Kultur

Schwule, lesbische, wundersame Kunst: Fünf "Queer Artists" in Europa

Artikel veröffentlicht am 20. August 2013
Artikel veröffentlicht am 20. August 2013

Ein LGBT-Künstler zu sein ist leicht. Wirklich etwas zu bewirken, die Community für andere zugänglicher und verständlicher zu machen, ist viel schwieriger. Schwule, lesbische und Transgender-Aktivisten von Ungarn bis Bosnien-Herzegowina bemühen sich, die Mentalität ihrer Landsleute zu verändern. Kati, Mel, Tonci, Andrea und Dorothee erzählen ihre Geschichten. 

Mel, Bosnien

„In Bosnien wird der Begriff „Queer Art“ (~schwule, lesbische, verschrobene, wunderliche Kunst) immer missverstanden“, erzählt Melisa Ljubovich23. „In der Künstlerszene ist die Richtung nicht wirklich etabliert, dabei sollte sowas unbedingt öfter gemacht werden. Queer Art ist noch nicht völlig in Bosnien angekommen, aber die Szene entwickelt sich. Die LGBT-Community kennt den Begriff und weiß seine Bedeutung, aber sie konzentriert sich eher auf den „Kunst“-Teil und hinterfragt nicht wirklich die ganze Thematik. Ich komme aus einer Familie mit künstlerischer Tradition und war immer schon in Kunstprojekten und künstlerische Bewegungen involviert. Meine Kunst habe ich nicht als queer bezeichnet, bis ich einiges zu Theorie und Kultur dieser Kunstrichtung gelesen habe. Aber viele, die sich selbst als Queer Artists bezeichnen, sind heute gar nicht mehr wirklich queer, wirklich anders. Sie beginnen, sich wie alte, bescheuerte Akademiker zu verhalten.“

Mel lebt ihr lesbisches Leben in vollen Zügen und bringt jungen Menschen bei, Queer Artists zu sein. Dafür reist sie sogar nach Wien. „Kroatien und Serbien fördern Queer Art schon recht aktiv, Mazedonien hingegen hat zugänglichere Queer Artists.“  

Andrea, Italien

Andrea Giuliano als Künstler zu bezeichnen ist anmaßend; er fühlt einfach das Bedürfnis, sich auf verschiedene Art und Weise auszudrucken: Ein Bild statt einer Aussage, eine Aufführung statt einer Party. „Was den Begriff queer betrifft, hatte ich einfach viel Gift in mir“, sagt der 32-Jährige, der in Budapest lebt. „Ich war müde, es immer in mir zu verstecken, also hab ich es ausgespuckt. Ich war immer von verschiedenen Sichtweisen fasziniert – was für mich „normal“ ist, könnte für jemand anders komplett verrückt sein.“ 

Andrea arbeitet gerade an einer homoerotischen Trilogie. „Aber die meisten meiner Bilder haben nicht direkt mit diesem schwulen Element zu tun – was immer das auch sein mag. Ein Künstler kann queer sein, ohne auch nur zu ahnen, dass er es ist“, sagt Andrea. „The LGBTQIA-Community ist eine von vielen gesellschaftlichen Gruppen, die durch eine absurde moderne Hexenjagd schikaniert wird. Eine Reaktion gegen all diese Diskriminierung und Gewalt ist absolut unumgänglich und dringend nötig. Queer Art soll verzaubern, unterhalten und informieren.“

Tonci, Kroatien

„Ich bin nie auf eine Kunstschule gegangen”, erzählt Tonci Kranjčević Batalić. „Ich finde die Sprache der Kunst ist eine einfache Art, über wichtige Themen zu sprechen. Kunst gibt dir völlige Freiheit in der Art und Weise, wie du ein Thema angehst, du musst nicht politisch korrekt sein. Im Vergleich zur Wissenschaft oder zum Rechtssystem würde ich sogar sagen, dass Kunst selbst queer ist.“ Als kleiner Junge war Tonci entsetzt darüber, dass Romanzen im Fernsehen immer mit einer Hochzeit enden. Das wurde als die einzige Option im Leben präsentiert, für alle. Umso erleichterter war er nach seinem Coming Out.  

„Ein Queer Artist zu sein, bedeutet kritisch zu sein“, sagt er. „Ein Künstler kann queer sein, ohne dass er davon weiß. Es ist nicht notwendig, sich so zu nennen. Ich versuche das alltägliche Leben der schwul-lesbischen Community einzufangen und zu zeigen. Außerdem will ich von dieser Position aus dominante System hinterfragen. Ich würde es „Lernen vom Schwulsein“ nennen. Es ist das Modell einer anderen Gesellschaft, die auf gemeinsamen, zwischen den Individuen dieser Gesellschaft ausgehandelten Werten beruht.“  

Dorothee, Deutschland

“In Deutschland gibt es viele queere Kunstprojekte, aber sie sind Teil des Mainstreams”, erzählt Dorothee Zombronner, die Queer Art schafft und fördert, seit sie diese Richtung als 22-jährige Kunststudentin für sich entdeckt hat. „Das erste Bild meiner Reihe „Seltsame Mädchen“ zeigte den Spalt auf zwischen Erwartungen, die junge Frauen und Männer durch die Werbung haben, und der Realität. Ich wagte es früher nicht, meine Kunst queer zu nennen, obwohl ich mit diesen Themen schon lange davor gearbeitet hatte. Ich habe damals eine Künstlerin getroffen, die sich als Queer Artist bezeichnete, weil sie Frauen liebte. Hängt der Titel von Kunst ab, die du machst, oder von deiner Sexualität? Ich bin Feministin; bin ich auch queer? Ist mein Schaffen feministische Kunst, weil ich eine Frau bin? Wenn ich meine Kunst vorführe oder den Leuten erzähle, was ich in Deutschland mache, sagen sie mir oft: „Du bist so verrückt! Warum?“ Oder wie eine Freundin, die sich selbst als sehr tolerant und offen bezeichnet, einmal in meiner Gegenwart zu einem anderen sagte: „Dorothee macht immer seltsame Dinge.“

Dorothee wurde bereits gefragt, ob sie denn Krebs habe, denn sie macht ihre Kleider aus hautfarbenen Strumpfhosen, mit Haar an ungewöhnlichen Stellen in der Form von Genitalien oder Schönheitsflecken. Einige Gallerien haben ihre Kunst als „zu schwierig, um sie auszustellen“ bezeichnet.

Kati, Budapest

„Als Kind habe ich mich für Kunst, Graphikdesign und Fotografie interessiert, aber schließlich endete ich als verheiratete Biologin mit drei Kindern“, erzählt Kati Holland. „Nach meiner Scheidung hatte ich endlich mein inneres Coming Out (etwa vor vier Jahren). Ich ging durch eine intensive Zeit der Veränderung und Selbstfindung. Die Buda Zeichenschule ist sehr tolerant und hat mir das nötige Selbstvertrauen gegeben, um die Plakate für meine Abschlussprüfung als Graphikdesignerin zu gestalten. Sie zeigen Menschen aus der LGBTQ-Community, die sich küssen; die Buchstaben LGBT sind auch in jedem Poster zu sehen.“  Als Kind lernte Kati vom Taoismus, Yin und Yang.

Später realisierte die heutige Aktivistin, dass die strikt zweipolige Gender-Trennung nur ein künstliches soziales Konstrukt ist. „Die ungarische Gesellschaft hat erschreckend homophobe Ansätze, die Menschen denken nur in heteronormativen Stereotypen und in kompromisslosen Modellen von Mann-Frau. Ich erfüllte einfach nicht die stereotypen Erwartungen an eine Frau“, erklärt Kasi. „Ich fühlte mich als Mischung aus Mann und Frau, eine Humanistin, im Gegensatz zu einer Feministin. Beide Seite zu akzeptieren, die männliche und die weibliche, ist der Weg voran. Ich akzeptiere das Patriarchat nicht – aber ich will es auch nicht mit einem Matriarchat ersetzen.“