Kultur

Satirische Medien in Frankreich, das Juckpulver der Politiker

Artikel veröffentlicht am 23. September 2008
Artikel veröffentlicht am 23. September 2008
Lachen erlaubt es, sich einer Welt zu entziehen, in der das Bild von den Geschehnissen minutiös kontrolliert wird. Seit der französischen Revolution benutzen die Medien die Satire. Und die Politiker sind die ersten Diskreditierten der Zweideutigkeit.

Ihre Waffe? Spott, beißender Humor, Ironie. Das französische Satireblatt Canard enchaîné (Gefesseltes Blatt; canard wird im Französischen synonym für 'Zeitung' gebraucht) hat die größte Klappe im Hexagon - investigativer Journalismus ist der Schlüssel zum Erfolg. Skandale brechen in ihren Spalten los. Nichts Aktuelles wird verschont. Nicht einmal die heikelsten Themen. 1971 wird die Steuererklärung von Premierminister Chaban Delmas in dem französischen Satireblatt veröffentlicht. 1981 ist es der hohe Beamte Papon, der eins aufs Dach bekommt. Canard enchaîné deckt seine Rolle bei der Verschleppung der Juden von Bordeaux auf. Im Moment bewegt sich die Auflage des Wochenblattes um die 400 000 Exemplare. Im Gegensatz zur französischen Presse bewahrt sich Le Canard enchaîné finanzielle Eigenständigkeit - Verzicht auf Werbung für garantierte Unabhängigkeit.

Andere Art, andere Affäre. November 1970: Die französische Satirezeitung Hara Kiri titelt mit "Tragischer Ball in Colombey - ein Toter". Die Titelseite vermischt den Tod von General de Gaulle mit einer weiteren Meldung: 144 Jugendliche starben am gleichen Tag in einem Tanzsaal im Département Isère. Der schwarze Humor ist nicht nach dem Geschmack des Ministeriums. Der Publikation folgt ein Verbot. Doch das „dumme und böse“ Monatsblatt hat sein letztes Wort noch nicht gesagt. So wird der Name kurzum geändert und Charlie Hebdo geboren. Ein cleveres Manöver, das sich noch heute in 140 000 täglich verkauften Exemplaren in der französischen Medienlandschaft behauptet.

Auf den Frequenzen und den Bühnen

©charliehebdo.frBeim Tribunal des Flagrants Delires (Tribunal der offensichtlich Irren) befindet sich die Zuhörerschaft nicht im Palais de Justice (Justizgebäude auf der Île de la Cité in Paris), sondern auf den Hertzschen Frequenzen. Seit Anfang der 1980er hat die Satire ihren Platz im französischen Radio. Der Humorist Pierre Desproges spielt den Staatsanwalt, der dem „niedrigsten“ Rechtsanwalt „des Inneren“ gegenübersteht, was Bezug auf den damaligen Justizminister Robert Badinter nimmt.

Lange vor dem Auftauchen von Jean-Marie Le Pen, Parteichef der rechtsextremistischen Front National, denkt der „humoristische Staatsanwalt“ über die Grenzen des Lachens nach. „Wenn es wahr ist, dass dieses Lachen manchmal die Dummheit entheiligen, wahren Kummer austreiben und tödliche Ängste auspeitschen kann, ja dann kann man über alles lachen, dann muss man über alles lachen.“

1981 kandidiert Coluche, ein engagierter Komiker und zukünftiger Gründer der Restos du coeur (Restaurant des Herzens), für die Präsidentschaftswahlen. „Ich rufe die Faulen, die Dreckigen, die Drogensüchtigen, die Alkoholiker, die Schwulen, die Frauen, die Schmarotzer, die Jugendlichen, die Alten, die Künstler, die Knastbrüder, die Lesben, die Lehrlinge, die Schwarzen, die Fußgänger, die Araber, die Franzosen, die Haarigen, die Verrückten, die Transvestiten, die ehemaligen Kommunisten, die überzeugten Abstinenzler, alle die, die für die Politiker nicht zählen, dazu auf, für mich zu stimmen, sich in ihren Rathäusern einzuschreiben und die Neuigkeit zu verbreiten.“

Eine große Farce? Die Politiker lachen gezwungen. Schon widmet das Magazin Le Nouvel Observateur seine Titelseite dem Komiker, obwohl François Mitterand seine Kandidatur für die Sozialistische Partei bekannt gegeben hat. Sehr schnell breitet sich das ‚Phänomenen Coluche‘ aus. Angesichts dieser unerwarteten Kandidatur bringt die politische Klasse, die weit vom Lachen entfernt ist, den Humoristen davon ab.

Fast 25 Jahre später wiederholt Jamel Debouzze, der gefeierte Komiker, auch besser bekannt als Assistent des Gemüsehändlers in Die fabelhafte Welt der Amélie, diese Idee. „Ein echter Reinfall“, dem Jargon des Milieus folgend. Nichtsdestotrotz engagiert sich der französische Star für Ségolène Royal, die sozialistische Kandidatin bei den Präsidentschaftswahlen 2007 - am Ende „ein zweiter Flop“.

Auch das Fernsehen mischt mit

©canalplus.frAnfang der 1990er entwaffnet das Lachen die Angst. Angesichts der durch den Golfkrieg und die Medien heraufbeschworenen Psychose triumphieren die Guignols de l’info (Infokasper) dank ihres subversiven Blickes auf dem französischen Privatsender Canal +. Ein gewisses Paradoxon bei einer Nachrichtensendung, die sich im Kern über Berühmtheiten lustig macht. Jeden Abend vor den offiziellen 20-Uhr-Nachrichten werden die News von Marionetten präsentiert, die Modephänomene und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens karikieren.

Kein politisches Phänomen kann ihnen entkommen. 2007 erklärt Rodolphe Belmer, Generaldirektor von Canal +, in der Tageszeitung Le Figaro: „ Die Guignols haben es geschafft, die Jugendlichen für die Politik zu interessieren.“ Die Auswirkung misst sich an den Einschreibungen für die Wählerlisten. Denn letztendlich reden viele junge Franzosen mehr über die Sendung vor 20 Uhr als über die allgemeinen Nachrichten.