Kultur

Riff Cohen: 'Israelische Künstler werden zu Botschaftern wider Willen'

Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Februar 2013
Ein YouTube-Video machte Riff Cohen zu einer Sensation. Es sind Bilder eines zierlichen dunkelhaarigen Mädchens, das gemeinsam mit einer Bauchtänzerin, Kindern und jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft über die bunten Straßen und Plätze von Paris tanzt.

In Tel-Aviv geboren, die Mutter französisch-algerisch und der Vater Israeli mit tunesischem Hintergrund, versucht die 27-Jährige ihren musikalischen Beitrag zur Völkerverständigung zu liefern.

Das elterliche Cohen-Haus liegt in Ramat Aviv Gimmel, einer wohlhabenden Wohngegend im Norden Tel-Avivs. Das gepflegte, geschmackvoll möblierte Wohnzimmer mit Blick auf einen Hinterhof mit einer ebenso gepflegten, umherschlendernden Katze scheint weit entfernt von dem rauen, alternativen Bild Riff Cohens selbst, die in verschlissenen engen Jeans und einem übergroßen Pullover die Tür öffnet. "Ich habe Spaß daran zu sagen, dass ich von hier stamme. Dem Ort haftet ein gewisses Stigma an und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, ein Produkt dessen zu sein". Die israelisch-französische Sängerin Riff Cohen genießt es, mit Stereotypen zu spielen. "Es wäre korrekt von mir gewesen, von Anfang an zu sagen, dass ich einfach aus dem Norden von Tel-Aviv komme, aber warum sollte ich? So ist es doch besser. Mir geht es darum, alte Stigmata aufzuräumen."

Der Name Cohen

Ich treffe mich mit Riff Cohen ein paar Tage nachdem sie einen Vertrag mit AZ records unterschrieben hat, dem französischen Universal-Ableger. Musikalisch, sagt sie, nähere sie sich dem französischen Publikum nicht anders als dem israelischen. "Mein Vorgehen war von Anfang an sehr universell. Das Verständnis bestimmter Konzepte ist allerdings komplett anders. Wenn ich in Israel sage, dass ich religiös bin, wird man denken, ich orientiere mich politisch irgendwo im rechten Spektrum."

Ein Internetforum hat das tatsächlich genau mit diesen Worten gesagt. "Wirklich" lacht Cohen, "das ist wirklich lustig. Genau das meine ich! Auf der anderen Seite wird die Tatsache, dass ich nicht der Armee gedient habe, wiederum als eher links und pazifistisch betrachtet. Es ist unglaublich, wie die Leute immer nach etwas suchen, woran sie sich aufhängen können - selbst aus der kleinsten Sache wollen sie Schlussfolgerungen ziehen. Lasst mich doch einfach nur Musikerin sein, lasst die anderen Konzepte außen vor!"

Ich bedauere die Tatsache, dass es noch vor ein paar Jahren keine Rolle gespielt hätte, ob ich Israelin bin und dass mein Name Cohen ist.

Cohen ist der Mädchenname von Riffs Mutter. Die Sängerin behielt ihn bei, obwohl sie zu der Zeit, als das Video zu 'A Paris' fertig wurde, bereits verheiratet war. "Ich bin irgendwie an dem Namen hängengeblieben, weil ich noch bevor ich geheiratet habe bekannt wurde. Ich dachte, meinen Namen zu ändern, wäre merkwürdig", sagt sie. "Vielleicht hätte ich es besser tun sollen. Jeder ist derzeit sauer auf Israelis. Politik sickert in jede Ebene. Das kann bis zum Boykott israelischer Produkte gehen, wobei das traurigerweise nicht immer nur mit Politik zu tun hat. Ich bedauere die Tatsache, dass es noch vor ein paar Jahren keine Rolle gespielt hätte, dass ich Israelin bin und dass mein Name Cohen ist. Ich bin sicher, dass viele israelische Künstler zu widerwilligen Botschafter werden. Auf der anderen Seite weckt die Tatsache, dass wir Israelis sind, auch ein großes Interesse."

A Paris 

Entweder Israeli oder Araber

Im Riffs Debüt-Album A Paris geht es umfassend um Fragen der Identität. Es ist ein Thema, mit dem sich Cohen, die mit zwei Muttersprachen aufgewachsen ist und deren Hebräisch von Anfang an einen leicht französischen Akzent innehat, persönlich sehr stark beschäftigt. "Wenn ich mich vorstellen muss, sage ich nur, wo meine Eltern und Großeltern herkommen, und dass ich lediglich in erster Generation Israeli bin", sagt sie. "Für die Leute ist es schwierig die Verbindung zu einer Israelin herzustellen, deren Großmutter Arabisch spricht und traditionelle tunesische Kleidung trägt; für sie bist du entweder Israeli oder Araber."

2011 gab sie ihr filmisches Debüt als Efrat in 'A Bottle in the Gaza Sea'Für die meisten Israelis bleibt ihre Identität eine Herausforderung. Die Schmelztiegel-Politik, die für die Immigranten jahrzehntelang in Kraft gesetzt wurde, hat ihr Bestes getan, die Eigenschaften ihrer ursprünglichen Kulturen auszulöschen - nebst ihrer Namen. Konzepten binärer Identitäten ließen kaum Raum zur Selbsterforschung.

"Das zionistische Israel hat alle Wurzeln ausgelöscht und versucht eine neue Kultur zu erschaffen. Aber wir befinden uns immer noch in einem leeren Raum der Kulturen und versuchen den Westen nachzuahmen", sagt Cohen. "Ich trage Jeans und T-Shirt. Reaktionen ärgern mich manchmal, denn das reflektiert nicht notwendigerweise wer ich bin. Meine Großmutter hat umhangartige Kleider und schweren Goldschmuck getragen so wie schon ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Nur weil ich in in Israel bin trage ich

Jeans und T-Shirt und frage mich, ob ich zur Mikwe gehen sollte."

Von den 14 Nummern sind 4 auf Hebräisch, eine in Nubisch und der Rest auf FranzösischIhre kritische Selbstbeobachtung lässt Cohen in ihre Arbeit einfließen. Das Coverfoto des in Israel veröffentlichten Albums - eine Schwarz-Weiß-Aufnahme eines jungen Mädchens mit geflochtenen Zöpfen - zeigt ihre Großmutter väterlicherseits, Fortuna, die von der tunesischen Insel Djerba nach Israel kam. Dieses Passfoto war das erste Bild überhaupt, das von ihr gemacht wurde. Cohen erzählt mit großem Stolz von einer Frau mit außerordentlichem Talent und Charakter, die verschiedene Konversationen gleichzeitig führen, jedoch weder lesen noch schreiben konnte.

"Als sie in Jaffa lebten, wurde gewöhnlicherweise ein Schaf gekauft, welches sie eine Weile großzogen, um es dann zum Passahfest oder einem anderen großen Ereignis zum Schlachter zu bringen. Ich erinnere mich an die Schaffelle, die zum Trocknen aushingen. Sie bedeckte mich mit einer Schaffell-Decke und diese hatte einen sehr starken, unangenehmen Geruch", erinnert sie sich zurück. "Das zeugt von sehr viel mehr Respekt als ein Geschäftsmann, der jeden Tag ein Schnitzel zum Mittag isst, ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden. Mein Vater schämte sich für all diese Dinge, da sie angeblich primitiv seien. Doch ich, als Vertreterin der dritten Generation, denke, wir können stolz darauf sein. Das sollte nicht versteckt, sondern offen gezeigt werden. Es ist ein Teil von Israels Kulturlandschaft. Jeder hat seine eigene Kultur - und sie sollte auch offenbart werden. Man muss eine Verbindung zu ihr aufbauen - ohne zu verleugnen, ohne unsere Wurzeln auszulöschen und zu versuchen, ausschließlich westlich zu sein. Wir Künstler können die Augen nicht vor den Ereignissen in den sechziger Jahren in Israel verschließen. Es gehört zu unserer Aufgabe, heute nach einer israelischen Kultur zu suchen und sie zu kreieren."

Illustrationen: Teaserbild ©Pilpeled; Im Text: mit freundlicher Genehmigung von ©Riff Cohen Facebook-Seite; Video (cc) reefcok/YouTube