Kultur

Russenrock und Balkanbeats mit Yuriy Gurzhy

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2013
Yuriy Gurzhy, einer der bekanntesten DJs und Musikproduzenten Berlins, veranstaltet seit 1999 die mittlerweile legendäre „Russendisko” in Berlin und in ganz Europa. 2003 gründete der in der Ukraine geborene Musiker zudem die Band Rotfront, gemeinsam mit einem Russen und einem Ungarn. Zeit, diesen Mann zu treffen.

Die Bühne im Kaffee Burger im Herzen Berlins ist klein. Eine Band in punkigen roten Outfits spielt die Klänge eines Horo, ein traditioneller jüdischer Gruppentanz aus dem Balkan. Die Tanzfläche ist voll von Konzertliebhabern aller Herren Länder. Ein überschwängliches Hochgefühl verbindet sie alle: sie tanzen immer schneller zu den Beats von Rotfront und spüren dabei eine ekstatische grenzenlose Lebensfreude.

Rotfront und der Sound der Russendisko 

Die Berliner Band Rotfront lässt Emir Kusturicas No smoking Orchestra wie ein langweiliges Klischee wirken. 2003 wurde sie von dem jüdischen Ukrainer Yuriy Gurzhy und dem Ungarn Simon Wahorn gegründet. Zu beschreiben, was sie spielen, ist eine echte Herausforderung: eine Mischung aus deutsch-russisch-englisch-ungarischen Klängen wie Klezmer, Balkanbeats, Punk, Reggae, Hip Hop und Electro.

"Wir jonglieren mit Musikelementen aus der ganzen Welt, mit unterschiedlichen Stilen und Kulturen"

Kein Wunder, dass die Mitglieder von Rotfront davon überzeugt sind, ihre Musik brauche eine ganz neue Bezeichnung: Emigrantski Raggamuffin. „Ich hasse das Wort ‚crossover’! Es ist so abgenutzt.”, erklärt Yuriy Gurzhy, den ich in Köln treffe, einige Stunden vor seinem DJ Einsatz bei einer internationalen Party. „Im Grunde jonglieren wir mit verschiedensten Musikelementen aus der ganzen Welt, mit unterschiedlichen Stilen, unterschiedlichen Kulturen. Das Wichtigste ist, dass es funktioniert. Eigentlich ist es wie ein Cocktail: Du kannst etwas ganz Neues kreieren, das noch niemand zuvor so gemischt hat. Aber wenn es nicht schmeckt, wird es keiner trinken. Vielleicht wäre eine erste Reaktion so etwas wie: ‚Wow, das ist interessant!‘ - aber es wird sich nicht durchsetzten. Es ist wirklich alles Pop.“

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Cover der Scheibe "UKRAINE do AMERIKA"Aber Yuriy ist nicht nur Gitarrist von Rotfront. Er ist selbst erfolgreicher DJ und Teil der bekannten Russendisko. Die Russendisko begründete er mit dem russischen Autor Wladimir Kaminer - diese Tanzevents waren bereits vor der Verfilmung (2012) von Wladimir Kaminers autobiographischem Roman Russendisko legendär. Die Russendisko ist ein Mix aus russisch-ukrainischem Underground, Criminal oder Pop-Folk Musik, auch wenn sie ihre Stammlocation, die Tanzwirtschaft in der Torstraße 60 in Berlin verlässt. „Achtung! Auf der Party heute Abend gibt es keinen russischen Rock…”, warnt mich Yuriy spaßeshalber.

Aus der Ukraine nach Berlin: Tee statt Wodka

Gegenüber einer Einkaufspassage, deren Neonlichter man durch die großen Fensterfronten sehen kann, ist das kleine traditionelle Restaurant in der Kölne Innenstadt ein Stück deutscher Urigkeit. Hölzerne Verkleidungen, große Holztische, lange Holzbänke mit rot-weiß karierten Polstern und verblasste Fotos in dunklen Holzrahmen. Im Hitergrund singt Stolz der Nation Lena "Satellite", das Lied mit dem sie Eurovision Songcontest 2010 besiegt hatte. Yuriy bestellt das Tagesgericht, Pasta mit Champignons in Sahnesauce, und einen grünen Tee. Es ist nicht die Wodka-Knoblauch Kombination, die er sonst in einem seiner größten Rotfront Hits feiert. „Trinkst du nichts?”, frage ich und sehe dabei großzügig über meine eigene Wahl (Cola Light) hinweg. Yuriy antwortet mit einem bekannten russischen Witz:

Klein Vovochka kommt zu seinen Eltern und sagt: ,Mama, Papa, könnt ihr euch das vorstellen? Lenochka trinkt nicht und raucht nicht!’ ,Wirklich, Lenochka?’, fragen die Eltern die Zehnjährige. ,Du trinkst nicht und du rauchst nicht? Warum?’ ,ICH HABE ES SATT!‘ endet Yuriy und versucht, dabei möglichst dunkel und heiser zu klingen. Er lacht.

Vor 15 Jahren folgte Yuriy seinen Eltern aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, nach Berlin. „Sie hatten die Idee. Ich bin einfach nur mitgekommen, es war wie ein großes Abenteuer. Es wäre dumm gewesen, die Chance, nach Deutschland zu gehen, zu verpassen. Ich entschied im Stillen, zurückzugehen, wenn ich es mir nicht gefallen würde. In den Sechzigern dachten nicht alle so. Damals bedeutete Auswandern, dass man nie wieder zurückkehren könnte.“ Aber es gefiel ihm so gut, dass er blieb. Yuriy hat Berlin zu seiner Heimat gemacht, hier eine unerwartete Musikerkarriere begonnen. Trotzdem fährt er noch regelmäßig nach Charkiw.

Neben Rotfront, Russendisko und seinen DJ Auftritten ist Yuriy an vielen verschiedenen Musikprojekten beteiligt. Eines dieser Projekte ist Mama Diaspora, das er mit dem Serben Igor Sakach (Ingvo), dem Ukrainer Ivan Moskalenko (Der Bastler) und dem Moldawier Eugeniu Didic (ehemaliges Mitglied von Zdob şi Zdub) realisierte. Klänge der Elektromusik sind typisch für Mama Diaspora. Das Projekt entstand 2009 während eines Festivals in Weißrussland und ergänzt seitdem die Variationen von Balkanbeats unzähliger Bands. Die Erwähnung der in Israel gegründeten, jetzt in New York ansässigen Band Balkan Beat Box reicht, um ein schillerndes Beispiel für den musikalischen Siegeszug des neuen Millenniums, die Balkan Invasion, zu nennen.

Berlin fällt musikalisch aber nicht unbedingt hinter New York zurück. Die Stadt, die sich selbst als die Hauptstadt des global electro feiert, etabliert jetzt einen ganz neuen Stil. Balkantronika, ein durch die Straßen ziehendes Partyevent, DJ Robert Sokos regelmäßige BalkanBeats Night im Lido in Kreuzberg und Live Konzerte verschiedener Bands machen Berlin zu einem Ort, von dem man mit Sicherheit sagen kann, dass dieses Genre erstmal hier bleibt. Weil während der Music Week im September 2010 wurde es zum Ziel erklärt, verschiedene Musikstile in der deutschen Hauptstadt zu verbinden. Da erscheint es nur wie ein kleines Wunder, dass Rotfront sich im Berliner Kaffee Burger so heimisch fühlen. Gegen 21 Uhr sind Yuriy und ich die einzigen verbliebenen Gäste in dem kleinen Restaurant in Köln. Auf dem Weg zur S-Bahn Station mustert er die Menschen, die uns begegnen. „Hast du jetzt verstanden, dass Walenki gerade in sind?” Yuriy spielt dabei auf den Trend der UGG-Stiefel an (Winterstiefel mit russischem Einschlag). „Hipster mit Walenki“, sagt er und lacht.

Fotos: Teaser ©offizielle Facebookseite von Yuriy Gurzhy; Russendisko ©myspace.com/yuriygurzhy; Video: YouTube