Kultur

Radio B92: Multimedia gegen Milošević

Artikel veröffentlicht am 18. November 2008
Artikel veröffentlicht am 18. November 2008
Ein Belgrader Radiosender gegen das Milošević-Regime streckt erfolgreich seine Fühler aus und wird zu einem verbreiteten Fernsehmedium sowie einer Informationsplattform im Internet. Ein prominentes Beispiel der Vereinigung dreier Kommunikationsmittel.

Radio B92 begann am 15. Mai 1989 als Initiative der sozialistischen Studentenbewegung zu senden. Sein Gründungsvater, Veran Matić, war in den achtziger Jahren Moderator der Sendung Ritam srca (Herzrhythmus), die den ersten Schritt auf dem Weg zur Medienvielfalt im damaligen Jugoslawien und nach dem Tod von Tito markierte. Die Sendung widmete sich Tabuthemen wie Prostitution, Aids und Drogen. Radio B92 wurde oft mit dem ultraradikalen italienischen Sender der achtziger Jahre, Radio Alice, verglichen. Was ist der Leitgedanke von B-92? «Informieren heißt nicht Meinungen vertreten und sie wiederholen, in der Information liegt auch die Kraft, die Realität zu verändern.»

Der Regime-Gegner

©Ljubisa BanovicIn den neunziger Jahren wurde der Sendebetrieb von Radio B92 oft gestört, auf internationalen Druck hin aber wieder freigeschaltet, da er über Oppositionskundgebungen gegen das Milošević-Regime berichtete. Während des Bombenangriffs auf Belgrad wurde der Sender durch Regimevertreter besetzt, ihre Mitarbeiter machten heimlich im Untergrund weiter. Erst im Jahre 2000 nahm B92 den normalen Sendebetrieb wieder auf. Nach dem Fall des Regimes widmete sich Radio B92 der Sammlung und Herausgabe von audiovisuellen Medienprodukten über historische Ereignisse des Landes. Trotz der problematischen Lage wurde der Sender einer der meistgehörten der Epoche.

Im September 2000, unmittelbar nach dem Fall des Belgrader Regimes, gründete B92 einen eigenen Fernsehsender. Nach elf Jahren des Kampfes für die Meinungsfreiheit konnte B92 erstmals durch das kalte Medium Fernsehen landesweit empfangen werden. Die Radiosendungen werden nicht zur Gänze im Fernsehen übertragen. Die beiden Sendeformate werden vielmehr im Parallelbetrieb geführt. In den letzten vier Jahren hat sich sein Publikum verdreifacht, der Sender ist heute Nummer drei unter den beliebtesten Fernsehkanälen in der Zuschauerkategorie der zwischen 15 und 54-Jährigen. Außerdem ist er einer der vier Fernsehsender mit landesweiter Sendegenehmigung. Nach Angaben des Forschungsinstituts AGB erzielt Tv B92 eine Reichweite von 98 Prozent auf serbischem Territorium, 88 Prozent der Zuschauer erreicht der Sender in guter Empfangsqualität.

Internet und Fernsehen ohne Konkurrenz

©Nabeelah ShabbirDas Internet wird häufig als größter Herausforderer des Mediums Fernsehen angesehen. Es kann aber unter Umständen dem Fernsehen sogar helfen, zu überleben: B92 schafft es, auch im World Wide Web populär zu sein, da er sich nicht darauf beschränkt, die Fernsehbühne ins Internet zu übertragen, sondern eine wahrhaft informative Kollage aus Online-Nachrichten aus Kultur, Außenpolitik, Arbeit und Reisen anzubieten weiß. Seit 1996 ist B92.net mit 180.000 Besuchern täglich die meistbesuchte Webseite Serbiens und eine der meist gelesenen Webseiten Osteuropas. In dieser Hinsicht ist das Multimedia-Projekt einzigartig: B92 hat es geschafft, das Potenzial der drei verschiedenen Medienformate zu einer fruchtbaren Quelle zu vereinen und für sein junges serbisches Publikum im Toten Meer der Informationsvielfalt eine sinnvolle Alternative zu bieten.

B92 ist der Beweis dafür, dass das Format allein kein Kriterium für die Qualität der Informationen darstellt: Radio, Fernsehen und Internet sind drei miteinander verbundene aber voneinander unabhängige Welten. In diesem Sinne versteht man die Worte von Veran Matić, wenn er sagt, die Kraft des Mediums liege in der Alternative: «Wir waren egoistisch. Das Radio half uns, etwas aufzubauen, was uns fehlte und was wir uns wünschten. Die Welt, die von unserer Realität abgespalten war, aber versteckt in uns verborgen lag, haben wir uns erschaffen. Das war vielleicht das einzigartige Geheimnis unseres Überlebens.»