Kultur

Polen: Angst vor Gross

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2008
Der kürzlich auf dem polnischen Buchmarkt erschienene Essay 'Angst' von Jan Tomasz Gross spaltet die öffentliche Meinung zum Thema Antisemitismus im Polen der Nachkriegszeit.

Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte des moralischen Niedergangs - das neueste Werk von Jan Gross löst in der polnischen Kirche, Historikerkreisen und den Medien scharfe Kontoversen aus. Jan Gross, amerikanischer Professor polnischer Abstammung, veröffentlichte bereits im Jahr 2000 das umstrittene Werk Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne. Das Buch beschreibt das Massaker von Jedwabne, einer von der deutschen Wehrmacht besetzten Kleinstadt, in der 1941 einige Hundert Juden von Polen ermordet wurden. Heute ist der Name des Städtchens auf die Titelseiten der polnischen Zeitungen zurückgekehrt.

Angst war schon vor 2 Jahren, nach Erscheinen des Originals in den Vereinigten Staaten Gegenstand der Kritik. Gross beschuldigt in seinem Essay die gesamte Gesellschaft Polens einer antisemitischen Grundhaltung. Er schildert Gewaltakte gegen Juden kurz vor Kriegsende und in der Nachkriegszeit. Der Pogrom von Kielce, einer der bekanntesten Übergriffe von Zivilisten auf jüdische Mitbürger, fällt in Angst besonders ins Gewicht. Laut Gross ist der polnische Antisemitismus auf die Angst der Polen vor der Rückgabe des jüdischen Besitzes an die zurückkehrenden Holocaust-Überlebenden sowie auf ihre Schuldgefühle zurückzuführen. Der Soziologe und Autor richtet sich besonders gegen die These der polnischen Kirche, der Nachkriegsantisemitismus habe seinen Ursprung in dem überproportional hohen Anteil an Juden in Führungspositionen des kommunistischen Regimes. "Die 30 Prozent der Mitglieder des kommunistischen politischen Apparates mit jüdischer Herkunft,[…] wachten über die Interessen der Kommunisten und nicht über die Interessen der Juden", unterstreicht Gross.

"Vampir der Geschichtsschreibung"

Der Hauptvorwurf, den zahlreiche polnische Historiker Gross in den Medien machen, ist die unzureichende historische Quellenarbeit des Autors. Sie beschuldigen ihn der Effekthascherei unter dem Mantel der Wissenschaft sowie "der Nachlässigkeit bei der Gegenüberstellung der Zahlen und Fakten". Zudem zitiere Gross aus den Zeugenaussagen nur das, was die Hauptthese seines Buches untermauere. Janusz Kurtyka, Direktor des Instituts für das Nationale Gedenken (IPN), das die Akten der "polnischen Stasi" verwaltet, kritisiert Gross und nennt den Autor einen "Vampir der Geschichtsschreibung". Sein Buch habe nur weniger mit wissenschaftlich fundierter Arbeit gemein, so Kurtyka.

In einer Fernsehdebatte des polnischen Senders TVN24 lieferten sich Gross und die Journalistin Halina Bortnowska einen verbalen Schlagabtausch. Der angesehene Historiker Prof. Andrzej Paczkowski wandte ein, dass "ein Wissenschaftler seine Forschungen zwar mit Leidenschaft durchführen, aber nicht missionieren sollte. Und Gross gebärde sich als Missionar." Er fügte hinzu, dass "ihm die Schnelligkeit zusetze, mit der Gross Probleme verallgemeinert. Hier treffen zwei Arten des Erinnerns aufeinander - das der Polen und das der Juden. Gedenken ist eine Sache, Geschichte eine andere. Die Erinnerung ist entweder schwarz oder weiß, aber die Geschichte hat Graustufen!".

Kommentatoren heben weiterhin hervor, dass das Buch die polnisch-jüdischen Nachkriegsbeziehungen simplifiziere, insbesondere die Ausmaße des politischen Konfliktes und den Anteil jüdischer Mitglieder in kommunistischen Machtstrukturen. Juristische Kreise beschuldigen Gross der Verleumdung: Das polnische Strafgesetzbuch sieht für die Beleidigung der polnischen Nation und des Staates eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren vor.

Die Staatsanwaltschaft in Krakau prüft nun den Tatbestand. Der Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanisaw Dziwisz, warf Gross' Herausgeber ZNAK in einem Brief vor, "antipolnische und antisemitische Dämonen heraufzubeschwören". Eine ähnliche Haltung vertritt die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita, deren Chefredakteur die Publikation als "antipolnisch" bezeichnete.