Kultur

Rote Schlammschlacht in Ungarn: Europas größte Umweltkatastrophe seit Tschernobyl

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2011
Mehl, Zitronensaft, Essig, Mineralwasser, Bleichmittel, Schubkarren, Handschuhe, Schutzmasken: Das ist keine Einkaufsliste, sondern Dinge, die die Opfer der Naturkatastrophe um die Donau dringend benötigen. Einige Monate nach der roten Schlammwelle hat cafebabel.com die Flutgegend um Budapest besucht, um sich den aktuellen Stand der Dinge anzusehen.

4. Oktober 2010 - ein Tag wie jeder andere in Kolontár. In einem Haus des Dorfes werden gerade Pancakes gebacken. Um halb eins bricht ein Damm und eine rote Flutwelle Giftschlamm ergießt sich über die umliegenden Dörfer. Der toxische Schlamm war über ein Leck aus einem Ablagerbecken des lokalen Aluminiumkraftwerks der Firma MALAG entwichen. Binnen weniger Sekunden brachen über eine Million Kubikmeter ätzender, roter Giftschlamm aus dem Leck des mehrere Dutzend Meter langen Sammelbeckens.

Besonders auf das Dorf Kolontár, das nur einen knappen Kilometer entfernt liegt, rollte die zwei Meter hohe Welle unaufhaltsam zu. Zeit um zu fliehen oder irgendwelche Sachen zusammenpacken gab es nicht. Ein Vater eilt in das Kinderzimmer, hebt sein Kind aus dem Bett und bringt es auf einem Schrank in Sicherheit. Nur einen Moment später hat der rote Giftschlamm bereits das Haus erreicht und reicht dem Mann bis zum Hals. Die rote Schlammlawine überflutet Kolontár und auch das nachbarschaftliche Devecser. Die ganze Welt starrt fassungslos auf die größte europäische Umweltkatastrophe seit Tschernobyl, die 10 Menschen das Leben kostete, 150 Verletzte forderte und 400 Häuser zerstörte.

Die Spuren sind bis heute sichtbar

Komplett zerstörtes Ökosystem

Ein paar Wochen später sind die Medien von der Naturkatastrophe bereits auf andere, spannendere Themen umgeschwenkt. Und trotzdem wird das Leben in Kolontár und Devecser für lange Zeit nicht das gleiche sein wie zuvor. Wir stehen genau vor dem Loch an der Seite des Sammelbeckens, wo rund um die Uhr Bauarbeiten in 6 Zeiteinheiten stattfinden. Ein anderthalb Kilometer langer Sicherheitsschaft wird zur Umleitung des restlichen Giftschlamms angelegt. Das Reservoir enthält nachwievor 2,5 Millionen Tonnen laugigen Industrie-Schlamm.

Der rote Giftschlamm setzt sich aus Chemieabfällen zusammen, die bei der Aluminiumproduktion entstehen. Es handelt sich um ein nicht lösliches Sediment, das Titanium, Sodium und Silikonoxide sowie Eisenoxide enthält, die dem toxischen Gemisch seine rote Farbe geben. Eine von Greenpeace in Auftrag gegebene chemische Analyse zeigte, dass mit der bis zu acht Meter hohen Flutwelle zusätzlich 50 Tonnen Arsen, 300 Tonnen Chrom und 500 Kilogramm Quecksilber in die umliegenden Gebiete gelangen konnte. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass die gesundheitsschädliche Mixtur höchst alkalihaltig und leicht radioaktiv ist und nun bereits einen pH-Wert aufweist, der 13 Mal höher ist als zur Zeit des Entweichens.

Der Kontakt mit der Substanz kann schlimme chemische Verbrennungen an der Haut auslösen, deren Wunden nur sehr langsam abheilen. Nicht nur Anwohner der verseuchten Regionen, sondern auch Aufräum- und Rettungspersonal haben sich durch den Chemie-Unfall lebensgefährliche Verletzungen zugezogen. Sofort nach dem Austreten der giftigen Substanz hatte es Versuche gegeben, das Leck mit Hilfe von Beton und Ethansäure zu stoppen. Vergeblich! Das Land in der verseuchten Gegend kann für lange Zeit nicht mehr bewirtschaftet werden. Das Leck, aus dem der Giftschlamm floss, hat zudem die Fauna und Flora der 2 umliegenden Flüsse - Marcal und des Donau-Nebenflusses Raab - komplett zerstört.

Rotes Kreuz für roten Schlamm

Mit ihren Freunden zusammen startete sie eine Spendenaktion für die Flutopfer auf FacebookWir nehmen die Straße in Richtung Kolontár, wo die Zeichen der roten Schlammflut nur wenige Wochen nach dem Unfall bereits Vergangenheit zu sein scheinen. Die Massen an Giftschlamm sind von den Straßen und Bürgersteigen verschwunden. Was vorher ein Dorf mit mehr als 1000 Einwohnern war, scheint nun komplett verlassen. In dem für den Notfall eingerichteten Zentrum des Roten Kreuzes verteilen Freiwillige Hilfspakete an Familien, die eifrig in einen Van geladen werden. „Es wurden zahlreiche Bürgerinitiativen ins Leben gerufen“, erklärt Andrea Donner, eine Aktivistin von Kidma Hungary, einer jüdischen Organisation, die sich normalerweise in der Jugendarbeit engagiert. „Diesmal wollten wir den Opfern der Schlammkatastrophe helfen. Gemeinsam mit meinen Freunden habe ich Spendenanfragen über Facebook rausgeschickt“, erinnert sie sich. „Ich habe mit Helfern vor Ort gesprochen, um herauszufinden, was am meisten gebraucht wird.“

Viele Menschen spendeten Geld über kleine Initiativen für die Opfer der Umweltkatastrophe. Die Spender wollten genau wissen, wo ihr Geld schlussendlich eingesetzt wird. Sie hatten nur wenig Vertrauen in große nationale Spendenaktionen wie etwa die des Roten Kreuzes. Es bleibt weiterhin offen, wofür die über diese Organisationen gesammelten Gelder schlussendlich eingesetzt wurden. Insgesamt belaufen sich die Spendengelder auf über 4,3 Millionen Euro. Leider waren nicht alle lancierten Bürgerinitiativen so erfolgreich wie die von Andrea. Der ungarische Maler Gabor Suveg hatte sich dafür entschieden 300 Kunstwerke von über hundert Künstlern zusammenzustellen und diese in einer großen Online-Aktion zu verkaufen, um die Erlöse den Opfern zukommen zu lassen. Doch die noble Aktion stieß nur auf wenig öffentliches Interesse.

Unterdessen konnten die jungen Freiwilligen, die von Andrea angeleitet werden, über 200,000 Forint (724 Euro) an Spendengeldern zusammentragen. Außerdem wurden zusätzlich spontan über 300,000 Forint (1086 Euro) für den Wiederaufbau gestiftet. Von diesem Geld konnten wesentliche Hilfsgüter gekauft werden, die daraufhin in einem Laster in die Stadt Ajka transportiert und dort verteilt wurden. Andrea freut sich, dass „eine Tragödie von diesem unvorhersehbaren Ausmaß die Unterschiede zwischen den Menschen verschwinden lässt“. Unser Alter war plötzlich nicht mehr wichtig. Auch nicht, ob wir Juden, Christen oder Muslime sind, ob politisch konservativ oder linksgerichtet. Ein ganzes Land war plötzlich in dem Willen vereint, einander zu helfen.“

Rückkehr in die Normalität

Manche Häuser in Kolontár soll jedoch zur Erinnerung stehen bleibenViele Familien aus Kolontár sind den Empfehlungen nicht gefolgt und kehrten bereits kurze Zeit nach dem Unglück in ihre Häuser zurück. Sie wollen nicht umziehen. Sie verschließen Augen und Ohren vor den Warnungen, davor, dass der rote Schlamm - einmal getrocknet - einen Dunst produzieren kann, der leicht in die Atemwege gelangt und lebensgefährliche Krankheiten hervorrufen kann. Trotzdem konnte nicht jeder Bewohner in sein Haus in  zurückkehren. „Der toxische Schlamm hat sich in die Gemäuer, Böden und Möbel gefressen und macht die Häuser unbewohnbar. Häuser, die mit der Schlammflut teilweise zerstört wurden, sind nun abgerissen“, bestätigt der Polizeibeamte Attila Vezendi. Er deutet mit dem Finger auf ein noch stehendes Haus: „Dieses haben wir als Erinnerung an die Umweltkatastrophe stehen gelassen.“ Wir besichtigen das Haus kurze Zeit später. Es scheint als habe der rote Schlamm die Räume nur einige Tage zuvor verschlungen. Vor einem großen Loch in einer der Wände, die wie durch ein Wunder noch steht, hängt ein Jesus-Gemälde. Peter Meszaros, ein weiterer Kollege des Sicherheitspersonals, erzählt uns, dass hier vorher ein Rentnerehepaar lebte. Der Mann erlag seinen Brandwunden im Krankenhaus. „Seine Frau wurde ganz in der Nähe auf einem Feld gefunden. Die Flut hatte sie mit sich gerissen und sie war ertrunken.“

The toxic substance ate through the walls, floors and furniture

In den für die Besichtigung des verseuchten Geländes notwendigen Gummistiefeln kehren wir nach Budapest zurück. Das Sicherheitspersonal hatte uns kurz zuvor darüber aufgeklärt, dass nun auch unsere Turnschuhe als Giftabfall angesehen werden. Sie müssen also in Kolontár bleiben - zusammen mit den Bewohnern, deren Lebensgrundlage durch die rote Schlammwelle vom 4. Oktober um 12 Uhr 25 sprichwörtlich davongespült wurde.

Dankeschön an Veronika Kovacs und Lili Szilágyi vom cafebabel.com Lokalteam in Budapest.

Illustrationen: ©Filip Jurzyk