Kultur

Roman Polański: „Als Kind war ich noch arroganter“

Artikel veröffentlicht am 22. November 2013
Artikel veröffentlicht am 22. November 2013

Roman Polański ist kein sehr gesprächiger Mensch, vor allem dann nicht, wenn es um sein Privatleben geht. Während einer Pressekonferenz 2013 im Rahmen des Kinopolska Festivals in Paris erzählt der polnische Regisseur über seine Kindheit, über den Geschmack von Gurken und einen eigenhändig konstruierten Radioempfänger.

cafébabel: Haben Sie in den Film Der Pianist viele Kindheitserinnerungen einfließen lassen?

 Roman Polański: Der Filmdreh gab mir die Möglichkeit, meine Eindrücke aus dieser Zeit festzuhalten und mitzuteilen. Den Einmarsch der Deutschen in die Stadt habe ich im Film genauso dargestellt, wie er mir in Erinnerung geblieben ist. Aber unser erster Aufenthalt in Warschau, wo ich zu der Zeit mit meiner Mutter lebte, war kurz, er dauerte nur ein paar Wochen. Wenn Sie nach weiteren Erinnerungen im Film suchen, dann ist da diese Szene, in der Szpilman (Hauptperson im Film, Anm.d.Red.) versucht, eine Dose Gurken zu öffnen: Wenn wir hungrig waren, ging meine Mutter zwischen den Ruinen nach Essen suchen. Eines Tages brachte sie Zucker mit, den sie in Wasser aufgelöst durch ein Stück Stoff goss, um die Sandstücke herauszufiltern. An einem anderen Tag fand sie eine große Dose Gurken. Wir waren sehr glücklich darüber, weil es dort, wo wir uns aufhielten, nicht einmal fließend Wasser gab. Der Geschmack dieser ersten Gurke auf meiner Zunge war himmlisch. Und daher die Szene im Film. 

Wann wussten Sie, dass Sie in ihrem Leben Filme drehen wollen? 

Roman Polański: Meiner Meinung nach ist der Großteil unseres Lebens, wie auch aller Dinge im Universum, ein Resultat der Evolution. Ich erinnere mich da an einige Momente aus meiner Schulzeit während des Krieges, die ebenso wichtig wie bedrückend sind. Ich erinnere mich an ein Episkop (der Prototyp eines Diaprojektors, Anm. d.Red.), ein Gerät, das mich restlos faszinierte. Im zweiten Besatzungsjahr lebten wir schon im Ghetto, hinter einer Mauer mit Stacheldrahtzaun darüber. Von hinter dieser Mauer konnten wir auf einen Platz schauen, auf dem die Deutschen abends Filme ausstrahlten. Jede Woche fand dort eine Filmvorstellung statt - und wir folgten der Filmvorstellung von hinter der Mauer. Das war unser Kino im Ghetto. Und meine dritte Begegnung mit dem Kino erfolgte, weil ich einen kleinen Jungen kennenlernte, der einen echten Diaprojektor besaß, mit dem kurze, etwa eine halbe Minute dauernde Filme abgespielt werden konnten. Ich habe diesen Jungen angefleht, mir diese Filme im Bad auf ein Handtuch zu projizieren, und er willigte ein - aber nicht umsonst. Das kostete mich nach und nach meine komplette Briefmarkensammlung. Auf diese drei ersten Begegnungen mit dem Kino folgten dann echte Kinobesuche als ich in Krakau lebte. Damals waren die Außenwände der Kinos vollgeschmiert mit Graffiti-Sprüchen wie 'Nur Schweine sitzen im Kino'.

Wie kam es zu der Entscheidung, an der Filmhochschule studieren? Haben Sie irgendwann einmal überlegt, auch ein anderes Studium aufzunehmen? 

Roman Polański: Ich wollte es natürlich an die Filmhochschule schaffen, aber ich habe nicht einmal in meinen kühnsten Träumen daran geglaubt, dort angenommen zu werden. Nach dem Krieg habe ich einen Radioempfänger konstruiert. Ich war fasziniert von verschiedenen technischen Geräten und allem, was sich mit den eigenen Händen konstruieren ließ. Aus verschiedenen Kartons und Linsen, die ich in Läden finden konnte, versuchte ich, selbst ein Episkop zu bauen. Später fiel mir etwas Bleiglanz in die Hände, mit dessen Hilfe ich es schaffte, einen Radioempfänger zu konstruieren. Eines Tages luden sie (die Besitzer des Radiosenders, Anm.d.Red.) die Kinder dazu ein, an einer Sendung teilzunehmen, und natürlich war ich als erster an Ort und Stelle. Als sie mich fragten, wie ich den Auftritt der anderen Kinder bewerten würde, sagte ich, dass ich ihr Auftreten nicht sehr natürlich fand. Jemand fragte mich, ob ich ihre Rolle besser spielen könnte und ich sagte „natürlich". Als Kind war ich noch arroganter, als ich es jetzt bin. Und weil ich ein Muster-Pfadfinder war kannte ich viele Monologe auswendig, die uns während der Pfadfinderlager beigebracht wurden. Und so habe ich einen dieser Monologe im Radio aufgesagt und den Moderatoren gefallen. Und so hat alles angefangen. 

Nach dem Abitur habe ich versucht, an der Schauspielschule genommen zu werden. Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte ich daran geglaubt, es an die Filmhochschule zu schaffen, weil das eine sehr exklusive Schule war. Aber an der Schauspielschule haben sie mich nicht angenommen, und Gott sei Dank! Sonst wäre ich heute wahrscheinlich Schauspieler an irgendeinem Provinztheater in einer Stadt wie Bydgoszcz. Aber damals war ich erschüttert, und so habe ich einen meiner Professoren um Hilfe gebeten. Er fragte: „Warum versuchst du es nicht an der Filmhochschule? Du wolltest doch immer Filme drehen.” „Aber ich habe doch keinerlei Chancen, dort angenommen zu werden”, habe ich gesagt. „Die hast du nicht, solange du es nicht versuchst”, antwortete er. Ich habe es versucht und stehe jetzt hier. 

Filmaufnahmen von der Konferenz (auf Französisch).