Kultur

Ramon Kelvink Jr.: ‘Das Angebot vom Cirque de Soleil habe ich sofort abgelehnt’

Artikel veröffentlicht am 3. September 2007
Artikel veröffentlicht am 3. September 2007
Ich treffe den französischen Hochseiltänzer in Ligurien. Dort erklärt er mir seinen – zweifellos 'privilegierten' – Blickwinkel auf Europa und die Welt.

Der Besitzer des Lokals nähert sich uns mit aufgerissenen Augen und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn: "Die Sachen, die du machst... Du musst verrückt sein." Dann jedoch verwandelt sich seine Grimasse in ein Lächeln: "Bravo, trotzdem. Ich weiß nicht, wie du das machst, aber ich bin beeindruckt." Der Lokalbesitzer spricht mit Ramon Kelvink Jr., Seiltänzer von Beruf und aus Tradition. Seit 1512 schon betrachtet seine Familie die Welt aus der Vogelperspektive. Und wenn vom 9. bis 12. August hier das Aria Festival stattfindet, wird es Vernazza sein - diese wunderbare Stadt in den Cinque Terre -, die zu ihm aufschaut. Mit angehaltenem Atem.

Schwielige Hände – keine Tricks

"Siehst du die Seile dort oben? Die habe ich selbst angebracht. Ich bin niemand, der sich gern bedienen lässt", bricht es direkt aus ihm hervor. "Ich habe die Welt aus einer privilegierten Perspektive gesehen: Trafalgar Square, Belfast, Paris, San Sebastián, halb Italien, Québec." Aber in Italien fühlt er sich zu Hause. "Kennst du La Strada (Das Lied der Straße) von Fellini? Bei euch erlebt man diesen natürlichen Respekt, ohne dass man sich verkleiden muss." Ich will gerade ein Glas Sciacchetrà, einen lokalen Dessertwein bestellen, da kommt Ramon mir zuvor: "Ein Glas Mineralwasser, bitte." Ich hatte vergessen, dass Alkohol für jemanden, der 30 Meter ohne Netz über dem Boden arbeitet, keine gute Idee ist. Dort oben gibt es nur den Seiltänzer und sein Seil.

Und natürlich den Stab. "Genau, der Stab. Houdini war gut, aber trotzdem hat er allen etwas vorgemacht. Sein Risiko war vorgetäuscht. Meins dagegen ist echt. Wenn ich einmal den Fuß falsch setze, PAAAM!", schreit er auf und haut mit der Hand auf den Tisch, "dann ist es vorbei". Ramon wird deutlicher in seinen Erklärungen: "Die Welt ist zweigeteilt: Es gibt eine reale und eine virtuelle Welt. Mit meinen schwieligen Händen, meinem ganzen Körper gehöre ich voll und ganz in die erste." Körperliche Anstrengung oder das Verhältnis zum eigenen Körper schätzt Ramon heutzutage als problematisch ein. "Man will die Dinge nicht mehr selbst machen. Lieber sitzen wir alle vor einem Bildschirm und tippen auf einer Tastatur. Das ist unpersönlich und unwirklich. Die Menschen unglücklich."

Als Fünfjähriger auf dem Einrad

"Ich habe hunderte von Vorstellungen gegeben, und jede davon war anders. Es gibt nur noch sehr wenige auf der Welt, die diesen Beruf ausüben. Wann ich damit aufhören will? Ich weiß nicht. In zehn Jahren, vielleicht später. Aber bevor ich aufhöre, will ich mein Können an jemanden weitergeben. Das ist eine schwierige Entscheidung. Stell dir vor, jemand stürzt ab und du bist sein Lehrer gewesen. Dann hast du nie wieder eine ruhige Minute."

Kelvinks Vorfahren lebten über den ganzen Kontinent verstreut. "Ich bin ein Kosmopolit, aber vor allem Europäer. Mein Großvater väterlicherseits war Holländer, meine Großmutter eine Roma. Die Familie meine Mutter stammt aus Argentinien. Alles Zirkusleute, natürlich. Ob ich deshalb verpflichtet war, auch diesen Weg zu gehen? Nein. Mit fünf Jahren haben sie mich auf das Einrad gesetzt. Und seitdem habe ich nicht mehr damit aufgehört."

Ramon ist heute glücklich. Er lebt mit Catherine Léger zusammen, die ihn sowohl im Leben als auch im Beruf begleitet. "Als ich das Angebot vom Cirque du Soleil bekam, habe ich sofort abgelehnt. Ich will Ramon Kelvink Jr. bleiben und nicht Seiltänzer in einer Zirkus-Bude werden." Eine Kritik am französischen Kulturbetrieb? "Darum geht es nicht. Ich fühle mich wohl in Frankreich", betont Kelvink, der in Bergerac geboren ist, wie Cyrano. "Ich glaube, dass unser Land für viele eine Modellfunktion haben kann. Sieh dir Sarkozy an: Er blickt geradlinig in die Zukunft. Wenn er in der Linken talentierte Leute vermutet (wie beispielsweise Bassanini), steht einer Zusammenarbeit nichts im Wege. Das ist es, was Europa benötigt, um die Differenzen zu überwinden, die uns sonst für immer trennen werden."

Die Vorstellung in Vernazza - 30 Meter Weg in 25 Metern Höhe - macht ihm keine Angst. Und der Wind, kann der nicht zum Problem werden? "Nein, an den Wind habe ich mich gewöhnt. Was problematisch sein kann, ist die salzige Luft. Das Seil wird dadurch rutschiger." Aber hat Ramon bei seinen vielen Auftritten noch nie wirklich Angst gehabt? "Alles ist gefährlich: essen, spazieren gehen. Man geht immer ein Risiko ein. Aber das ist alles kein Vergleich zu dem Gefühl, die Welt von dort oben zu sehen!"