Kultur

Rocken auf Weißrussisch

Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2007
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 2. Juli 2007
'Art is politics'. Dies ist der erste Teil unserer Porträtreihe von Künstlern, die versuchen dem 'kulturellen Tschernobyl' Weißrusslands unter Präsident Alexander Lukaschenko ihre Kunst entgegenzuhalten.

(Foto : Jef Bonifacino)

Ljawon Wolski: Hardrock mit Leib und Seele

Sie sind so etwas wie die "Toten Hosen" von Weißrussland, ließen sich von Größen wie Jimmy Hendrix, Nirvana und den Doors inspirieren. 1994, just zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch Präsident Alexander Lukaschenko, hat die weißrussische Rockband N.R.M. (Unabhängige Republik der Träume) ihr erstes Album veröffentlicht. Beide 'Karrieren' verliefen seitdem quasi parallel, wobei der eine die so strittige Kunst des anderen nährt.

N.R.M. ist maßgeblich durch Regimekritiker der letzten Generation wie Wladimir Wisotzki geprägt. Die Band spielt vor allem Hardrock, aber auch andere Hard-Varianten. Der Stil der Band erinnert unweigerlich an die ersten Schritte des russischen Rocks während der Perestroika. In den letzten 10 Jahren hat N.R.M. sieben Alben herausgebracht. Und auch wenn die Rockband heute immer öfter Auftrittsverbot erhält, so ist ihr Erfolg bei den Jugendlichen in Weißrussland ungebrochen.

Trotz ihres Bekanntheitsgrades proben N.R.M. noch immer im gleichen muffigen Keller eines alten Sozialwohnbaus. Ljawon Wolski, Komponist und Gitarrist, gibt der Band ihre Stimme. Früh setzte sich der Sohn des bekannten, weißrussischen Dichters und Regimegegners Arthur Wolski mit der politischen Unterdrückung in seinem Land auseinander. Alle Texte, Ideen sowie die Inhalte voll von politischem Engagement stammen aus seiner Feder.

Trotz vieler Steine, die Ljawon in den Weg gelegt werden, schafft es der Bandleader dennoch aufzutreten. Er ist sogar einer der wenigen unabhängigen Künstler, die von ihrer Arbeit leben können, obwohl er seit 2004 auf der schwarzen Liste verbotener Künstler steht. "Zwei von drei Konzerten werden verboten", erzählt er. "Vor drei, vier Jahren wurden Konzerte noch auf Grund von dubiosen, technischen Problemen abgesagt. Heute reicht der Anruf eines staatlichen Handlangers, der mit Schließung oder anderen Dingen droht, so dass die Organisatoren und Veranstalter Konzerte von einem auf den anderen Tag absagen."

Sowohl 1996, als auch 2006 hat Wolski den Präsidentschaftskandidaten der Opposition mit seiner Unterschrift unterstützt. Im Rahmen des letzten Wahlkampfes war er das Zugpferd der weißrussischen Künstleropposition, die öffentlich den Kandidaten Aljaksandr Milinkewitsch unterstütze.

Der Ursprung der Künstlerchronik 'Blicke nach Minsk'

Weißrussland: Seit 12 Jahren führt Präsident Alexander Lukaschenko dieses kleine Land am östlichen Rand der EU, zwischen Polen, der Ukraine und Russland. Neben demagogischem Autoritarismus und wiederholtem Verstoß gegen die Menschenrechte, erhält Lukaschenko etwas am Leben, das Diplomaten ohne Zögern als die "letzte Diktatur Europas" bezeichnen.

Während sich das Kunstschaffen nahezu im "freien Fall" befindet und manch einer aus der Welt der weißrussischen Kunst- und Kulturszene die Situation mit einem "zweiten Tschernobyl" vergleicht, beginnt sich der Widerstand zu organisieren.

Der 29-jährige, freiberufliche Fotograf Jef Bonifacino hat sich auf den Weg zu diesen Künstlern im Schatten gemacht, um ihr Porträt zu zeichnen. "Ich wollte sie zusammenbringen; jeden bei dieser Ausstellung zu Wort kommen lassen und ihnen somit, im Rahmen meiner Möglichkeiten, einen Ort ohne Zensur schaffen. Es sind Zeugenaussagen von Künstlern und Journalisten, die trotz des Drucks, der Bedrohungen und Verbote der Regierung voller Leidenschaft und Überzeugung weiterarbeiten."

P.A.