Kultur

Santral Istanbul: Eine Kunstfabrik für Europa

Artikel veröffentlicht am 8. November 2006
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 8. November 2006
2010 wird Istanbul die Kulturhauptstadt Europas. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Die neue Kunsthalle ‚Santral Istanbul’ wird bereits nächstes Jahr eröffnet.

„Auch Sie können Ihre eigene Tate Modern haben“. Die Prophezeiung von Donald Hyslop, einer der Leiter des berühmten britischen Museums, begeisterte die Istanbuler Kulturszene. Diese hatte sich im Mai 2005 anlässlich einer Konferenz in der Bilgi-Universität versammelt. Hyslop Prophezeiung hat sich bewahrheitet – fast. Santral Istanbul ist eines der größten kulturellen europäischen Projekte der letzten Jahre. Anfang 2007 wird es seine Tore öffnen.

Die Idee stammt von der Bilgi-Universität in Istanbul: Ein veraltetes Elektrizitätswerk, das sich im Herzen der Stadt befindet und eines ihrer ältesten Industrieviertel ist, wurde umgewandelt. Nicht nur in ein Museum für zeitgenössische Kunst, sondern auch in eine Künstlerresidenz, eine Bibliothek sowie ein Energie-Museum. Istanbul, das ehemalige Konstantinopel, beansprucht seinen Platz in der zeitgenössischen Kunstszene.

Ort der Begegnung

Bei der Präsentation des neuen Museums kamen unter anderen einer der Gründer der Friche de la Belle de Mai, eine in eine kulturelle Plattform umgewandelte Tabakfabrik und der ehemalige Leiter des Guggenheim Museums von Bilbao zu Wort. Eine anspruchsvolle Patenschaft, die viel von dem Ehrgeiz des Istanbuler Projekts verrät.

‚Santral’ und sein künftiger 118 000 m² großer Standort schaffen es, zwei Aspekte des künstlerischen Lebens zu vereinen und zu präsentieren: Vom offiziellen Kanon anerkannte und alternative Kunstwerke. ‚Santral’ ist sowohl ein Museum zeitgenössischer Kunst mit internationalem Ruf, als auch Ort der Begegnung für tausend junge Talente, Kunstschaffende und Wissenschaftler, die zusammen ein Jahr in der Künstlerresidenz verbringen werden.

Die Ziele, die sich die Gründer von ‘Santral Istanbul’ gesetzt haben – Kunstschaffen, Austausch und Interdisziplinarität – nehmen im Übrigen das Credo anderer alternativer Standorte wieder auf. Die Friche de la Belle de Mai (www.lafriche.org), die UfaFabrik in Berlin (www.ufafabrik.de), die Halles de Schaerbeek in Brüssel (www.halles.be), die Usine in Genf (www.usine.ch), das Bloom in Mailand (www.bloomnet.org) oder das Atenau popular in Barcelona. Auch wenn das Projekt unter eine institutionelle Struktur gestellt wird, so verliert die Istanbuler Initiative den Bezug zur Stadt nicht aus den Augen. Sie will weit über die Mauern des alten Stromwerks hinaus wirken, indem sie mit Straßenkunst-Workshops den Standort und seine Bewohner mobilisiert. Ein neuer Wind weht durch das schon lange verlassene alte Industrieviertel am Ufer des Goldenen Horns.

Der Weg nach Europa

Aber ‚Santral’ wird nicht das einzigste Projekt sein, das vor den Augen der Istanbuler entstehen wird. Auf dem Weg zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 (und zum EU-Beitritt) rehabilitiert sich Istanbul als europäischer Kulturstandort. Erst kürzlich wurden drei neue Museen eingeweiht. Die Werke von Picasso oder von Rodin werden hier von nun an Ausstellungssäle en masse finden. Die zeitgenössische Kunst trifft auf Werke des osmanischen Zeitalters. Auch die bedeutendstesn Künstler türkischen Moderne werden zu sehen sein. Und dies alles soll nur ein kleiner Vorgeschmack sein: Die Schönheitskur der Stadt schenkt den osmanischen Gebäuden einen zweiten Frühling und verwandelt das historischen Verwaltungszentrum in ein Museumsstück.