Kultur

Per Amor Vostro: Knisternde Midlife-Crisis im italienischen Kino

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2015

Bei den 72. Filmfestspielen in Venedig wurde Per Amor Vostro (Euch zuliebe), der neue Film von Giuseppe M. Gaudino, mit einem neunminütigen Applaus gefeiert und brachte Hauptdarstellerin Valeria Golino den begehrten Volpi-Preis ein. Nun läuft er endlich an und liefert dem italienischen Kino neue, künstlerische Denkanstöße.

Per Amor Vostro ist der zweite Spielfilm von Giuseppe M. Gaudino, Regisseur und Szenenbildner aus dem süditalienischen Pozzuoli, der vor allem für seine Dokumentarfilme und Shorts bekannt ist (darunter Aldis, der 1985 in Venedig präsentiert wurde).

Diesmal bewegt sich seine Filmkamera zwischen Neapel und dem nahen Pozzuoli, kreist über dem grauen Rauch des Vulkankraters von Solfatara und dem Panorama der Halbinsel von Capo Miseno und zeigt die kampanische Landschaft in einem mystischen und zauberhaften Licht.

Die Gefühle verändern das, was die Augen wirklich sehen

Anna Ruotolo, intensiv gespielt von Valeria Golino, hat Angst vor dem Meer und davor, den Problemen ihres Lebens ins Auge zu sehen. Sie bewegt sich in der Stadt, in der sie aufgewachsen ist: ein neues und zugleich altes Neapel, das sie in ihrer Gleichgültigkeit gefangen hält und verhindert, sich ihrer Untätigkeit zu entledigen.

Sie lebt zusammen mit ihren drei Kindern Cinzia, Santina und dem tauben Arturo sowie ihrem gewalttätigen Ehemann, der ihren Körper und all ihre guten Absichten erzittern lässt, sobald er auftaucht. Anna träumt von einem anderen Leben, aber schafft es nicht, die Aura der Gutgläubigkeit, die sie umgibt, zu durchbrechen und den Mut zu finden, ihren Mann anzuzeigen. Sie flüchtet sich in ihre Arbeit als Souffleuse am Set eines zweifelhaften Films, wo der labile Schauspieler Michele (gespielt von Adriano Giannini) sie zu neuen Empfindungen führt.

Aber nicht nur Annas Gegenwart gibt Auskunft über sie: Bilder aus ihrer Vergangenheit wechseln sich mit denen des Alltags ab und zeigen dem Zuschauer, dass sie, bevor sie das blinde und taube Opfer von Personen und Handlungen wurde, vor nichts Angst hatte, sondern mit weißen, abgewetzten Flügeln bereit zum Fliegen war.

Einer der interessantesten Aspekte des Films ist genau diese Überlagerung von Bildern und verschiedenen stilistischen Ebenen: der Zuschauer nimmt die unterschiedlichen Emotionen war, die durch die Erlebnisse der Hauptfigur hervorgerufen und abwechselnd in Schwarz-Weiß und durch Spezial-Effekte dargestellt werden, die eine surreale Atmosphäre in die realen Szenen bringt. Die Stimmung des Filmsets, an dem Anna arbeitet, fließen in die Wahrnehmung der äußeren Ereignisse ein. Passanten und Schauspieler sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Inspiration und Erinnerung

Gaudino experimentiert mit den filmischen Instrumenten, lässt sich von verschiedenen Stilen inspirieren und greift auf Einflüsse der religiösen Kunst Neapels und der umstrittenen und einzigartigen Kultur zurück, die diese kennzeichnet. Durch die Überlagerung von religiösen und zeitgenössischen Elementen erzählt er eine Geschichte auf neue Art und Weise. Er nimmt es auf sich, das Bild einer gewöhnlichen und zerbrechlichen Frau zu zeichnen, in dem er sich Spezial-Effekten und visionären Darstellungen bedient. Man muss nicht alle seine Entscheidungen teilen, aber der Kompromiss fällt leicht, wenn dahinter eine interessante Idee für eine filmische Erzählung steht.

Der Regisseur blickt jedoch nicht nur in die Zukunft: die knisternden Blätter unter Micheles und Annas Füßen und der Felsvorsprung ohne Ausweg erinnern an Cabirias Flucht aus Liebe in einem Meisterwerk Fellinis, welches als Echo in etwas völlig Andersartigem zu hören ist. Um zu verstehen, wohin das italienische Kino geht, sollte man diesen Film auf jeden Fall gesehen haben.

Ich bin ein Turiner. Dieser Artikel stammt von unserem Cafébabel Turin Team.