Kultur

Russland-Film 'Generation P': Eine Pepsi mit Pelewin

Artikel veröffentlicht am 12. April 2012
Artikel veröffentlicht am 12. April 2012
Im Rahmen des Festivals Europe autour de l’Europe (Europa rund um Europa) haben wir einen der aktuell bekanntesten russischen Regisseure getroffen. 5 Jahre hat Viktor Ginzburg an der Adaption des postsowjetischen Generationenromans Generation P von Viktor Pelewin gefeilt.
Ein Fokus auf die städtische und progressive Generation junger Russen, die noch ziemlich weit von der Generation „Y“ entfernt scheint.

Schnee, Wodka, Tolstoi und Kommunismus: Das sind die ersten Klischees, die uns beim Gedanken an Russland durch den Kopf gehen. Die jungen Leute, die zu den Kinofestivals in Toronto, Bombay, Moskau und Paris in Massen in den Film Generation P (2011) von Regisseur Viktor Ginzburg stürmten, sind höchstwahrscheinlich mit genau diesen Klischees in Berührung gekommen.

Mut zum Klischee?

« Das Ziel der neuen Generationen ist es aber, die alten Klischees abzustreifen und einen Schritt weiter zu gehen“, behauptet der Regisseur. Und sie scheinen dies tatsächlich auch geschafft zu haben. Denn genau diese Generation der 16-30-Jährigen geht heute voller Enthusiasmus aus dem Kino. „Es ist diese urbane und progressive Jugend, die meinen Film tatsächlich verstanden hat.“

Mit Viktor Ginzburg

Auf der Romanvorlage von Viktor Pelewin (Generation P; 1999) erzählt der gleichnamige Film die Geschichte von Valevin Tatarskii (Vladimir Epifantsev), einem jungen Literaturabsolventen in Moskau, der sich ohne Job und Hoffnungsschimmer im postsowjetischen Kapitalismus in Russland wiederfindet. Ähnlich wie viele andere seiner Generation wird er als Ghostwriter angestellt und schreibt spritzige Slogans für Marken, die gerade erst den russischen Markt überschwemmen: Sprite, die Zigarettenmarke Parliament oder Tic Tac. So beginnt eine unheimliche Geschichte, die Parallelen zwischen dem Helden - ständig auf Droge, um bessere Slogans abzuliefern - und dem zeitgenössischen Russland aufzeigt.

Sinn-Puzzle

Generation P im russischen Kino: Coca-Cola statt Kunst

Einige Leser mögen der Romanadaption skeptisch gegenüber gestanden haben. Aber Ginzburg hat den Text höchstpersönlich für die Leinwand umgeschrieben: „Auch wenn es sich um ein Experiment handelte, wollte ich nicht egoistisch sein und die Geschichte außen vor lassen. Immerhin hat sie mich ja inspiriert. Für mich war das wie ein Puzzle, das es zu rekonstruieren galt, dem Puzzle Sinn geben - das war Sinn der Sache.“ Und das war nicht ohne: „In Bezug auf die Marken hatte man mir von Anfang an gesagt, ich dürfe sie nicht im Film verwenden. Aber nach und nach habe ich dann trotzdem die Erlaubnis erhalten und die Marken unterstützten uns sogar. Nur die Stärksten können sich auch über sich selbst lustig machen“, kommentiert Ginzburg.

Ein Protagonist mit allerlei Halluzinationen...

In Generation P wird vor allem eins deutlich: der starke Kontrast zwischen dem Russland der Epoche Jelzin und der brutalen Wende hin zum Kapitalismus, der dem Film seine Brandmarke – einen einzigartig ironischen Ton - gibt. „Hätte sich diese Geschichte in Europa oder den USA abgespielt, hätte es nie einen Film dazu gegeben. In diesem Sinne ist Russland ziemlich einzigartig; vielleicht einer der letzten Orte weltweit, an dem man noch mit Marken und Werbung herumexperimentieren kann.“

Trotzdem hat Generation P nicht den Stempel ‘typisch Russisch’ von der Kritik erhalten: „Meine Filme sind der Kinotradition meiner Mitbürger nicht verhaftet, wie es beispielsweise für die Filme von Andrei Tarkowski [bekannter russischer Regisseur; 1932-1986] der Fall war“, erklärt Ginzburg, der aktuell in Los Angeles lebt. Der Regisseur wurde 1959 in Moskau geboren und lebt bereits seit mehr als 40 Jahren in den Vereinigten Staaten, wo er heute Videoclips zu Werbung und Musik anfertigt. „Der Film hat eine offene, unkonventionelle Struktur: Wir sprechen nicht von Gut gegen Böse, oder von Sex oder Liebe. Generation P ist eine Riesenmetamorphose der zeitgenössischen Welt.“

Auch wenn es Ginzburg nicht vermag uns seine Inspirationen zu nennen, hat ihm seine Karriere in den neunziger Jahren einen speziellen Blick auf die Dinge ermöglicht: „Während der kapitalistischen Öffnung hat mich mein Leben zwischen zwei Ländern – Russland und den USA – zu einem kritischen Loslösen geführt. Ich habe die Transition vom Kommunismus zum Kapitalismus als Außenstehender beobachtet – und vor allem mit einer ordentlichen Portion Ironie. Meine Vision dieser Zeit habe ich dann auch im Buch von Pelewin wiedergefunden.“

Bisher ist der Film Generation P nur auf einigen Independent-Festivals zu sehen gewesen und hat fast ausschließlich im Netz – auf Facebook und YouTube – von sich reden gemacht. Über 700.000 Menschen haben den Trailer des Films auf YouTube angeklickt. „Als Generation P seinen ersten Preis gewann, hagelte es positive Kritiken. Es wäre toll, ihn auf großer Leinwand in Europa oder den USA zu sehen.“

Illustrationen: ©Agata Jaskot; Mit freundlicher Genehmigung von ©Victor Ginzburg