Kultur

Schauspielerin Sıla Şahin: "Die können mich alle mal!"

Artikel veröffentlicht am 22. August 2011
Artikel veröffentlicht am 22. August 2011
Sıla Şahin weiß was sie will. Im Mai dieses Jahres hat sich die junge deutsche Schauspielerin türkischer Herkunft für den Playboy ausgezogen. „Die erste Muslimin“, die sich auf Glanzpapier enthüllt. Religiöse Beleidigung, Marketing-Strategie oder gewagte Integration? Von Berlin bis Istanbul hat die 'Enthüllung' die türkische Gemeinschaft in zwei Fronten gespalten.
Mit ihrem schelmischen Lächeln gibt die 25-jährige Sila nicht nach und steht dazu. Auch wenn ihre Eltern sie aufgrund der „Befreiung“, von der sie in der Boulevardpresse spricht, fast verstoßen hätten, so hat sie ihre Karriere doch vorangetrieben.

Cafebabel.com: Welche Beziehung haben Sie als Deutschtürkin zu Berlin?

Sıla Şahin: Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, im Westen der Stadt, in Charlottenburg. Ich liebe die Multi-Kulti-Seite und das Kosmopolitische an der Stadt. Ich liebe natürlich genauso die Türkei. Istanbul und Izmir sind wunderschöne Orte. Auch wenn ich sehr neugierig auf andere Städte bin, glaube ich, dass ich immer nach Berlin zurückkehren würde. Zwei Kulturen - das gefällt mir. Es wäre schade, nur eine Staatsangehörigkeit zu haben. Sicherlich hat diese doppelte Kultur auch etwas Schizophrenes in sich, aber ich picke mir von beiden Seiten das Beste heraus. Jede Sprache ist wie das Kennenlernen einer neuen Person. Ich stibitze mal hier mal da.

Die Tochter des Propheten

Cafebabel.com: Fühlst Du Dich als Europäerin?

Sıla Şahin: Was bedeutet das? Ich bin Weltenbürgerin, Europa reicht mir nicht. Ich möchte mit meinem Rucksack nach China reisen, nach Mexiko, Kuba. Ich will die ganze Welt entdecken.

Cafebabel.com: Wieso hast Du beschlossen Schauspielerin zu werden?

Und vor allem will ich mich nicht rechtfertigen müssen: "Wieso hast du einen deutschen Freund? Wieso ziehst du dich vor der Kamera aus?" Die können mich alle mal!

Sıla Şahin: Ich habe eine Schauspielschule besucht und eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht, als Model gearbeitet, außerdem Tanz- und Gesangsstunden genommen. Ich wäre gerne Modedesignerin oder Tänzerin geworden. Aber die Schauspielerei bietet Dir die Möglichkeit, ständig Neues auszuprobieren, andere Lebensarten zu entdecken, in die Haut Anderer zu schlüpfen, wie sie zu fühlen, sie zu verstehen. Wenn du spielst, verlangt niemand von dir dich zu rechtfertigen. Ich mag besonders die Spannung auf der Bühne und die Alchimie, die sich mit dem Publikum aufbaut. Schauspielern gibt mir eine unglaubliche Freiheit.

Cafebabel.com: Fühlst Du Dich nicht frei?

Sıla Şahin: Jeder wäre gerne frei. Das hängt natürlich von dem Umfeld ab, in dem Du aufgewachsen bist, davon was diejenigen, die Dich umgeben, sagen, und ob und wenn ja inwiefern Dich das beeinflusst. Der Schauspielunterricht hat mich sehr verändert. Ich brauche nicht mehr die Bestätigung von Anderen für das, was ich mache. Ich will nicht mehr hören: "Du sollst dich gut benehmen". Ich will meine Erfahrungen machen und meinen eigenen Weg gehen. Und vor allem will ich mich nicht rechtfertigen müssen: "Wieso hast du einen deutschen Freund? Wieso ziehst du dich vor der Kamera aus?" Die können mich alle mal!

Cafebabel.com: Befindest Du Dich gerade in einer Phase der Rebellion?

Sıla Şahin: Ja, gegen diejenigen, die permanent beurteilen und kritisieren, seien es Bekannte oder mein Umfeld, Muslime, Türken oder Deutsche. Ja, auch ich habe einen Kopf, den ich zum Denken benutze. Ich will frei sein. Obwohl meine Eltern sehr moderne Menschen sind, haben sie trotzdem immer irgendwelche Erwartungen und Vorstellungen davon, wie man sich in der Rolle einer Frau zu verhalten hat. Es ist bedauerlich, dass manche Leute nicht das machen, was sie sich wünschen, weil ihre Eltern versuchen, sie in eine Schublade zu stecken. Ich bin Türkin, aber ich empfinde mich auch als Deutsche. In Berlin bin ich Zuhause. Und ich finde es schade, dass es hier Türken gibt, die hier seit fast dreißig Jahren leben und kein Wort Deutsch sprechen. Man kann immer lernen, oder? Die Idee ist der Austausch, das Teilen mit den Anderen. Aber der größte Druck kommt von der Gesellschaft: Wie viele Einwanderer sind  meine Mutter und mein Vater hier angekommen und haben sich abgekapselt. Am Anfang wollte ich natürlich so leben wie sie, aber dann habe ich erkannt, dass das Leben größer als nur ein Fenster ist.

Cafebabel.com: Und das Shooting für den Playboy, wie hat sich das ergeben?

Sıla Şahin: Nackt zu posen war mir nicht egal, ganz im Gegenteil. Ich hatte schonmal Fotos für die FHM gemacht. Dann hat mir die Playboy-Redaktion Nacktfotos angeboten. Ich habe darüber viel nachgedacht: Ich war mir vollkommen bewusst, dass die Fotos ein Schocker sein würden. Ich hatte Angst davor, verurteilt zu werden, dass man mir ins Gesicht spucken und "Schäm dich" sagen würde. Aber ich habe mich während des Shootings sehr wohl gefühlt und mich anders - weiblich - wahrgenommen, als ich die Fotos gesehen habe. Sehr weiblich. Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass es etwas Schlechtes ist, nackt zu sein. Wo ist das Problem? Heute ist alles in Ordnung.

Cafebabel.com: Wie sehen Deine aktuellen Pläne aus?

Sıla Şahin: Einen Film zu machen wäre super. Das ist eine ganz andere Atmosphäre. Und schließlich spricht das Kino ein größeres Publikum an, ein Film stirbt nicht. Ich mag Fatih Akin und besonders seinen Film Gegen die Wand. Die Rollen der türkischen Mädchen im deutschen Kino sind oft sehr klischeebehaftet. Auch in GZSZ ist Ayla, meine Figur, sehr kontrolliert und diszipliniert. Sie ist im Grunde wie ich vorher.

Cafebabel.com: Wieso wolltest Du in dem Interview nicht über Religion sprechen?

Ob die wissen, dass sich Sıla Şahin nun auch für den amerikanischen Playboy ablichten lassen will?Sıla Şahin: Die Religion ist eine irrationale Frage, die einen persönlich, in seinem eigenen Herzen betrifft. Außerdem ist das Thema sehr sensibel und ich möchte niemanden verletzen. Man soll leben und leben lassen. Das ist eine Frage zwischen Gott und mir. Natürlich ist meine Familie muslimisch, aber ich möchte nicht Jeanne d'Arc sein.

Fotos: Titelbild und im Text ©Jan Zappner; Video: (cc)nyourfacetv3/Youtube