Kultur

Polen, mon amour

Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 30. Januar 2006
Das Schicksal Polens in den vergangenen Jahrhunderten ist eng mit der Polonia, der polnischen Diaspora verbunden. Bis heute ist die Polonia für Auslandspolen ein probates Mittel, Einfluss zu nehmen.

Saint Gilles ist ein lebendiges, multikulturelles Viertel, das den Brüsseler Südbahnhof umgibt. Die Lichtgirlanden des vergangenen Weihnachtsfestes wurden noch nicht abgehängt. Die Straßen am Abhang glänzen und glitzern in der winterlichen Kälte. „Mala Polska“ ist eine ehemalige polnische Videothek und beherbergt heute ein Lebensmittelgeschäft mit Spezialitäten aus Osteuropa. Das Geschäft zeugt noch von der starken slawischen Präsenz in Brüssel, die auf die politisch und wirtschaftlich schwierigen polnischen Vergangenheit zurückgeht.

Aus der Stereoanlage dringen Klänge eines Volksliedes von Andrzej Piaseczny und die Ladenbesitzerin Ewa Boratynska erklärt in einwandfreiem Französisch mit leichtem osteuropäischem Akzent, sie sei vor fünfzehn Jahren nach Brüssel gekommen, um Urlaub zu machen. Seither hat sie drei Kinder bekommen und die belgische Hauptstadt nicht mehr verlassen. Ewa ist stolz darauf, zur polnischen Gemeinde im Viertel zu gehören. Dann seufzt sie und sagt: „Die Polen, die heute hier leben, denken nur ans Arbeiten und Geld verdienen“.

Polonia – die polnische Diaspora

Der Begriff "Diaspora" stammt vom griechischen Verb "diaspeirein" (verteilen) ab und bezeichnet eine Einwanderergemeinschaft, die zahlenmäßig stärker ist als die Bevölkerung im Herkunftsland. Laut Stéphane Dufoix, Professor an der Universität Paris-Nanterre, hatte der Begriff „Diaspora“ noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine stark religiöse, vornehmlich jüdische Bedeutung, die jedoch im Laufe der Zeit immer mehr säkularisiert wurde.

Polonia, die polnische Diaspora, geht auf die lateinischen Wurzeln des Wortes Polen zurück. Sie begann im 18. Jahrhundert, als die polnisch-litauische Adelsrepublik von den drei Großmächten Russland, Österreich und Preußen annektiert wurde. Damals verließen viele Polen ihr Land, was bis 1989 immer wieder vorkam. Die Polonia hat es im Laufe der verschiedenen Besatzungen stets verstanden, wichtige Informationsnetzwerke aufzubauen, um seine Landsleuten, Immigranten oder Flüchtlinge, bei der Ankunft zu unterstützen.

Schätzungen zufolge liegt die Zahl der im Ausland lebenden Polen zwischen 14 und 17 Millionen, wovon allein 6 bis 10 Millionen in den Vereinigten Staaten leben. In Deutschland leben 1,5 Millionen, in Brasilien und Frankreich jeweils 1 Million. Diese verstreute Gemeinschaft hat sich nach und nach organisiert und sich zu einer wichtigen politischen und wirtschaftlichen Macht in den Aufnahmeländern sowie im Herkunftsland entwickelt.

So wurde 1992 dank der „Lobby“ der Exil-Polen in Großbritannien die Visumspflicht für Polen abgeschafft. Papst Johann Paul II., der wahrscheinlich prominenteste Pole, spielte eine entscheidende Rolle bei dem Machtkampf der Gewerkschaft Soldiarnosc mit dem Sowjetregime.

Ein weniger rühmliches Beispiel: der große Einfluss des konservativen und ultrakatholischen Radiosenders Radio Maryia ist ebenfalls ein Verdienst der polnischen Diaspora. Für die Warschauer Tageszeitung Gazeta Wyborcza war Radio Maryia, das die Kasczynski-Brüder unterstützte, „der wahre Gewinner bei den Präsidentschaftswahlen“ im November 2005.

Neues Europa, neue Diaspora

Agata ist eine junge Polin, die für die Europäische Kommission arbeitet. Sie erinnert daran, dass das Verschwinden einer äußeren Bedrohung – der Kommunismus – die Polonia ihrer Existenzberechtigung beraubt habe. Für Marcin Gasiuk hingegen, Assistent des Europaabgeordneten und politischen Dissidenten Bronislaw Geremek, „kann man verschiedene Diasporas ausmachen, je nach Immigrationswelle.“ Diese Meinung teilt auch Magda, Studentin in Brüssel; sie glaubt, dass die gegenwärtigen Auswanderung der jungen Elite, die Polen erlebt, eine neue Generation von Exilanten hervorgebracht habe. Piotr, politischer Analyst in Warschau plädiert für die Relativierung: Polen erlebe keinen „brain drain“, sondern vielmehr deren ständige „Zirkulation“. Die Mehrheit der jungen Polen im Ausland passen sich sehr gut an ihr Aufnahmeland an, ohne jedoch die starke Bindung an ihr Heimatland Polen aufzugeben. In Irland, wo heute auf 4 Millionen Einwohner 120 000 Polen kommen, sind die kulturellen und soziologischen Spuren dieser Emigranten aus Osteuropa spürbar.

Mit der Öffnung der Grenzen in Europa und der Globalisierung der Wirtschaft, wurde die polnische Diaspora ein effizientes Instrument der wirtschaftlichen, kulturellen oder politischen Einflussnahme in der Europäischen Union. Angesichts der Entwicklungen in Europa kann die Polonia, die ihre Identität stets neu definieren muss, nicht die Augen vor den neuen Herausforderungen der Zeit verschließen: Abwanderung der Elite, Zunahme der Arbeitslosigkeit und wachsender Euroskeptizismus. Nach Übernahme des Präsidentenamts durch den konservativen und anti-europäischen Politiker Lech Kaczynski, befürchten einige „die Isolierung Polens in Europa.“ Bleibt zu hoffen, dass die Polonia die Skeptiker eines Besseren belehrt.