. Serien-Fans folgen bereits seit einigen Jahren Formaten wie Skins oder Doctor Who. Aber neuerdings machen besonders 3 Serien von sich reden: Sherlock hat 9 Millionen Fernsehzuschauer auf der BBC, Downtown Abbey - einer englischen Aristokratenfamilie vom Anfang des 20. Jahrhunderts – folgen 10 Millionen auf ITV und Misfits – Geschichten von Antihelden aus der Londoner Vorstadt – hat bisher ungekannte Zuschauer- und Download-Rekorde erzielt. Misfits wird mittlerweile auch in Frankreich und Spanien ausgestrahlt.

TV-Porträt einer englischen Aristokratenfamilie

Das Ende der Superhelden

Neu ist vor allem der bissige Humor der Serienhelden. Berühmt sind die Repliken von Sherlock (Benedict Cumberbatch) oder Nathan (Robert Sheehan) in Misfits. Sie sind unverbrauchte Typen ('misfit' heißt 'marginal' auf Englisch), stehen für Randphänomene, deren Hauptmerkmal plumpe Satire ist. Mit der Tür ins Haus quasi. Kurz und gut – britische Serien beschwören das Ende des Superhelden. Bestes Beispiel dafür ist zweifellos Nathan. In der Serie Misfits spielt er einen jungen Abtrünnigen in orangefarbener Latzhose, der einige übernatürliche Kräfte hat, die er aber nicht zu nutzen weiß. Nathan ist ein Macho, eine Nervensäge und sexbesessen. Er ist eher Angsthase als Batman. Lustig-kauzig ist er trotzdem.

Die Helden der neuen Serienformate erleben außergewöhnliche Abenteuer, bleiben aber trotzdem in der Realität verhaftet. Die Aristokratenfamilie in Downton Abbey, deren Leben im Rhythmus mehrerer Dramen abläuft (eine Leiche bereits in der ersten Folge), wandelt auf epochalen Spuren. Der Graben zwischen der Angestellten-Etage und den barocken Appartements der High Society wird im Verlauf der Serie immer schmaler. Besonders wenn die Realität des Kriegs ins Spiel kommt.

Sherlock ist ein außergewöhnlicher Charakter in einer realen Welt, in dem das Verbrechen an der Tagesordnung ist. Sein böses Alterego, Professor James Moriarty, kreiert auf den Leib geschnittene Rätsel, um ihn aus der Reserve zu locken. Doch die Herausforderungen bleiben menschlich. Der Auftrag in jeder Folge lautet nach wie vor: Leben retten. Die Misfits-Helden haben ihrerseits übernatürliche Kräfte. Doch weit von überkandidelten Superheldenallüren, bevorzugen sie ebendiese in nützlichere Kräfte umzutauschen.

Kein « Kino für Arme »

Trotz der horrenden Unterschiede zwischen US-amerikanischen und europäischen Budgets, präsentieren sich diese Serien aber nicht unter der Flagge „Kino für Arme“. Gemeinsam haben sie oft unbekannte Schauspieler, die es vermögen binnen kürzester Zeit ganze Fanhorden um sich zu scharen. Gut, ein paar Stars sind auch dabei. Maggie Smith, die in Großbritannien aus den Harry Potter-Verfilmungen bekannt ist, spielt die Großmutter der Familie Granham. Dem Serienvater, gespielt von Hugh Bonneville (bekannt aus Notting Hill), ist die Rolle des britischen Aristokraten fast auf den Leib geschrieben. Sherlock wird von einem britischen Schauspieler verkörpert, der eigentlich auf Theaterbühnen zu Hause ist. Kürzlich war Benedict Cumberbatch aber auch im britisch-französischen FilmDame, König, As, Spion (Tinker Tailor Soldier Spy; 2011) zu sehen. Schwarze Haare, bleiches Gesicht, stechende Augen – Cumberbatch hat die perfekte Ausstrahlung für die sauertöpfische und ein bisschen abgehobene 2012-Version von Sherlock Holmes. Misfits-Schauspielerin Lauren Socha hat dieses Jahr den Bafta für ihre Rolle in der Serie erhalten. Besonders hervorgehoben wird immer wieder ihr 'Shave'-Akzent, der typisch für den heißen Londoner Osten ist.

Auch wenn die 3 Formate aus absolut verschiedenen Genre-Ecken kommen, haben sie das europäische Serien-Rezept raus. Weit entfernt von Happy End und amerikanischen Superhelden, werden gute europäische Serien bis heute aber leider immer noch auf Nischen-Fernsehsendern ausgestrahlt. Arte-Fakt?

Illustrationen:  Teaserbild ©Misfits, Downton Abbey ©Downtown Abbey; Videos (cc)YouTube