Kultur

Pie Tshibanda: „Die Europäer wollen der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen“

Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2007
Der 55jährige kongolesische Schriftsteller Pie Tshibanda, der im belgischen Exil lebt, nennt sich selbst „der verrückte Schwarze im Land der Weißen“.

„Samstag um zehn bei mir“. Das antwortet uns Pie Tshibanda, als wir ihn bitten, uns für das Interview ein Café in Brüssel zu empfehlen. Etwas ratlos machen wir uns auf den Weg in das kleine Dorf Tangissart, das ungefähr dreißig Kilometer von Brüssel entfernt liegt. In seinen Shows spricht der umtriebige Komiker viel von seinen sechs Kindern. An diesem Morgen öffnet uns eines davon die Tür, ein anderes schenkt uns ein Lächeln und ein drittes kommt zum Essen in die Küche, wo wir gerade das Interview führen.

Anwalt der Stummen

Der Psychologe, Schriftsteller und Geschichtenerzähler Pie Tshibanda schöpft seine Inspiration aus der Geschichte seines Landes. „Manche Menschen, die etwas von mir gelesen haben, haben mir manchmal gesagt: ‚Du schreibst immer nur über traurige Sachen’. Ich habe ihnen geantwortet: ‚Entschuldigt, aber das ist das Leben, das ich führe.“ Nachdem er Ende der Siebziger Jahre an der Universität in Kisangani seinen Abschluss in Psychologie macht, widmet sich Tshibanda bald dem Unterrichten, gibt das Schreiben jedoch nicht auf.

Unser Gesprächspartner beginnt, sich an seine literarischen Anfänge zu erinnern. Und da treffen wir mitten im Esszimmer, wo sich das Gluckern des Reises mit dem bittersüßen Duft der Gewürze mischt, plötzlich auf den Entertainer der großen Unterhaltungssäle. An diesem Morgen trägt Tshibanda zwar nicht das bunte afrikanische Hemd, das man von ihm kennt. Aber das Lächeln, der schelmische Blick und die Gestik sind die gleichen. Was das Thema seiner ersten Bücher war? „Sie werden lachen“, wirft er uns mit einem Augenzwinkern zu: „Meine Enttäuschungen in der Liebe“. Aber es dauert nicht lange, bis Tshibanda sich den schwierigeren Themen zuwendet, die den Kongo derzeit beschäftigen: Prostitution oder den Strafbestand der Hexerei. „Ich räche all diejenigen, die leiden mussten“ erklärt er. „Ich erfülle meine Aufgabe als Schriftsteller: jemand, der im Namen derer spricht, die nicht sprechen können – der Anwalt der Stummen.“

Die Geschichte Tshibandas, die er im Rahmen seiner Shows „Ein verrückter Schwarzer im Land der Weißen“ und „Ich bin kein Hexer“ erzählt, beginnt Anfang der Neunziger Jahre. „Zu diesem Zeitpunkt ändern sich die Dinge. Der Diktator Mobutu ist kurz davor, die Macht abzugeben. Er hasst seinen Hauptgegner im Kongo auf den Tod. Das ist der ehemalige Premierminister von Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, Etienne Tchisekedi. Ein ‚Luba’, der ursprünglich aus der Provinz Kasai kommt. Um Tschisekedi zu schwächen, entschließt sich Mobutu, die Provinz Kasai anzugreifen», erklärt uns Tschibandi. Viele von ihnen, die sich in der Provinz Katanga niedergelassen haben, um in den Minen zu arbeiten, werden aufgrund der von Diktator Mobutu angeordneten ethnischen Säuberungen sterben.

Pie Tschibanda selbst stammt aus Kasai. Er prangerte die Massaker mit einem Comicband und einem Videofilm an. „Von diesem Moment sind die Dinge gekippt: ich war nicht mehr ein normaler Flüchtling, sondern wurde zum lästigen Zeugen, der Spuren hinterlässt,“ erinnert er sich. „Ich musste von heute auf morgen fliehen.“

Bittere Pille mit Zucker

Mit viel Humor erzählt er von seiner Ankunft in Belgien. Aber in unserer Gegenwart huscht das Lächeln, das seine ironischen Anekdoten begleitet, nur kurz über sein Gesicht. In seinen Texten geht der Humor mit dem Tod einher, da „es die Aufgabe des Humors ist, eine bittere Pille mit einem kleinen bisschen Zucker leichter runterzuspülen.“

Kurz bevor er ins Exil ging, arbeitet Tshibanda als Firmenpsychologe in Lubumbashi. Bei seiner Ankunft 1995 in Belgien schreibt er sich an der Universität von Louvain-la-Neuve ein, um weiter zu studieren. In den ersten Jahren ist er oft einsam, da tausende bürokratischer Hürden seine Frau und seine sechs Kinder daran hindern, zu ihm nach Belgien zu kommen..

Eine andere Geschichtsschreibung

Das gelb-violette Esszimmer, das von der Frühlingssonne erhellt wird, lässt uns plötzlich an das Haus denken, dass Pie Tshibanda in Lubumbashi gebaut hat und das heute als Gesundheitszentrum dient. „Ich habe hier Anerkennung erfahren, paradoxerweise sogar mehr als in meinem eigenen Land.“ Nach einer kurzen Pause zeigt Tshibanda plötzlich mit dem Finger auf uns: „Ich habe zwei Ehrenmedaillen erhalten. Und jedes Mal war mir zum Weinen zumute, da ich mir sagte, dass ich erst nach Belgien kommen musste, um eine Medaille zu erhalten. Wie in dem Sprichwort: Der Prophet im eigenen Land ist nichts wert.“

Auf der Bühne hat Pie Tshibanda keine Scheu, an die Kolonialvergangenheit der Belgischen Krone zu erinnern. „Sie hat den Kongo an Belgien übergeben. Man muss wissen, dass man während der Kolonisierung denen die Hände abgeschnitten hat, die nicht genug produziert haben. Ich glaube, dass die Europäer der Wahrheit nicht ins Gesicht schauen wollen.“

46 Jahre nach der Unabhängigkeit Kongos ist Joseph Kabila der erste legitim gewählte Präsident. So bezeichnet ihn zumindest die internationale Presse. Aber für Tshibanda „wiederholt sich die Geschichte, so einfach ist das.“ Der Lärm des Fernsehgeräts und der Lärm seiner Kinder bringen uns von Kinshasa zurück nach Tangissart.

Als wir ihn nach der Rolle der Europäischen Union bezüglich der politischen Zukunft der Demokratischen Republik Kongo fragen, antwortet er lapidar: „Die Europäische Union wird eine große Rolle in der Konstruktion von dem, was sie Demokratie nennt, spielen. Doch bei uns läuft das Gefahr, einer neuen Diktatur den Weg zu bereiten.“

Das Urteil Tshibandas über Europa ist streng, aber nicht ohne Hoffnung: „Ich wünsche mir, dass dieses Europa nicht nur ein wirtschaftliches Europa ist, sondern auch ein soziales und dass es eine menschliche Dimension beinhaltet. Wenn die Erweiterung Europas ein Gleichgewicht in der Welt schaffen könnte, wäre das etwas wunderbares.“