Kultur

Raphael Gualazzi: Jazzphilologe oder Rampensau?

Article published on 25. November 2011
Article published on 25. November 2011
Für Raphael Gualazzi ist Jazz so faszinierend wie die technologische Neuentdeckung eines Computerfreaks. Die Zeit bezeichnete den jungen und schüchternen italienischen Sänger als „perfekte Synthese aus Paolo Conte und Jamie Cullum“, obwohl er sich auf der Bühne auch schonmal in einen besessenen Komödianten  verwandeln kann.
Aktuell ist er mit seiner Show „Reality and Fantasy“ auf Europatour: Cafebabel.com traf den Jazzman in Paris.

Als wir ungefähr eine halbe Stunde vor dem Konzert ankommen, steht draußen bereits eine Schlange: Es sind natürlich viele Italiener gekommen — aber nicht nur. Alle warten ungeduldig darauf, den jungen Künstler aus Urbino [Region Marken] zu sehen, dessen zweiter Platz beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) ein wahrhaftiger Karrierebooster für den Musiker war. Doch der Gualazzi, den wir gleich in der Nähe des Pariser Jazzclubs New Morning treffen und der diskret an seiner Zigarette zieht, ähnelt kaum einem Star. Ganz im Gegenteil. Wir laden ihn auf einen Drink ein. Er lehnt schüchtern aber kategorisch ab: „Ich trinke niemals vor einem Auftritt“, sagt er mit samtweicher Stimme und aufrichtigem Blick. Als ich mit ihm über seinen Erfolg bei dem großen europäischen Musikwettbewerb spreche, antwortet er geradeaus, dass er „noch nicht einmal von der Existenz“ wusste, „da Italien seit 14 Jahren nicht mehr teilgenommen hatte“. Gualazzi glaubte nicht an Wettbewerbe dieser Art. Für ihn war der Grandprix lediglich die Plattform, um sein Album, in das er so viel Arbeit gesteckt hatte, bekannter zu machen.

In den Augen der Kritiker wurde Raphael Gualazzi oft als Fisch auf dem Trockenen beschrieben. Er sei zu elegant für ein Trash-Festival. Ich frage ihn, was er von derartigen Argumenten hält. Aber er zieht es vor dieses Thema nicht zu kommentieren. Er ergänzt lediglich, dass er eine Chance darin gesehen habe, hinter den Kulissen mit ausländischen Künstlern improvisieren zu können: Die Holländer von 3JS oder Dino Crocetti (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Dean Martin ; A.d.R.) singen zu hören, sei ein außergewöhnlicher Moment gewesen.

Italienische Wurzeln im Jazz

Kurz gesagt: Die Musik steht für Gualazzi über allem anderem. Ich verstehe seine Ernsthaftigkeit und seine Leidenschaft, seine irrationale Liebe zum Jazz. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass dieses Musikgenre in Italien weniger populär ist als anderswo. Unser „Professor“ nimmt fast einen 'dozierenden' Ton ein, um zu erklären, dass Italien dem Jazz näher sei als man glaubt: „Wenige Leute wissen, dass eine der ersten Aufnahmen in der Geschichte des Jazz, zu Beginn des letzten Jahrhunderts, von italienischen Emigranten in den USA gemacht wurde — um genau zu sein: vom Orchester von Nick La Rocca. Und laut Jelly Roll Morton (einem der Erfinder des Jazzpiano; A.d.R.) orientierte sich der Jazz an der 'quadriglia siciliana' (traditionelle sizilanische Musik; A.d.R.)“. Raphael Gualazzi ist Tradition wichtig; er engagiert sich wie ein Musikphilologe , der sich gleich einem "mittelalterlichen Mönch" dazu verpflichtet hat sein Gut zu schützen und zu vermittelten, ohne dabei jedoch auf Innovation zu verzichten. Und genau in diese Kategorie gehört für Raphael auch die neue Jazz-Avantgarde Italiens: Stefano Di Battista, Sergio Cammarriere,Paolo Conte oder Stefano Bollani. Letzterem ist es vor nicht allzu langer Zeit sogar geglückt, den Jazz mit seiner neuen Show Sostiene Bollani zurück ins Fernsehen zu holen.

Raphael Gualazzi selbst zählt sich aber nicht zu dieser Gruppe: „Ich habe nie behauptet, ein Philologe zu sein.“ Vielmehr sei er ein "Handwerker der Musik" - eine Kunst, die ihn seit dem Jugendalter nicht mehr losließ, als er sich damit vergnügte gehörte Töne wiederzugeben. Dennoch habe er ein Faible für die Jazz-Tradition vom Beginn des 19. Jahrhunderts und den Wunsch diese wieder auszugraben. Und das nicht nur über seinen Retrolook, sondern auch über die Emotionen, die er nicht verbergen kann, wenn er mit großen Augen von den „hysterischen“ Jahren und seiner Live-Klavierbegleitung von Charles Bowers Filmen [amerikanischer Cartoonist und Slapstick-Comedian, A.d.R.] erzählt.

Raphael Gualazzi, der Schauspieler

Raphael gibt mehr als nur ein Interview; er gibt sein Königreich preis - und er ist mittendrin. Sobald er sich an sein Klavier setzt, umgeben von seinen Musikern, kommt seine Besessenheit durch: Gualazzi überrascht, reißt das Publikum mit. Von Zeit zu Zeit tippt der Tasten-Akrobat frenetisch mit dem Fuß und singt in seinem sehr persönlichen Stil auf Englisch genauso gut wie auf Italienisch — denn, so sagt er, „gute Musik erklingt in allen Sprachen der Welt“. Man muss Raphael Gualazzi nur einmal auf der Bühne gesehen haben, um  zu verstehen, dass er „seit 14 Jahren weiß, dass er Musiker und nichts anderes werden wollte.“ Trotz der Krise, versichert er mir, sollte man an seine Leidenschaft glauben, das würde sich am Ende immer auszahlen. Auch wenn er selbst manchmal am Monatsende „kaum über die Runden kam.“ Der Schlüssel zum Erfolg sei es „hart zu arbeiten, da die Musik sich ständig wandelt. Seine Chance wahrzunehmen, ist nicht einfach. Das erfordert Opfer“, sagt er überzeugt. Und wir, wir glauben ihm!

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von ©Raphael Gualazzi; Video: ESC: SLPBerlin, Charles Bowers: StorageVintage, Konzert: cafebabel/alle Youtube