Kultur

Seifenblase Öko-Trend

Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2008
Das Viertel Vauban im deutschen Freiburg erfindet das Zusammenleben neu. Aber das kleine Öko-Paradies hat auch seine Tücken.

'Solaranlage Vauban'. Zwei Worte - eindeutige Botschaft. Schon am Eingang zu Vauban, das im Süden von Freiburg im Breisgau liegt, lädt der mit Solarzellen überdachte Parkplatz dazu ein, das Auto stehen zu lassen, bevor man das Viertel erkundet - natürlich zu Fuß.

Die ehemalige Kaserne beherbergte die französischen Truppen nach dem zweiten Weltkrieg und später bis 1992. Danach vereinnahmten die alternativen Hausbesetzer die Kaserne, bevor das Gebiet 1996 zum Herzstück eines nachhaltigen Entwicklungsprogrammes der Stadt Freiburg auserkoren wurde. Seitdem ist das Viertel stetig gewachsen. Auf 2000 Hektar haben sich 5000 Bewohner niedergelassen. 600 Arbeitsplätze sind entstanden.

Partizipative Demokratie

In diesem kleinen Dorf wohnen verwunderliche Bewohner: Man begegnet jungen Eltern, Studenten aus dem 'Studentenbau' und vor allem Kindern, sehr vielen Kindern.

Im kleinen Café ist um 18 Uhr noch die Hälfte der Kunden jünger als 10 Jahre alt. Im Süden, dem neuralgischen Zentrum in Vauban, kann man jeweils am ersten Mittwoch des Monats kostenlos Konzerte besuchen, etwas essen oder ein Glas Biosaft genießen. So lassen die Bewohner des Viertels ihren Tag in einer familiären und entspannten Atmosphäre ausklingen. Eigenartigerweise haben nicht alle Bewohner selbst entschieden, hier wohnen zu wollen. Manche sind durch Zufall in Vauban gelandet. Andere haben sich bewusst hier niedergelassen.

Benno, ein munterer Mittsechziger, hat vorher in Lübeck gewohnt und zog erst im letzten September nach Vauban: "Was für ein Unterschied! In Lübeck wohnten wir in einem 500 Jahre alten Haus mit 3 Meter 40 hohen Decken mitten im Stadtzentrum. Hier sind alle Appartements modern und im grünen Umfeld der Stadt gelegen", beschreibt Benno. "Die Nachbarn zögern nicht auch nach 21 Uhr bei uns zu klingeln, wenn sie kein Brot mehr haben. Ein Nachbar, den man nur vom Sehen kennt, kann einem den Schlüssel vorbeibringen, da seine Katze während seiner Abwesenheit gefüttert werden muss. Unser Konzept heißt: Vertrauen!

Aktiv an der Verwaltung des Viertels teilhaben, ist das wichtigste Motto in Vauban. Die Baugruppen beispielsweise sind Personengruppen, die sich in Vauban ansiedeln möchten. Bei gemeinsamen Treffen definieren sie die Struktur ihres zukünftigen Gebäudes. Der Vorteil? Höfliche zwischenmenschliche Beziehungen und gemeinsame Lösungen für alltägliche Probleme. Diese Integrationsinitiative wird zudem durch Willkommensparties zu Ehren der Neuankömmlinge gefestigt.

Die Solidarität kennt keine Grenzen. Ein Klick im Internet genügt und man kann sich eines der sechzehn verfügbaren Autos der Bewohner ausleihen. Die Vereine zur gegenseitigen Unterstützung, die Ratgeberstellen für junge Eltern und die Vereine zur Selbstverwirklichung und Selbstverteidigung liegen direkt an der Straße. Freunde kann man in extra dafür vorgesehenen Gasthäusern unterbringen. So vermeidet man zu große Apartmentwohnungen, deren Platz gar nicht genutzt wird. Auch auf die staatsbürgerliche Erziehung der Bewohner des Viertels wird großer Wert gelegt.

Die Straßenschilder erzählen 200 Jahre deutsche Geschichte aus den Bereichen Politik, Kunst und Wissenschaft: von der Rosa-Luxemburgstraße in die Luis Otto Peters-Straße geht man durch die Straßen von Marie Curie, Georg Elsner, Kurt Tucholsky und Walter Gropius. Keiner der Namen wurde dem Zufall überlassen. Die Beschilderung zeugt von intellektuellem Engagement.

Das soziale Leben des Viertels basiert vor allem auf dem 'Forum Vauban', einem privaten und demokratischen Verein, dessen Türen jedermann offen stehen. 'Das Forum´ und seine 300 bis 400 Mitglieder haben eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, die sich für oder gegen die politischen Entscheidungen der Gemeinde ausspricht. Um die Bewohner der Stadt einander näherzubringen, treffen sich die Wortführer und gewählten Abgeordneten regelmäßig, um die Erwartungen der Bewohner und die Entwicklung des Viertels zu diskutieren.

(Wohn)Gemeinschaftliche Schwachstellen

Hinter der Solidarität und offensichtlichen Modernität des Öko-Viertels verbirgt sich jedoch so manche Schwachstelle. Die Ruhe des Viertels täuscht und verbirgt durchaus kritisierbare Realitäten: Beispielsweise wurde das Ziel der Integration verschiedener Sozialschichten nicht erreicht. 75 Prozent der Bewohner sind leitende Angestellte.

Die großen Glasfenster der Apartments erinnern an Schaufenster: Vauban hat nichts zu verbergen. Alles ist sauber, von der Straße aus sichtbar. Nichts vorzuwerfen. 2005 brachte ein Vorfall ein wenig Unruhe in den Ort. Eine Familie mit fünf Kindern wurde aufgrund einer Beschwerde von der Immobiliengesellschaft des Viertels aus ihrem Apartment geworfen. Die Kinder seien zu laut gewesen und die Eltern, gemäß einem Teil der Nachbarschaft, seien ihrer Rolle als Erziehungsperson nicht gerecht geworden.

Ein zukunftsweisendes Konzept?

Die Stadt Freiburg ist einer der Vorreiter im Schaffen von Öko-Vierteln in Europa. Nach Vauban ist nun das Viertel Riesefeld - ein weiterer atypischer Wohnentwurf - in Planung. In der Siedlung soll den Bewohnern viel Platz für Engagement und Bürgerinitiative zur Verfügung gestellt werden.

Auch andere Bürgermeister haben ein Auge auf die innovativen Wohnkonzepte in Freiburg geworfen: Öko-Tourist Alain Juppé - Bürgermeister von Bordeaux - kam kürzlich nach Freiburg, um sich das Konzept darstellen zu lassen. Doch die Franzosen sind noch unentschlossen. Dominique, der erst kürzlich nach Riesefeld kam, bedauert: "Jedesmal sagen die Franzosen, sie seien begeistert, aber dass ein solches Projekt in Frankreich nicht existieren könne. Die Bürgermeister haben nur Angst sich auf diese Weise mehr engagieren zu müssen."