Kultur

Plattenkritik 'Places' von Lou Doillon: Erträglich, ertragreich

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2012
Places ist DAS Album des französischen Musikherbsts. It-Girl, Model und Schauspielerin Lou Doillon ist nun seit neuestem auch Sängerin und Composerin. Ihr erstes Album wird in Frankreich sowohl kritisiert als auch zelebriert. Doch auch wenn sie gern mal als arrogant und „Tochter von“ (Jane Birkin und Jacques Doillon) bezeichnet wird, bleibt sie Kritikern gegenüber standhaft.
Das hat eine positiv überraschte Deutsche und einen reaktionären Italiener nicht davon abgehalten, ihre eigene Kritik von Places abzuliefern.

Federico: Hast du die Nase nicht voll von diesen Papatöchterchen, die den lieben langen Tag nichts tun und dann plötzlich mal Lust auf Singen haben, so als würden sie sich ein paar neue Highheels kaufen?

Katharina: Was soll'n das jetzt heißen? Dass die Tochter von Jane Birkin nicht auch ein Recht auf Karriere hat und zum Hausfrauendasein verdammt ist? Und warum sprechen alle immer nur über Doillons Biographie, sprechen wir doch lieber mal über ihre Musik. Mich hat ihr neues Album (Places, bei Barclay, September 2012) ehrlich überrascht. Ich habe die Platte mehrmals gehört und einige Songs wie "I.C.U." oder "Devil or Angel" haben wirklich Ohrwurmpotential.

F: Ehrlich gesagt, nicht mal Jane Birkin hatte das Recht, uns die Ohren mit ihrer nicht existierenden Stimme kaputtzumachen. Ich habe fast den Eindruck, als würde uns das Talent des guten alten Serge (Gainsbourg; A.d.R.) teuer zu stehen kommen… denn er hat uns seine Konkubinen hinterlassen, die eigentlich nur den Verdienst hatten, in seinem Schatten gelebt zu haben: von Brigitte Bardot bis hin zum Lemon Incest mit seiner Tochter Charlotte (von der Zitrone bleibt nur ein saurer Nachgeschmack einer unreifen Stimme) – Charlotte Gainsbourg muss den armen Beck letztes Jahr doch krank gemacht haben! Und um auf Lou Doillons Platte zurück zu kommen, ich finde sie ziemlich öde. Was hat sie schon Neues?

K: Ok, der Rhythmus lässt vielleicht gen Ende des Albums ein bisschen nach – und der Title Track (« Places ») hat ziemlich lästige Höhen. Aber Doillon setzt auf diesem melancholischen Folk-Album doch einen gewissen Charme frei: ihre Stimme klingt irgendwie rauchig und sinnlich zugleich, fast ein bisschen wie Patti Smith. Oder Amy Winehouse

F: Ja ja, schon klar: Sie inspiriert sich bei Amy Winehouse, die sich bei Sarah Vaughan inspiriert, die sich wiederum bei Ella Fitzgerald inspiriert. Und wo bleibt die Originalität?

K: Übertreib' mal nicht, jede Kunst hat ihre Referenzen… Man sollte schon gutheißen, dass Lou Doillon alle Songs auf ihrem Album selbst geschrieben hat und seit mehreren Jahren Musik macht.

F: Das überrascht mich nicht, dass sie alles selbst geschrieben hat. Wie kann man die Orighinalität eines Titels wie „Jealousy“ ignorieren oder sich nicht in umwerfende Refrains wie « And I see you in every cab that goes by, in the strangers at every cross roads, in every bar » verlieben? Mannomann, wenn ich mir überlege, dass es das gleiche Label ist, das auch Léo Ferré produziert hat. Schande!

Federico: "Wenn ich mir überlege, dass es das gleiche Label ist, das auch Léo Ferré produziert hat. Schande!

K: Ach plötzlich? Neulich als wir die CD gehört haben, hast du noch gemeint, der erste Song geht ziemlich gut ins Ohr. Immer musst du den Oberintellektuellen raushängen lassen, so wie die typischen Kritiker in Frankreich, die immer alles totanalysieren und damit jegliche künstlerische Spontanität kaputt reden. Doillon hat es zumindest drauf zwei Sachen zu kombinieren, die gut gehen: dieses typische France Gall-kleine-Fashion-Französinnen-Image und die englische Sprache, die den Vorteil hat, auch internationale Märkte zu bezirzen. Die Musik hört doch nicht bei bei Léo Ferré auf.

Federico : "Also ich behalte zu dieser neuen Musikkarriere vor allem eines im Hinterkopf - das Album-Cover"F: Stimmt, den ersten Titel finde ich sympathisch. Doch das Ding ist doch: wie viele gute Musiker sind fähig gute Songs wie diesen aufzunehmen, haben aber niemals das Geld, eine korrekte Demo zu produzieren? Und irgendwann reicht es auch mal damit, dass man für Erfolg gut aussehen muss. Ich will schlicht und einfach gute Musik, krasse Geschichten und keine kalten „Places“, die irgendein Label vorgezeichnet und wie ein lebloser Architekt durchdesignt hat.

K: Und wie erklärst du dir dann, dass nahezu die komplette französische Musikkritik dieses erste Album – vielleicht auch ein wenig überraschend – positiv aufgenommen hat („eine Stimme voller angeschlagener Eleganz“, „verblüffend“, „die schönste musikalische Überraschung“)? Das ist ein Karrieredebüt, was sich im Gegensatz zu anderen Möchtegernsängern (Mélanie Laurent, Christophe Hondelatte etc.) echt sehen und hören lassen kann.

F: Also ich behalte zu dieser neuen Musikkarriere vor allem eines im Hinterkopf – und ich denke genau das hat auch den Kritikern gefallen: das Album-Cover. Doillon ist wirklich gut getroffen, ein sehr schönes Foto, tolle Materialien. Die tatsächliche Synthese dieses Werkes: ein Behälter ohne Inhalt.

Illustrationen: Teaserbild © Katharina Kloss und Federico Iarlori; Im Text Lou Doillon Facebook-Seite; Video (cc)UniversalMusicFrance/YouTube