Kultur

Paulo Magalhães & Ana Campos: Postkarten von Unbekannten

Artikel veröffentlicht am 9. November 2012
Artikel veröffentlicht am 9. November 2012
Die beiden Globetrotter Paulo Magalhães, 31, und Ana Campos, 30, stammen ursprünglich aus Portugal und haben ein ausgesprochenes Faible für Postkarten. Um noch mehr Post aus aller Welt zu erhalten, haben sie die Internet-Plattform postcrossing.com gegründet.
Ein überraschender Selbstläufer: Denn viele Leute haben sich seitdem registriert, um in unserer digitalisierten Welt handschriftliche Karten an Unbekannte zu schreiben.

Vom Herbstanfang ist an diesem Freitagmorgen in Berlin nichts zu spüren. Die Sonne scheint warm auf die Gehsteige Neuköllns, viele Berliner und einige Hinzugezogene laufen durch die Straßen oder sonnen sich auf Bänken am Straßenrand. In einem Imbiss in der Karl-Marx-Straße dreht sich der wohl mit Abstand größte Döner, den ich je gesehen habe. 

Hinter einem Torbogen liegt versteckt das Café Rix. Hier treffe ich mich mit Paulo Magalhães und Ana Campos. Die beiden Portugiesen wohnen in der Nachbarschaft und mögen das Café vor allem für seine historische Inneneinrichtung, sein Kaffeehausflair und die imposante Decke mit Goldstuck. Einen Blick soll ich unbedingt einmal hineinwerfen, doch dann setzen wir uns lieber unter einen Sonnenschirm im Hofgarten.

E-Mail? Postkarte für dich

Vor rund sieben Jahren haben Magalhães und Campos postcrossing.com gegründet – eine Internet-Plattform, die Menschen aus aller Welt die Möglichkeit geben soll, sich fernab der virtuellen Welt Postkarten zu schicken. Nach Zufallsprinzip bekommt man Adressen zugelost, an die man Postkarten verschicken kann, und erhält ebenso zufällig Postkarten zurück. „Ich hatte ganz egoistische Gründe, die Seite ins Leben zu rufen“, gibt der 31-jährige Magalhães zu. Er habe schon immer gerne Post aus fremden Ländern erhalten. Doch die paar Ansichtskarten seiner Freunde und Verwandten wären ihm irgendwann nicht mehr genug gewesen.

Die ersten Karten schickten sich Campos und Magalhães untereinander, doch da sie dafür noch nicht einmal eine Briefmarke auf die Karte kleben mussten, erzählten sie ihren Freunden von ihrer Idee. Bald setzte ein Schneeballeffekt ein, den weder Campos noch Magalhães vorhergesehen hatten. Es dauerte nur einen Monat und schon hielten sie Karten aus anderen Ländern, bald Karten von anderen Kontinenten in den Händen. „Als sich Menschen aus China und Russland registrierten, wurde uns bewusst, dass unser Projekt langsam internationale Ausmaße annimmt“, sagt Magalhães und scheint dabei noch immer erstaunt zu sein. Mittlerweile haben sich Menschen aus 212 Ländern registriert. Über 14 Millionen Postkarten wurden bereits verschickt.

Der 30-jährigen Ana Campos ging es nicht in erster Linie darum, schöne Karten zu erhalten – lieber verschickt sie welche: „Für mich ist es der schönste Lohn, wenn sich jemand über die Karte freut, die ich für ihn ausgesucht habe.“ Schließlich sei aber auch das Verschicken an sich etwas sehr Persönliches. „Man geht in ein Geschäft, sucht eine passende Karte für den User aus, schreibt persönliche Worte über sich und sein Leben darauf und bringt das fertige Werk zum Briefkasten“, fügt Magalhães hinzu.

Zwei waschechte Globetrotter

Doch den beiden jungen Portugiesen reicht es nicht aus, nur von der Welt zu hören – sie wollen sie auch mit eigenen Augen sehen. So haben sie in den vergangenen sieben Jahren in fünf unterschiedlichen Ländern gelebt. Nach dem gemeinsamen Studium der Computerwissenschaften in Portugal verschlägt es ihn zuerst für ein Praktikum in die Vereinigten Staaten, sie in die Niederlande. Danach ziehen die beiden zusammen nach Shanghai, dann nach Ljubljana und schließlich nach Berlin. „Wir haben uns vorgenommen, solange in einem Land zu wohnen, bis wir es ausgiebig kennengelernt haben“, erzählt Ana. Dabei komme es ihnen nicht ausschließlich darauf an, alle touristischen Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Vielmehr wollen sie den Alltag eines Landes kennenlernen.

In den ersten Jahren nach dem Studium haben beide noch Vollzeit für andere Unternehmen gearbeitet. „Postcrossing war eher eine Freizeitbeschäftigung“, sagt Magalhães. Mittlerweile arbeiten sie ausschließlich für die Internet-Plattform – von zuhause aus. Ein Umstand, der beide oft dazu bringe, viel zu viel zu arbeiten. „Wenn ich in der Nacht eine Nachricht bekomme, dass mit der Seite irgendwas nicht stimmt, stehe ich auf und bringe das in Ordnung“, sagt Magalhães lächelnd.

Noch so viel zu sehen

Dass Paulo Magalhães und Ana Campos ein Paar sind, sieht man nicht auf den ersten Blick, denn sie schreien es nicht in die Welt hinaus und sind in ihrer Körpersprache zueinander doch eher zurückhaltend. Doch nach einer Weile in ihrer Gesellschaft spürt man ihre Verbindung deutlich. Beide lächeln viel, beobachten sich gegenseitig, wenn sie sprechen. Wenn Magalhães in seinen Erzählungen ein wenig zu sehr abschweift, holt Campos ihn wieder lachend zum Thema zurück. 

In der Vergangenheit sind beide nach spätestens zwei Jahren in einem fremden Land wieder umgezogen. Wollten sie ihrem Muster treu bleiben, müssten sie Berlin im April 2013 den Rücken kehren. „Diese ganzen Umzüge bringen so viel Arbeit mit sich“, sagt Magalhães. „Man muss sich nicht nur eine neue Bleibe suchen und seine ganzen Sachen dorthin transportieren, sondern sich ja auch um Steuern und eine Sozialversicherung kümmern.“ Von Umzug zu Umzug sei dies schwieriger geworden. „Also bleiben wir vielleicht noch ein bisschen länger in Berlin“, sagt der 31-Jährige. „Außerdem gibt es ja auch noch so viel zu sehen“, fügt Campos lachend hinzu. „Während wir Slowenien an einem Tag mit dem Auto durchquert haben, kennen wir von Deutschland bislang nur Berlin und Bielefeld“. Postcrossing.com kann sich also auch weiterhin über portugiesische Postkarten aus Deutschland freuen.

Autor: Katharina Gipp

Illustrationen: ©Katharina Gipp