Kultur

Rote Moschee - eine Spurensuche

Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
Artikel veröffentlicht am 13. September 2007
Während sich Pakistans ehemalige Premiers Sharif und Bhutto auf ihre für den 10. beziehungsweise 15. September geplante Rückkehr aus dem Exil vorbereiten, kämpft Präsident Musharraf um sein Amt. Die jüngsten Auseinandersetzungen um die Rote Moschee lassen den General straucheln.

Der junge Fahrer ist in Islamabads Stoßverkehr vom Weg abgekommen. Die Fahrer um uns herum deuten gleichgültig in Richtung der Margalla Hügel, deren dunkle Silhouette sich am Horizont abzeichnet. Spannung liegt in der Luft, sogar wenn man nach dem Weg fragt. Blaue und weiße Straßenschilder weisen den Weg ins Herz Islamabads, zur Faisal Moschee und dem beliebten Einkaufsviertel, der so genannten "Blue Area".

Die Lal Masjid ("Rote Moschee") ist nicht gerade eine Touristen-Attraktion. Anfang Juli wurde sie von bewaffneten Taliban-Sympathisanten besetzt, die auf diese Weise gegen den amtierenden Präsidenten und Oberbefehlshaber Musharraf protestieren wollten, welcher sich 1999 an die Macht putschte. Über 100 Menschen bezahlten den blutigen Protest mit ihrem Leben, unter ihnen auch mehrere Kinder der Jamia Hafsa Madrasa, einer Mädchen-Koranschule. Sie wurden während der Kämpfe routiniert als Schutzschilde oder Geiseln missbraucht. Die Bevölkerung hat die dramatischen Ereignisse bis heute kaum verarbeitet: "Man kann in einer Hauptstadt nicht einfach so islamisches Recht ausrufen", kommentiert Ashfaq Raja, der Informationsminister in Benazir Bhuttos liberal-säkularer Pakistan People's Party (PPP) ist und in Großbritannien lebt.

Trügerische Stille

Die Moschee erscheint auf den ersten Blick weitgehend intakt. Erst bei genauer Inspektion fällt der Schaden auf, den sie während der mehrtägigen Belagerung genommen hat: Die untere Hälfte ist nun nicht mehr rot und auf dem angrenzenden Aabpara Bazaar liegen Ziegel und Steinbrocken verstreut. In den nun komplett zerstörten Seminarräumen hat die Armee einen Kontrollposten errichtet. Einige Soldaten haben hinter Stacheldraht und Sandsäcken Position bezogen – im Hintergrund erstreckt sich nichts als Wüste. Um möglichst wenig aufzufallen, mischen wir uns unter die Passanten auf der "Lal Masjid Road", die direkt auf die Moschee zuführt. "Hier sind all die Töchter der Frauen gestorben", sagt eine Frau in dem Moment und ignoriert dabei einen Soldaten, der ihr wild gestikulierend zu verstehen gibt, dass die Moschee für sie nicht zugänglich ist.

"Einen Monat nach den Ausschreitungen fand man hier noch Körperteile, Zöpfe und zerfetzte Koranseiten. Die Armee ist grausam, sie haben die Leichen einfach herumliegen lassen", berichtet ein Taxifahrer aus Attok, der seit 47 Jahren in Islamabad und Rawalpindi arbeitet. Ex-Informationsminister Raja fügt hinzu, dass die Blutspuren im Innern der Moschee sogar noch zu sehen waren, als die Freitagsgebete längst wieder aufgenommen worden waren. "Unsere Regierung ist grausam", wiederholt ein weiterer Taxifahrer, "sie hat die Leben von Kindern geopfert, als sie die Moschee stürmen ließ."

Perspektivwechsel

Ein kurzer Film auf VCD erzählt die Geschichte der Belagerung aus der Perspektive der Taliban-Sympathisanten. Allah-hu-akbar allah - die Aufnahme beginnt mit dem Ruf des Muezzins, anschließend fokussiert die Kamera die weiße Kuppel und das Minarett der Moschee. Das Video wurde der Datumsanzeige zufolge am siebten Juli 2007 aufgenommen - zu diesem Zeitpunkt war die Belagerung der Moschee bereits fünf Tage im Gange. Das Geräusch von Gewehrsalven ist zu hören; es folgt eine Reihe symbolträchtiger Bilder: Musharraf und US-Präsident Bush beim demonstrativen Händeschütteln, das blutverschmierte Gesicht eines sterbenden Imams, dessen Mund sich zu einer morbiden Grimasse verzieht. Schließlich ein Mädchen in einer Burka – medienwirksames Symbol für die 17 Millionen Studentinnen, die Pakistans Madrasas besuchen.

"Von morgens bis abends war ich in der Madrasa, um den Koran zu lesen", ruft eine Studentin, die während der Belagerung in der Moschee war. "Ich habe die Leichen meiner Freunde geborgen. Meine Hände waren getränkt mit ihrem Blut!" Der Studentin versagt die Stimme, die Kamera schwenkt auf eine schwarz gekleidete Frau neben ihr, die mit zitternden Händen dasteht und weint. Die Mehrheit der Madrasa–Studentinnen in Pakistan kommt aus wohlhabenden Familien, unter ihnen sind auch Töchter hochrangiger Offiziere. Viele unterstützten die Kampfhandlungen in der Moschee: Die Videoaufnahmen zeigen mit Stöcken ausgerüstete junge Frauen, die unter ihren Burkas Waffen für die Extremisten verstecken.

Ich habe bereits zuvor Madrasa-Studentinnen getroffen, auch auf dem Land. Dennoch ist es schwer nachzuvollziehen, dass sich religiöser Fanatismus so stark ausprägen kann, wie es in dem Video zu sehen ist. Viele junge Frauen auf dem Land können mit 12 den Koran auswendig und richten ihr Leben komplett nach dessen Lehren aus. Rabia aus dem Bergdorf Abbottabad nahe der chinesischen Grenze hat sogar die Hochzeitsfotos ihrer Eltern verbrannt, weil der Koran Abbilder des Propheten Mohammed verbietet. Gleiches gilt, Rabia zufolge, für Familienfotos: "Was wäre der Sinn meines Studiums an der Madrasa, wenn ich mich in meinem täglichen Leben nicht an die Worte des Korans halten würde?"

Als wir die Moschee verlassen, leuchtet uns auf einem Werbeplakat ein weißes Kopftuch entgegen. Die ehemalige Premierministerin Benazir Bhutto kündigt an, ihr Londoner Exil am 15. September zu verlassen und nach Pakistan zurückzukehren. Der Medienrummel um ihren Polithandel mit Musharraf reißt nicht ab. Sollten die Wahlen wie geplant Ende Dezember stattfinden, wird Bhutto sich sehr wahrscheinlich zusammen mit Musharraf an die Spitze des Staates stellen: sie als Premier, er weiterhin als Präsident. Nur die Rolle des Oberbefehlshabers müsste er dann aufgeben. Dies ist Teil der Abmachung mit Bhutto, deren Vater, Ministerpräsident Zulfikar Ali Bhutto, 1979 nach einem Militärputsch hingerichtet wurde.

Seinen zweiten Herausforderer, Nawaz Sharif von der Pakistan Muslim League, ließ Musharraf derweil direkt am Tag seiner Rückkehr aus dem Exil erneut deportieren, diesmal nach Saudi-Arabien. Während die innenpolitischen Querelen anhalten, plant die EU bereits den nächsten Schritt. In Anbetracht der Wahlergebnisse von 2002 sollen erneut Wahlbeobachter entsandt werden und Pakistan dieses Mal hoffentlich eine reibungslose Stimmabgabe bescheinigen.