Kultur

San Sebastián: Abgedroschenes Sozialkino

Artikel veröffentlicht am 28. September 2007
Artikel veröffentlicht am 28. September 2007
Die 55. Ausgabe des Wettbewerbs um die goldene Muschel, an dem wieder Filme aus der ganzen Welt teilnehmen, wendet sich wie gewohnt Gesellschaftsthemen zu.

Im Angebot des sozialkritischen Kinos auf dem Donostia-Filmfestival, das vom 21. bis zum 29. September in San Sebastián stattfindet, stoßen wir auf Filme, die die komplexe Wirklichkeit des Lebens nicht immer einzufangen vermögen. Nur zwei Filme haben sich hohe Ziele gesteckt, ohne daran zu scheitern.

Die ersten Tage des Festivals sind bereits vorbei und dem Zuschauer werden fast ausschließlich deprimierende Filme geboten! Die Welt ist am Ende und wir Zuschauer bezahlen dafür. Aus Selbstschutz vor den großen weltumspannenden Katastrophen lassen wir diese ja schon fast links liegen. Interessieren wir uns für die Welt, in der wir leben? Ich denke ja. Sind wir deshalb besorgt? Sicherlich auch das. Aber vielleicht wissen wir oft auch nur oberflächlich darüber Bescheid. Zudem erleichtern uns die pamphletartigen Werke eines Michael Moore nicht gerade das Leben. Daher können wir uns für einen Film wie L’avocat de la terreur des Schweizers Barbet Schroeder begeistern. Denn der Film ist komplex, schwierig. Er stellt die Dinge in Frage, versucht jedoch keine Antworten zu geben.

Der Anwalt des Teufels

Schroeder, der bereits den blutrünstigen afrikanischen Dikator Idi Amin porträtierte, geht dieses Mal von der Figur Jacques Vergès aus. Der Mann ist einer der strittigsten Anwälte der jüngsten französischen Geschichte. Er hatte am Anfang seiner Karriere die Sache von Algerien vertreten und schließlich einen Nazi-Kriegsverbrecher verteidigt. Seine komplexe Lebensgeschichte ermöglicht Schroeder heikle Themen in seinen Filmen zu verarbeiten: vom israelisch-palästinensischen Konflikt bis hin zum islamischen Terrorismus. Alles scheint mit dieser immer lächelnden Figur, Jacques Vergès, in Beziehung zu stehen, der wie viele der Terroristen, die er unterstützt hat, eine normales Leben außerhalb von Gefängnismauern führt.

Nachdem man den Dokumentarfilm gesehen hat, kommt man nicht umhin sich zu fragen, wer eigentlich die wahren Kriminellen sind und wo Terrorismus beginnt beziehungsweise wo er endet. Schroeder versucht weder zu indoktrinieren noch uns an der Hand zu nehmen und zu führen. Er beabsichtigt lediglich alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen. Ein beachtlicher Erfolg in Bezug auf die schwere ideologische Last des Themas. Da er aber sehr viele Informationen pedantisch, fast peinlich genau zusammenträgt, ist Schroeder ein sehr dicht gesponnener, gehaltvoller Dokumentarfilm gelungen.

Eine "heikle und harte Sache"

Der Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage steht Schroeders Werk kaum nach. Er hat die Goldene Palme in Cannes und den Preis der internationalen Kritik (FIPRESCI) als bester Film dieses Jahres gewonnen. Vielleicht geht die Arbeit des Rumänen Christian Mungiu nicht ganz so weit, wie die von Schroeder. Dennoch gelingt es ihm - anhand der Geschichte eines jungen Mädchens, das sich gezwungen sieht, ihr Kind abzutreiben - eine Epoche nachzuzeichnen, in der das Leben für niemanden einfach war. Die Freiheit - ein Privileg für Auserwählte.

Mungiu lässt seine Geschichte, die auf wahren Tatsachen beruht, im Rumänien der achtziger Jahre zur Zeit des Diktators Ceauescu spielen. Trotzdem nutzt er den Film nicht als platte Propaganda gegen das Regime. Als wisse Mungiu, dass zu offensichtliche Kritik das Denkvermögen des Zuschauers einschränkt. Wie schon Schroeder zieht er es vor, dem Zuschauer - den er für intelligent hält - keine moralischen Lektionen zu erteilen. Die Mischung aus beklemmender Rhythmik, Realismus und allzeit stimmiger Regie zieht den Kinobesucher in ihren Bann.

Vielleicht ähnelt der Film den Werken Rosetta und Das Kind der Brüder Dardenne aus Belgien. Andererseits ist Mungius 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage eine verdammt gut erzählte Geschichte, vor allem weil sich der Regisseur nicht in einer irrationalen Bejahung der Abtreibung verliert: Ein im Kino häufig oberflächlich angegangenes Thema erinnert uns hier in all seiner Brutalität an eine laut Mungiu "heikle und harte Sache". Und mag Abtreibung heute in Rumänien legal sein, so "darf man diese Freiheit nicht missbrauchen" indem man den Schwangerschaftsabbruch als "Verhütungsmethode" nutzt.

Definitiv sind beide Filme gute Beispiele eines präzisen und unerbittlich sozialkritischen Kinos. Sie kommen ohne übertrieben prätentiöse Botschaften aus. Zwei sehr viel glaubhaftere Vorschläge als das Gros dessen, was in San Sebastián sonst auf dem Programm stand.