Kultur

Polnisch-litauischer Sprachenstreit: Namen sind Schall und Rauch?

Artikel veröffentlicht am 3. November 2010
Artikel veröffentlicht am 3. November 2010
Während der einflussreiche Economist aufgrund der aktuellen Auseinandersetzungen um die Sprache alarmierend den nächsten Energie- und Sicherheitskonflikt zwischen Litauen und Polen prophezeit, sind sich die meisten Menschen in beiden Ländern nicht einmal darüber bewusst, dass das Problem derart ausartet. In Polen hat man höchstwahrscheinlich sogar noch nie von der Problematik im Baltikum gehört.

Ethnische Polen in Litauen kennen die kleinen Fallen des Sprachenstreits in ihrem alltäglichen Leben nur zu gut. Zum Beispiel fahren in Litauen Busse, deren Endhaltestelle auf Polnisch angegeben ist. Aber zugegeben: Die Namen der Orte sind in etwa so unterschiedlich wie die deutsche Stadt Köln im Englischen eben Cologne heißt. So heißt die Stadt Vilnius im Polnischen Wilno oder Švenčionys im Norden des Landes Święciany. Die litauische Regierung möchte die polnische Sprache aber nun schon seit geraumer Zeit aus der litauischen Öffentlichkeit verbannen!

Auch persönliche Namen sind immer wieder ein heißes Thema im polnisch-litauischen Sprachen-Hickhack, gerade auch, weil es das private Umfeld der Menschen betrifft. Auch die zunehmende Mobilität unserer Generation spielt eine immer wichtige Rolle darin, warum Worte heute mehr auf die Waagschale gelegt werden als früher. Das Verschwinden diakritischer Zeichen (Akzente etc.) führt zu falscher Aussprache von Touristen, denn viele Menschen im 'Westen' sind eher an polnische Buchstaben und deren spezifische Aussprache gewöhnt (sz, cz) - vielleicht spielt das Russische sogar eine noch größere Rolle. Grebenshchikov zum Beispiel hat größere Chancen richtig ausgesprochen zu werden, als das litauische Grebenščikov.

Doch die falsche Aussprache ist noch das geringere Übel, denn manchmal kann sich durch den Buchstabendreher auch eine neue Wortbedeutung ergeben. Der polnische Jazz-Sänger Janusz Szrom würde in Litauen zu Januš Šrom werden, nur dass srom im Polnischen 'Vulva' heißt. Und als ob es damit noch nicht genug wäre, hat der Sänger gleich doppelt Pech, denn sein Nachname Szuka würde im Litauischen Šuka lauten oder Suka, was in litauischem Slang so viel bedeutet wie 'Schlampe'. Im benachbarten Lettland brachten zwei russischsprachige Bewohner mit dem klingenden Namen Shishkin ihren Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Denn die lettische Entsprechung Šiškin (und somit deren Aussprache) ähnelt dem russischen Wort sis’ki - das im Deutschen etwa 'Titten' entspräche… 

Illustration: ©Henning Studte/ studte-cartoon.de/