Kultur

Scoop - Woody Allen entdeckt Europa

Artikel veröffentlicht am 1. November 2006
Artikel veröffentlicht am 1. November 2006
Scarlett Johansson und die britische Aristokratie: Woody Allens neuer Film Scoop startet am 16. November in Deutschland.

London. Oberschicht. Scarlett Johansson. Die drei Schlüsselelemente aus Woody Allens letztem Film Match Point (2005) kennzeichnen auch seinen neuen Film Scoop. Handelt es sich also um eine Wiederholung der Erfolgsformel vom vergangenen Jahr? Leidet das Genie aus Manhatten gar an einem Ideenmangel?

Glücklicherweise ist weder das eine noch das andere der Fall. Scoop ist ein flotter und unterhaltsamer Film. Mit Match Point teilt er den Schauplatz und die Hauptdarstellerin. Mehr nicht.

Woody Allen sieht Gespenster

Zu Beginn des Filmes tritt ein Gespenst auf. Der erfolgreiche Journalist Joe Strombel (Ian McShane) stolpert auf dem Weg ins Fegefeuer über seine letzte Exklusivgeschichte: Er entlarvt einen Mörder, der die Einwohner Londons in Angst und Schrecken versetzt. Als Geist erscheint er der jungen und arglosen Journalistikstudentin Sondra Pransky (Scarlett Johansson), um ihr das Geheimnis zu enthüllen…

Dies ist nicht der erste Film Woody Allens, in dem es gespenstisch zugeht. Schon früher hat der Regisseur Geister dazu benutzt, den komplizierten menschlichen Beziehungen mehr Spielraum zu geben. In The Purple Rose of Cairo (1985) wurde einer Filmperson Leben eingehaucht und sie verließ daraufhin die Leinwand. Und in „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ (1975) verfolgte der Tod in persona, bewaffnet mit einem Dolch, den Hauptdarsteller.

Brilliante Oberflächlichkeit

Am ehesten lässt sich Scoop mit Manhattan Murder Mystery (1993) vergleichen, einem brillanten, aber fantasielosen Werk. Scoop teilt mit diesem Film den schnellen Rhythmus und den Stil der leichten Komödie. In beiden Filmen taucht Allen selbst als Schauspieler auf. Und in beiden Filmen spielt er seine klassische Rolle des Skeptikers, Schwätzers und Paranoikers.

Einen Unterschied gibt es allerdings in der Qualität der beiden Filme. Manhattan Murder Mystery war eine klassische moderne Komödie mit groartigen Dialogen und einem Schluss, der in Erinnerung bleibt. Dagegen ist Scoop nichts weiter als ein angenehmer, wenig anspruchsvoller Film, der das Publikum neunzig Minuten lang lachen lässt.

Enttäuscht werden diejenigen sein, die von Allen wieder ein Werk auf dem Niveau von Match Point erwartet haben. Wer allerdings Allens leichte Komödien wie „Im Bann des Jade Skorpions“ (2001) oder Anything Else mag, ist auch mit Scoop gut bedient.

Europäische Aristokraten

Für die Fans von Woody Allen in Europa ist besonders interessant, dass die Handlung in England spielt. Früher hatte Allen nur selten außerhalb Manhattans und fast nie in Europa gearbeitet. Nur sein Musical Everyone says I love you (1996) spielt in Paris und Venedig.

Seit Match Point aber scheint der New Yorker endgültig Lust bekommen zu haben, in Europa zu drehen und zu produzieren. Derzeit ist er mit dem Schneiden einer weiteren Komödie beschäftigt, die er im vergangenen Sommer in London mit Collin Farrell und Ewan McGregor gedreht hat.

Allens neues Interesse an Europa beschränkt sich jedoch nicht nur auf die britische Hauptstadt: Er hat angekündigt, dass sein nächster Film in Barcelona gedreht werde. Penélope Cruz werde die Hauptrolle übernehmen.

Mit Scoop kehrt Allen nach London zurück und wie in Match Point nimmt er die Kamera mit bis zu den beeindruckenden Villen der reichen Briten. Dort dreht er Außenszenen in der freien Natur. Solche Elemente sind neu in Allens Filmsprache. Neu sind auch die Arbeiterviertel von London und Barcelona, die demnächst als Kulissen Allens Interesse für Europa illustrieren werden.

Ernüchternde Menschlichkeit

Für Allen besteht kein großer Unterschied zwischen den englischen und den nordamerikanischen Aristokraten: Sie unterscheiden sich voneinander nur durch ihren Charakter, ihren Akzent und ihre Vorlieben. Es ist bekannt, dass Allen Sympathien für Europa hegt. Dennoch erscheinen viele der Personen, die in Scoop und Match Point vorkommen, ebenso heuchlerisch und zynisch wie die Amerikaner in seinen älteren Produktionen.

Woody Allen kann inzwischen seine ernüchternde Sicht auf die Menschen kaum mehr ändern. Selbst dann nicht, wenn die Hauptdarstellerin eine arglose und zerstreute Scarlett Johansson ist – eine neue Rolle für die viel versprechende Schauspielerin.

Scoop (2006)

Regie: Woody Allen

Mit: Hugh Jackman (Peter Lyman), Scarlett Johansson (Sondra Pransky)

Laufzeit: 96 min

Der Film startet am 16. November in Deutschland. Er läuft seit Ende Oktober in Spanien und seit dem 1. November in Frankreich

Foto Homepage: Eweisser/ Flickr